Sillenbucher Satzleserei
Artikel aus der vom 31.05.2010
Das Kettensägenmassaker von Sillenbuch sieht folgendermaßen aus: "Ich wohne in Stuttgart, habe einen tollen, erfolgreichen Mann. Wir haben ein eigenes Häuschen mit Vorgarten in Sillenbuch, einen Zweitwagen und zwei entzückende hochbegabte Kinder, ein Mädchen und ein Junge namens Lisa und Paul, die auf die deutsch-französische Grundschule gehen." Die Frau, die sich nichts Schöneres als eben das vorstellen kann, heißt Line. Die Frau, die das mehr als alles Andere abstößt und ein Kettensägenmassaker tauft, heißt Lila. Beides sind Hauptfiguren in Elisabeth Kabateks Roman Laugenweckle zum Frühstück. Und der, der die Zeilen aus diesem Buch mit tiefer Stimme am vergangenen Samstag vorlas, war Rudolf Guckelsberger.
Das Duo Bernd Möbs und Rudolf Guckelsberger war diesesmal in Sillenbuch unterwegs - beim Literaturspaziergang mit dem Titel "Weitab im Gebirge bei Bauern und Intelligenzbolzen". Zweieinhalb Stunden lang spazierten sie zusammen mit rund 30 Besuchern durch den Bezirk, rasteten an verschiedenen Stellen, erzählten Geschichten, lassen Texte. Ersteres, also das Erzählen, übernahm Möbs, der noch jede noch so kleine Kuriosität mit irgendetwas zu verknüpfen vermochte, was er einmal gelesen hat. Letzteres, das Vorlesen, übernahm Guckelsberger. Er ist Sprecher und Moderator beim Südwestrundfunk.
Nun ist es aber so, dass es an Literarischem wenig gibt, das auf Sillenbuch zurückzuführen wäre. "Goethe und Schiller haben wir nicht im Programm", sagte Möbs, "und auch Mörike, der eigentlich an jeder Kirche vorbei kam hat, war nicht in Sillenbuch". Da mussten sich die Organisatoren schon etwas einfallen lassen. Eine Führung durch Sillenbuch, die nicht unweigerlich auf Clara Zetkin und Friedrich Zundel zu sprechen kommt, ist kaum vorzustellen. Und doch: "Was Literatur betrifft, muss man den Bogen schon sehr weit spannen", sagte Möbs.
Was er denn auch tat. Die Kommunistin Zetkin, die 1903 an die Kirchheimer Straße zog, hat zwar keine Gedichte geschrieben. Dafür aber eine Abhandlung über "Kunst und Proletariat", wie den Ausführungen Möbs zu entnehmen war. Ihr Ehemann Zundel malte Bilder arbeitender Menschen, auch er schrieb keine Gedichte. Aber ein paar Zeilen aus Briefen, die sich die linke Elite vor mehr als 100 Jahren schickten, sollten reichen. Mit ihnen ließen Möbs und Guckelsberger den revolutionären Geist zumindest für einen Moment wieder auferstehen, der damals durch den noch eigenständigen Ort hoch über Stuttgart wehte. Rosa Luxemburg war zu Gast in der "Datscha Zundel" gewesen, Karl Liebknecht, August Bebel und auch Lenin.
Am Ringelnatzweg folgte eine kurze Abhandlung über den 1934 gestorbenen Dichter. An der Walter-Flex-Straße stimmte Möbs das Lied "Wildgänse rauschen durch die Nacht" an, dass der Weltkriegsveteran Flex 1917 gedichtet hat. "Die NPD, die sozialistische Jugend, Heino, alle singen das gern", sagte Möbs.
Schließlich der Abstieg "zum größten deutschen Dichter Sillenbuchs". Der führte die Straßen am Hang Alt-Sillenbuchs hinab bis vor das Haus von Manfred Rommel. Der frühere Oberbürgermeister Stuttgarts zeichnet verantwortlich für so manche wegweisenden Sätze. Wie etwa folgende: "Der Schwaben Klugheit ist kein Rätsel. Die Lösung heißt: die Laugenbrezel. Schon trocken gibt dem Hirn sie Kraft. Mit Butter wirkt sie fabelhaft. Erleuchtet mit der Weisheit Fackel, den Verstand vom größten Dackel."
Nur wenige Meter weiter, am scheinbar dauerfinsteren Nordhang Sillenbuchs, lässt Martin Walser im Übrigen seinen Helmut Halm im Roman "Brandung" wohnen. Der Literat Walser kann sich keinen abstoßenderen Ort vorstellen, den er dem sonnigen Kalifornien gegenüber stellen könnte.
Am Donnerstag sind Bernd Möbs und Rudolf Guckelsberger in Degerloch unterwegs und reden über die "Poesie der Weinsteige". Los geht es um 15 Uhr an der Epplestraße 2.
Das Duo Bernd Möbs und Rudolf Guckelsberger war diesesmal in Sillenbuch unterwegs - beim Literaturspaziergang mit dem Titel "Weitab im Gebirge bei Bauern und Intelligenzbolzen". Zweieinhalb Stunden lang spazierten sie zusammen mit rund 30 Besuchern durch den Bezirk, rasteten an verschiedenen Stellen, erzählten Geschichten, lassen Texte. Ersteres, also das Erzählen, übernahm Möbs, der noch jede noch so kleine Kuriosität mit irgendetwas zu verknüpfen vermochte, was er einmal gelesen hat. Letzteres, das Vorlesen, übernahm Guckelsberger. Er ist Sprecher und Moderator beim Südwestrundfunk.
Nun ist es aber so, dass es an Literarischem wenig gibt, das auf Sillenbuch zurückzuführen wäre. "Goethe und Schiller haben wir nicht im Programm", sagte Möbs, "und auch Mörike, der eigentlich an jeder Kirche vorbei kam hat, war nicht in Sillenbuch". Da mussten sich die Organisatoren schon etwas einfallen lassen. Eine Führung durch Sillenbuch, die nicht unweigerlich auf Clara Zetkin und Friedrich Zundel zu sprechen kommt, ist kaum vorzustellen. Und doch: "Was Literatur betrifft, muss man den Bogen schon sehr weit spannen", sagte Möbs.
Was er denn auch tat. Die Kommunistin Zetkin, die 1903 an die Kirchheimer Straße zog, hat zwar keine Gedichte geschrieben. Dafür aber eine Abhandlung über "Kunst und Proletariat", wie den Ausführungen Möbs zu entnehmen war. Ihr Ehemann Zundel malte Bilder arbeitender Menschen, auch er schrieb keine Gedichte. Aber ein paar Zeilen aus Briefen, die sich die linke Elite vor mehr als 100 Jahren schickten, sollten reichen. Mit ihnen ließen Möbs und Guckelsberger den revolutionären Geist zumindest für einen Moment wieder auferstehen, der damals durch den noch eigenständigen Ort hoch über Stuttgart wehte. Rosa Luxemburg war zu Gast in der "Datscha Zundel" gewesen, Karl Liebknecht, August Bebel und auch Lenin.
Am Ringelnatzweg folgte eine kurze Abhandlung über den 1934 gestorbenen Dichter. An der Walter-Flex-Straße stimmte Möbs das Lied "Wildgänse rauschen durch die Nacht" an, dass der Weltkriegsveteran Flex 1917 gedichtet hat. "Die NPD, die sozialistische Jugend, Heino, alle singen das gern", sagte Möbs.
Schließlich der Abstieg "zum größten deutschen Dichter Sillenbuchs". Der führte die Straßen am Hang Alt-Sillenbuchs hinab bis vor das Haus von Manfred Rommel. Der frühere Oberbürgermeister Stuttgarts zeichnet verantwortlich für so manche wegweisenden Sätze. Wie etwa folgende: "Der Schwaben Klugheit ist kein Rätsel. Die Lösung heißt: die Laugenbrezel. Schon trocken gibt dem Hirn sie Kraft. Mit Butter wirkt sie fabelhaft. Erleuchtet mit der Weisheit Fackel, den Verstand vom größten Dackel."
Nur wenige Meter weiter, am scheinbar dauerfinsteren Nordhang Sillenbuchs, lässt Martin Walser im Übrigen seinen Helmut Halm im Roman "Brandung" wohnen. Der Literat Walser kann sich keinen abstoßenderen Ort vorstellen, den er dem sonnigen Kalifornien gegenüber stellen könnte.
Am Donnerstag sind Bernd Möbs und Rudolf Guckelsberger in Degerloch unterwegs und reden über die "Poesie der Weinsteige". Los geht es um 15 Uhr an der Epplestraße 2.
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