Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Sonntag, 12. Februar 2012

Wirtschaft & Finanzen


Lotus

Lotus in neuer Blüte

Bernd-Wilfried Kiessler, veröffentlicht am 07.06.2010
Foto: Hersteller

In der ostenglischen Grafschaft Norfolk unweit der Hauptstadt Norwich werden seit 1952 Lotus-Automobile gebaut. Die Marke hätte womöglich das Schicksal vieler anderer Hersteller auf den britischen Inseln erlitten und wäre irgendwann von der Bühne der automobilen Welt verschwunden, wenn sie nicht 1996 von der staatlichen malaysischen Firma Proton übernommen worden wäre.

Heute arbeiten rund 1100 Beschäftigte bei Lotus - 350 von ihnen im Bereich Forschung und Entwicklung, der weltweit Aufträge übernimmt. Die übrigen sollen in diesem Jahr 2400 Autos montieren, davon rund 800 vom Typ Elise, der als Lotus-Klassiker gilt. Denn er wird seit 1995 gebaut - jetzt steht seine dritte Generation bei den Händlern. Der deutsche Lotus-Pressesprecher Andreas Männer freut sich über die erhöhte Aufmerksamkeit: "Dass Lotus in dieser Saison wieder in der Formel 1 mitfährt, kommt uns gerade recht. Es erhöht den Bekanntheitsgrad der Marke ungeheuer."

Das wird nicht nur der neuen Elise nutzen, sondern auch dem 2+2-Sitzer Evora, der ersten echten Lotus-Neuerscheinung seit anderthalb Jahrzehnten und seit 2009 auf dem Markt. Damit wollen die Engländer keinen Geringeren als den Porsche 911 herausfordern. In der Tat sollen die Evora-Produktionszahlen in diesem Jahr vierstellig werden und damit deutlich über denen der kleineren Elise liegen. Mit ihr wurde von Anfang an in die Praxis umgesetzt, was heutzutage bei allen Entwicklungsingenieuren an erster Stelle steht: möglichst geringes Gewicht durch Leichtbau. Zu diesem Zweck wurde ein Aluminium-Chassis entworfen und darauf eine Kunststoffkarosserie aufgebaut. Jener Leichtmetallrahmen diente übrigens auch als Grundlage für den Opel Speedster, der längst Geschichte ist.

Die Elise indes lebt - und wie: Bei ersten Testfahrten auf ebenso engen wie kurvenreichen Landstraßen überzeugte der Zweisitzer durch sein quirliges Fahrverhalten. Sein Stoffverdeck kann von Hand zusammengelegt und im bescheidenen Stauraum hinter dem querstehenden Mittelmotor transportiert werden kann. Mehr als eine mittelgroße Reisetasche fürs Wochenende zu zweit findet dort nicht Platz.

Man lernt in der Elise schnell, die Straßenbeschaffenheit genau im Auge zu behalten, um auch kleineren Unebenheiten möglichst auszuweichen, was dank einer direkten Lenkung (ohne Servounterstützung) blitzschnell möglich ist. Gelingt das nicht und gerät man gar in ein Schlagloch, tut's angesichts des nicht vorhandenen Federwegs einen Schlag - spätestens jetzt weiß man, woher der Begriff für den Straßenschaden stammt.

Obwohl es kein Antischleudersystem an Bord gibt, ist die Gefahr gering, den Kontakt zum Boden zu verlieren: Man hat das Gefühl, beinahe über die Straße zu schleifen - so tief sitzt man in der Elise. Apropos sitzen: Um sich auf den Fahrersitz einzufädeln, schiebt man ihn tunlichst ganz zurück - so gelingt die Überwindung des überbreiten Seitenschwellers etwas leichter. Beifahrerinnen im Minirock braucht man gar nicht erst einzuladen, zumal der zweite Sitz fest eingebaut ist.

Der Antriebsstrang wirkt auf den ersten Blick bürgerlich: 1,6-Liter-Vierzylinder und Sechsgang-Getriebe stammen von Toyota, Lieferant seit 2004, nachdem der ursprüngliche Partner Rover seinen Geist aufgegeben hatte. Die Leistungsdaten sind nicht überbordend - 136 Pferdestärken hat heutzutage manche Familienkutsche, und das Drehmoment von 160 Newtonmetern reißt einen wirklich nicht vom Sitz. Dass man dennoch beim Gasgeben in denselbigen gepresst wird, verdankt die Elise ihrem Leergewicht von weniger als einer Tonne.

Vielleicht noch ein Wort zum Äußeren: Man hat's gegenüber dem Vorgänger etwas geglättet - allzu schrilles Auftreten ist derzeit nicht in Mode. Besonders stolz ist man in Norfolk auf die Verbrauchsminderung: Bei gleicher Leistung und 200 Kubikzentimeter weniger Hubraum verbraucht das neue Modell nunmehr nach der Norm 6,3 anstelle von bisher 8,3 Liter Superbenzin. Der CO2-Ausstoß sank damit von 196 auf 149 Gramm pro Kilometer.

Das Auto

Lotus Elise

Die Fakten Motor Vierzylinder-Benziner, 1598 cm3 Hubraum

Leistung 100 kW/136 PS bei 6800 U/min

Höchstgeschwindigkeit 204 km/h

Beschleunigung 0 bis 100 km/h 6,5 s

Elastizität 80 bis 120 km/h k. A.

Getriebe 6-Gang-Schaltgetriebe

Abmessungen 3785 mm x 1719 mm x 1117 mm

Kofferraumvolumen 112 l

Leergewicht 951 kg

Zulässiges Gesamtgewicht 1266 kg

Reifen Vorderachse 175/55 R16, Hinterachse 225/45 R17

Verbrauch lt. Hersteller 6,3 l/100 km

Tankvolumen 43,5 l

CO2-Ausstoß 149 g/km

Grundpreis 37 449 Euro

Lob und Tadel

Ein Hingucker erster Güteklasse, was das Auto sowohl seiner eigenwilligen Karosserie als auch seiner Seltenheit auf den hiesigen Straßen verdankt.

Der Begriff Straßenlage ist wörtlich zu nehmen - der Roadster liegt wie ein Brett auf der Fahrbahn.

In Sachen Leichtbau ist Lotus der Konkurrenz um Jahre voraus, was angesichts der überschaubaren Motorleistung zu beeindruckenden Fahrwerten führt, die wiederum mit nur mäßigem Verbrauch bezahlt werden müssen.

Wem nach mehr Motorleistung ist, kann sich für die stärkere Elise R mit 141 kW (192 PS) oder die Elise SC mit 161 kW (220 PS) starkem Turbomotor entscheiden.

Problemloser Ein- und Ausstieg ist nur durchtrainierten Akrobaten in angemessener Sportkleidung möglich.

Eine Federung müssen die Ingenieure bei der Entwicklung des Autos wohl schlicht vergessen haben.

In Sachen Sicherheit beschränkt sich Lotus auf lediglich zwei Frontairbags und ABS - das Anti-Schleuder-Programm ESP ist für die Elise nicht zu haben.
 

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