Apple und die Zensur Die schöne neue Freiheit
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 25.05.2010
Stuttgart - Apples Werbeabteilung ist nicht zimperlich: Das iPad nennt sie eine Revolution. Vor zwei Wochen hat sich der kalifornische Technikblogger Ryan Tate per E-Mail bei Apple-Chef Steve Jobs über diese Behauptung beschwert. Revolutionen, stichelte Tate, strebten stets mehr Freiheit an. Dem iPad aber fehlt die zum Internetstandard gewordene Flash-Technologie, die viele Videos und Animationen erst darstellbar macht. Jobs hat viele Einwände gegen Flash, und nun muss der iPad-Nutzer damit leben, dass ihm mit diesem Gerät etliche Angebote im Netz nicht zugänglich sind. Tate bekam Antwort vom Mailkonto steve@apple.com. Doch, stand da zu lesen, das iPad bringe mehr Freiheit: "Freiheit von Programmen, die deine privaten Daten stehlen. Freiheit von Programmen, die deinen Akku lahmlegen. Freiheit von Pornografie."
Ob Jobs wirklich selbst Anfragen beantwortet oder ob PR-Kräfte die Mails des Chefs beantworten, ist nur für Sammler elektronischer Autogramme von Belang. Wichtig ist, dass Apple, eine der umsatzstärksten und einflussreichsten Technologiefirmen, hier freimütig neben eine technische Begründung für den Flash-Boykott eine inhaltlich bevormundende stellt.
Nicht nur Pornokanalabonnenten sehen seit längerem mit Sorge, dass Apple sich nicht nur als Bereitsteller technischer Möglichkeiten zur Informationsverbreitung und -nutzung sieht, sondern als inhaltlich verantwortliche Nutzungsaufsicht. Das hat Steve Jobs schon beim I-Phone demonstriert. Das Telefon lohnt sich erst, wenn man mittels einer Vielzahl kleiner Programme, den Apps, seine Möglichkeiten ausschöpft.
Doch freie Entwickler und externe Anbieter können nicht nach Belieben ihre Waren ins Regal des App-Stores räumen. Apple kontrolliert die Apps und bannt andauernd welche. Offiziell dient das dem Schutz der Kunden vor schlecht programmierter Software, vor nichtigen oder gar schädlichen Programmen. Aber sowohl der "Stern" wie die "Bild"-Zeitung, die mit eigenen Apps mehr oder weniger lockere Inhalte an die Leser bringen wollten, rasselten mit Apples Zensoren aneinander. Die hatten Anstoß an Bildern leicht oder gar nicht bekleideter Damen genommen.
Damals hat sich mancher Beobachter noch schadenfroh über die Nackedeibremse für den Boulevardjournalismus amüsiert. Für ein relevantes Verteilinstrument journalistischer Arbeit hat das kleinformatige Luxushandy bisher noch keiner gehalten. Auf dem iPad aber ruhen ganz andere Hoffnungen. Branchenanalysten bescheinigen dem Gerät das Potenzial, traditionellen Medienhäusern bei entsprechender Aufarbeitung der Angebote verlorene Leserschichten zurückzugewinnen, und zwar bezahlwillige Leser. Das aber führt nun geradewegs in einen Konflikt zwischen der traditionellen Auffassung von Pressefreiheit und Steve Jobs' Annahme einer umfassenden Apple'schen Aufsichtspflicht, die dem iPad-Nutzer die Freiheit von Anstößigem garantiere
Es geht dabei keineswegs nur um nackte Haut. Ende des vergangenen Jahres verwehrte Apple dem unter anderem für den "San Francisco Chronicle" tätigen Karikaturisten Mark Fiore die Verbreitung seiner Arbeiten via App-Store. In diesem Fall machte die Firma im April allerdings einen Rückzieher. Fiores vermeintliches "Lächerlichmachen öffentlicher Personen", so Apples Schelte, war mit dem Pulitzerpreis geehrt worden.
Steve Jobs, 55, war 1976 Mitbegründer von Apple und hat die Firma Ende der 90er Jahre vom Computerbauer in einer Nische zur Premiummarke des digitalen Lifestyles umgebaut. Sein Gespür für Marktlücken ist legendär, seine Überzeugung, stets recht zu haben, auch. Ob er Reizthemen wie Abtreibung, Scientology oder Fragen von Krieg und Frieden ebenfalls für potenziell abträglich halten wird, kann niemand sagen. Reale Nachrichten und Einmischungen in gesellschaftliche Debatten aber, das Geschäft von Zeitungen und Magazinen, lassen sich nicht auf ein positives Markenimage eines Lesegeräts hin optimieren.
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Apple kontrolliert die Apps
Ob Jobs wirklich selbst Anfragen beantwortet oder ob PR-Kräfte die Mails des Chefs beantworten, ist nur für Sammler elektronischer Autogramme von Belang. Wichtig ist, dass Apple, eine der umsatzstärksten und einflussreichsten Technologiefirmen, hier freimütig neben eine technische Begründung für den Flash-Boykott eine inhaltlich bevormundende stellt.
Nicht nur Pornokanalabonnenten sehen seit längerem mit Sorge, dass Apple sich nicht nur als Bereitsteller technischer Möglichkeiten zur Informationsverbreitung und -nutzung sieht, sondern als inhaltlich verantwortliche Nutzungsaufsicht. Das hat Steve Jobs schon beim I-Phone demonstriert. Das Telefon lohnt sich erst, wenn man mittels einer Vielzahl kleiner Programme, den Apps, seine Möglichkeiten ausschöpft.
Doch freie Entwickler und externe Anbieter können nicht nach Belieben ihre Waren ins Regal des App-Stores räumen. Apple kontrolliert die Apps und bannt andauernd welche. Offiziell dient das dem Schutz der Kunden vor schlecht programmierter Software, vor nichtigen oder gar schädlichen Programmen. Aber sowohl der "Stern" wie die "Bild"-Zeitung, die mit eigenen Apps mehr oder weniger lockere Inhalte an die Leser bringen wollten, rasselten mit Apples Zensoren aneinander. Die hatten Anstoß an Bildern leicht oder gar nicht bekleideter Damen genommen.
Es geht um mehr als nackte Haut
Damals hat sich mancher Beobachter noch schadenfroh über die Nackedeibremse für den Boulevardjournalismus amüsiert. Für ein relevantes Verteilinstrument journalistischer Arbeit hat das kleinformatige Luxushandy bisher noch keiner gehalten. Auf dem iPad aber ruhen ganz andere Hoffnungen. Branchenanalysten bescheinigen dem Gerät das Potenzial, traditionellen Medienhäusern bei entsprechender Aufarbeitung der Angebote verlorene Leserschichten zurückzugewinnen, und zwar bezahlwillige Leser. Das aber führt nun geradewegs in einen Konflikt zwischen der traditionellen Auffassung von Pressefreiheit und Steve Jobs' Annahme einer umfassenden Apple'schen Aufsichtspflicht, die dem iPad-Nutzer die Freiheit von Anstößigem garantiere
Es geht dabei keineswegs nur um nackte Haut. Ende des vergangenen Jahres verwehrte Apple dem unter anderem für den "San Francisco Chronicle" tätigen Karikaturisten Mark Fiore die Verbreitung seiner Arbeiten via App-Store. In diesem Fall machte die Firma im April allerdings einen Rückzieher. Fiores vermeintliches "Lächerlichmachen öffentlicher Personen", so Apples Schelte, war mit dem Pulitzerpreis geehrt worden.
Steve Jobs, 55, war 1976 Mitbegründer von Apple und hat die Firma Ende der 90er Jahre vom Computerbauer in einer Nische zur Premiummarke des digitalen Lifestyles umgebaut. Sein Gespür für Marktlücken ist legendär, seine Überzeugung, stets recht zu haben, auch. Ob er Reizthemen wie Abtreibung, Scientology oder Fragen von Krieg und Frieden ebenfalls für potenziell abträglich halten wird, kann niemand sagen. Reale Nachrichten und Einmischungen in gesellschaftliche Debatten aber, das Geschäft von Zeitungen und Magazinen, lassen sich nicht auf ein positives Markenimage eines Lesegeräts hin optimieren.
Kommentare (5)
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Gradraus,
26.05.2010
Thema nicht verstanden
@Hans Novel
Leider habe Sie offenbar das Thema nicht verstanden. Hier geht es nicht darum, irgendwelchen Schmuddelkram abzuwehren - was ja in den USA sowieso immer gemacht wird, zumindest oberflächlich - nein, hier geht es um knallharte Zensur seitens Apple/Jobs.
Leider habe Sie offenbar das Thema nicht verstanden. Hier geht es nicht darum, irgendwelchen Schmuddelkram abzuwehren - was ja in den USA sowieso immer gemacht wird, zumindest oberflächlich - nein, hier geht es um knallharte Zensur seitens Apple/Jobs.
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