Vergebung

Fernab jeglicher Realität

Ulrich Kriest, veröffentlicht am 02.06.2010
Filmbeschreibung
Nach dem durchaus ambitionierten Start der Verfilmung der Krimi-Bestseller-Trilogie des Schweden Stieg Larsson mit "Verblendung" im Herbst 2009 enttäuschte der folgende Cliffhanger "Verdammnis" bereits durch seine formatierte Schwerfälligkeit, die dem Zuschauer einhämmerte: Nichts wird je vergessen! Der Regisseur Daniel Alfredson schien zudem den Ehrgeiz seines Vorgängers Niels Arden Oplev, eine filmische Antwort auf die komplexen Charakterzeichnungen und die politischen Zusammenhänge der Romanvorlage zu entwickeln, nicht zu teilen und drehte stattdessen solide, uninspirierte, handelsübliche Ware von der Stange. Was man für die Schwäche des undankbaren Mittelteils einer Trilogie hätte halten können, offenbart sich im Finale allerdings als prinzipielle Mittelmäßigkeit einer Bestsellerverfilmung, die keinen potenziellen Zuschauer verschrecken, überfordern oder gar beunruhigen will.

"Vergebung" beginnt unmittelbar nach dem für Lisbeth Salander fast tödlich verlaufenen Zusammentreffen mit ihrem Vater, dem aus dem Osten übergelaufenen Supergangster Alexander Zalatschenko und ihrem deutschstämmigen Stiefbruder Roland Niedermann. Jetzt liegt Lisbeth mit einer Kugel im Kopf in der Notaufnahme, während "Zala" gleichfalls schwer verletzt nur einen Flur entfernt auf eine problemlose Rekonvaleszenz hofft.

Währenddessen gehen außerhalb der Krankenhausmauern die Ränkespiele weiter: Einflussreiche Polit- und Polizeikreise versuchen zunächst, ihre Verwicklung in die Machenschaften "Zalas" zu vertuschen, während der investigative Journalist Mikael Blomkvist genau dies zu verhindern sucht, zumal er Entlastungsmaterial für Lisbeth braucht, der immer noch eine Anklage für dreifachen Mord an ihrem Vormund Niels Bjurman und den beiden "Freelance"-Journalisten droht. Immerhin kommt "Vergebung" ohne Umschweife zur Sache, verlässt sich darauf, dass der Zuschauer mühelos über die beiden vorangegangenen Kinostücke verfügt oder zumindest Larssons Romane kennt. Damit diese Strategie verfängt, braucht der Film die Reduktion von Komplexität, müssen doch trotzdem noch allerlei Erzählfäden aufgegriffen und ausbuchstabiert werden, bis die Verschwörung der alten Männer in ihren grauen Anzügen vom Tisch gefegt ist.

Was dabei herauskommt, ist Kolportage reinsten Wassers. Denn so einflussreich die Verschwörer auch gezeigt werden, so reibungs- und problemlos wird ihnen hier in zweieinhalb Stunden der Garaus gemacht. Als sich der Supergangster "Zala" anmaßt, noch vom Krankenlager aus Befehle zu erteilen, findet sich rasch ein krebskranker Mittäter, der sich bereitfindet, die Drecksarbeit seiner Hinrichtung zu übernehmen. Wenn ein böser Gutachter versucht, der genesenen Lisbeth habhaft zu werden, findet sich bestimmt ein guter Arzt, der sie eine Zeit lang schützt. Vor Gericht übernimmt dann Lisbeth selbst nach langem Schweigen die Initiative und demontiert mit brillanter Rhetorik die Anklage der Staatsanwaltschaft.

Das alles ist unfassbar trivial; der Politthriller aus Schweden ist ungefähr so realitätsgesättigt wie der "Herr der Ringe" - und der Zuschauer im Kinosaal freut sich, dass "die Mächtigen", die im Verborgenen ihre Machenschaften gepflegt haben, in ihrer Erich-Mielke-Haftigkeit endlich doch noch ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.

Dass politische Filme nicht von Politik handeln, sondern mit einem politischen Bewusstsein produziert werden müssen, galt vor Jahren einmal als ausgemacht und war seinerzeit gegen das engagierte Gutmenschenkino eines Costa-Gavras gerichtet. Mittlerweile wäre man ja schon froh, wenn ein Film, der vorgibt, von faschistischen Tendenzen innerhalb einer Gesellschaft, von Kaltem Krieg und dessen nur scheinbarem Ende, von Aufklärung und Gegenaufklärung zu handeln, am Schluss vielleicht einen intellektuellen Brosamen für einen mündigen Zuschauer auf dem Tisch zurückließe, über den nachzudenken sich vielleicht lohnte. Doch die dunkle Seite der schwedischen Gesellschaft, um die es Stieg Larsson bei seiner "Millennium"-Trilogie gegangen sein mag, wird hier mit einer Leichtigkeit exorziert, dass im Zuschauer jeglicher politische Impuls betäubt wird. Der Rest ist Entertainment, das nur so tut, als würde hier wirklich etwas riskiert.
 
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