Wohnen im Alter
Einen alten Baum verpflanzt man nicht?
veröffentlicht am 07.06.2010
Stuttgart - Für Kurt H. stand es schon immer fest. Wenn er einmal in den Ruhestand geht, gründet er irgendwo in Frankreich eine Rentner-WG oder schippert mit seiner Frau auf einem Hausboot auf der Loire. Die meisten Menschen machen sich über den Alterswohnsitz allerdings keine Gedanken - oder zu spät. Denn seit der Einführung der Pflegeversicherung gibt es das klassische Altersheim nicht mehr. Nur wer buchstäblich "auf Krücken daherkommt", erhält von der Pflegeversicherung den Aufenthalt im Pflegeheim finanziert.
Allerdings bietet auch das derzeitige Wohnangebot für ältere Menschen in Form von Pflegeheimen angesichts der künftigen demografischen Entwicklung unter sozialen wie finanziellen Aspekten keine Perspektive. Zu diesem Schluss kommen Jutta Kirchhoff und Bernd Jakobs in ihrem Buch "Wohnformen für Hilfebedürftige" und fordern Lösungen für eine Gesellschaft, "in der man alt werden und sein kann".
Voraussetzungen dafür sei aber eine "eigene Häuslichkeit", in der eine selbstständige Lebensführung erhalten werden kann, und ein bauliches und soziales Umfeld, in dem das Alter dazugehöre. Ein Quartier, das den Ansprüchen hilfebedürftiger Menschen gerecht werde, müsse über Wohnungsangebot und Barrierefreiheit hinaus eine Infrastruktur aufweisen, die die Alltagsversorgung und Pflege der Bewohner sicherstelle und in sozialer Dimension eine ausreichende Integrationskraft aufweise.
Die derzeitigen Pflegestufen und Pflegeheime würden die Betroffenen eher separieren, statt sie als Teil der Gesellschaft zu sehen, kritisieren die Autoren. Kirchhoff und Jakobs weisen mit Blick auf die zahlreichen Seniorenwohnprojekte darauf hin, dass es unsinnig sei, die anstehenden Aufgaben in erster Linie nur über Neubaumaßnahmen anzugehen. Für Hochbetagte seien neue Wohnsituationen völlig unangebracht, auch Wohngemeinschaften stießen nur selten auf Interesse. Es sei auch unrealistisch, davon auszugehen, dass sich Millionen Menschen in Kleingruppen fänden und für ihren Lebensabend Projekte in zentraler Lage ihres Quartiers entwürfen. Für die Autoren kommt der engeren Wohnumgebung im Alter eine besondere Bedeutung zu. Deshalb müssten Lösungen zuerst im Bestand ansetzen. Also überall dort, wo die Menschen wohnen: im heterogenen innerstädtischen Altbau-Quartier, in Siedlungen der Zwischen- und Nachkriegszeit, in Großsiedlungen der 70er Jahre, im Einfamilienhausgebiet, in kleinstädtischen Strukturen und auf dem Dorf. Derzeit fehle noch eine sinnvoll gesteuerte und landesbezogene oder regional übergreifende Planung, die Bedarfe ermittelt, Maßnahmen empfiehlt, Finanzierungswege aufzeigt und zur Steuerung von Entwicklungen beiträgt. Das führe dazu, dass noch immer neue Seniorenresidenzen und Pflegeheime auf der grünen Wiese entstünden, obwohl die Qualifizierung von Quartieren und Nachbarschaften ein aussichtsreicherer Weg für die Bewältigung der anstehenden Aufgaben sei, so die Autoren.
So viele Mehrgenerationenhäuser kann man gar nicht bauen, um die demografische Entwicklung aufzufangen
Klaus-Dieter Edelmann vom Bürgerservice Leben im Alter in Stuttgart sieht die Quartiersentwicklung in der Landeshauptstadt erst am Anfang, ist aber auch skeptisch: "Wenn man nicht fördert, hat man allerdings kaum Steuerungsmöglichkeiten." Zumal Quartiersentwicklungen auch maßgeblich von der Beteiligung der Menschen abhingen, die dort wohnen. Die notwendige Vielfalt brauche vor allem aber gute Startbedingungen. Und da müssten die Kommunen und Wohnungsunternehmen noch viel kreativer werden, glaubt Edelmann.
Vor zwei Jahren gründeten deshalb auch 13 Stuttgarter Wohnungsunternehmen den Verein Integrative Wohnformen. Die Initiative, deren Mitglieder in der Landeshauptstadt insgesamt rund 23.000 Wohnungen betreuen, hat sich zum Ziel gesetzt, ihren älteren Mietern möglichst lange den Verbleib in der gewohnten Umgebung zu ermöglichen, Generationen wieder zusammenzuführen, die Gemeinschaft im Quartier zu fördern sowie den Aufbau von ehrenamtlichen Strukturen zu unterstützen. Das ist aber nur eines von vielen Projekten, die es mittlerweile in der Landeshauptstadt gibt.
Obwohl heute viel von Alten-WGs und Mehrgenerationenwohnen die Rede sei, stellt etwa Weeber + Partner in einem Forschungsbericht zu den Wohnbedürfnissen und Qualitäten der Generation 50 plus fest, kämen diese Wohnformen für viele Senioren aktuell nicht infrage, ist die Erfahrung von Klaus-Dieter Kadner. Für den geschäftsführenden Vorstand der Baugenossenschaft Feuerbach-Weilimdorf ist es von zentraler Bedeutung, wie künftig all jenen alten Menschen Wohnraum bereitgestellt werden kann, die noch nicht "auf dem Krückstock daherkommen". "So viele Mehrgenerationenhäuser kann man gar nicht bauen, um die demografische Entwicklung aufzufangen", ist sich Kadner sicher.
Deshalb setzt der Verein Integrative Wohnformen auch auf die Förderung barrierefreier Wohnungen, die kostenlose Bereitstellung von Gemeinschaftsräumen und einen ambulanten Dienst vor Ort, der in der Landeshauptstadt im Endausbau auch rund um die Uhr zur Verfügung stehen soll, erklärt Alexandra Schäfer, Vorsitzende des Vereins.
Andererseits hat sich das Bild der älteren Menschen gewandelt. Die "neuen Alten" hätten nur wenig gemeinsam mit den genügsamen und rückwärtsgewandten alten Menschen, die heute noch bei vielen das Bild vom Alter prägten, so die Stadtplaner Weeber + Partner in ihrer Untersuchung. Fast alle möchten auch im Alter so lange wie möglich selbstbestimmt in der eigenen Wohnung und im vertrauten Viertel leben, und fast alle möchten nicht über ihr Alter klassifiziert werden. Hier böten innerstädtische Mischgebiete am ehesten die gewünschte Vielfalt an Nutzungen, Lebendigkeit und die Möglichkeit, auf kurzem Wege möglichst viel zu erreichen, so die Studie. Dabei müssten die älteren Menschen aber nicht nur als Zielgruppe für Betreuungsleistungen, sondern auch als Stadtnutzer wahrgenommen werden. Die Studie der Stadtplaner räumt auch mit dem weit verbreiteten Irrglauben auf, ältere Menschen brauchten vor allem kleinere Wohnungen. Im Gegenteil: im Alter werde die Wohnung immer mehr zum Lebensmittelpunkt, und ihre Rolle für das persönliche Wohlbefinden immer wichtiger. So sei ein eigenständiges kleines Ein-Zimmer-Apartment "mit Sicherheit" zu wenig, zumindest ein Schlafbereich sollte sich abgrenzen lassen. Großzügigkeit sei das A und O, wobei vielfach offene Grundrisse gewünscht würden. Zunehmend spielt bei der nachfolgenden Altersgeneration auch die Hausgemeinschaft eine Rolle.
Viele wollten bewusst nicht allein sein und wählten sich nach ihrem Gusto eine Hausgemeinschaft, in der sie die Intensität des Zusammenlebens mitgestalten können. Dabei könne die Form der Gemeinschaftlichkeit ein ausdrückliches Konzept oder ein willkommenes Nebenprodukt sein. Gut funktioniere es dort, wo sich Kontakte, gemeinsame Aktivitäten und gelegentliche gegenseitige kleinere Hilfeleistungen zwanglos aus dem Alltag heraus ergäben, heißt es in der Studie von Weeber + Partner.
Literatur: Wohnformen für Hilfebedürftige, Bauforschung für die Praxis, Band 94, Jutta Kirchhoff, Bernd Jakobs, 2010, ISBN 978-3-8167-8222-3, Fraunhofer IRB Verlag; Wohnen 50 plus, Anforderungen - Fakten - Beispiele, Weeber + Partner, ISBN 978-3-8030-0715-5; Infos: www.integrative-wohnformen.de, www.stuttgart.de (Leben im Alter)
Allerdings bietet auch das derzeitige Wohnangebot für ältere Menschen in Form von Pflegeheimen angesichts der künftigen demografischen Entwicklung unter sozialen wie finanziellen Aspekten keine Perspektive. Zu diesem Schluss kommen Jutta Kirchhoff und Bernd Jakobs in ihrem Buch "Wohnformen für Hilfebedürftige" und fordern Lösungen für eine Gesellschaft, "in der man alt werden und sein kann".
Voraussetzungen dafür sei aber eine "eigene Häuslichkeit", in der eine selbstständige Lebensführung erhalten werden kann, und ein bauliches und soziales Umfeld, in dem das Alter dazugehöre. Ein Quartier, das den Ansprüchen hilfebedürftiger Menschen gerecht werde, müsse über Wohnungsangebot und Barrierefreiheit hinaus eine Infrastruktur aufweisen, die die Alltagsversorgung und Pflege der Bewohner sicherstelle und in sozialer Dimension eine ausreichende Integrationskraft aufweise.
Die derzeitigen Pflegestufen und Pflegeheime würden die Betroffenen eher separieren, statt sie als Teil der Gesellschaft zu sehen, kritisieren die Autoren. Kirchhoff und Jakobs weisen mit Blick auf die zahlreichen Seniorenwohnprojekte darauf hin, dass es unsinnig sei, die anstehenden Aufgaben in erster Linie nur über Neubaumaßnahmen anzugehen. Für Hochbetagte seien neue Wohnsituationen völlig unangebracht, auch Wohngemeinschaften stießen nur selten auf Interesse. Es sei auch unrealistisch, davon auszugehen, dass sich Millionen Menschen in Kleingruppen fänden und für ihren Lebensabend Projekte in zentraler Lage ihres Quartiers entwürfen. Für die Autoren kommt der engeren Wohnumgebung im Alter eine besondere Bedeutung zu. Deshalb müssten Lösungen zuerst im Bestand ansetzen. Also überall dort, wo die Menschen wohnen: im heterogenen innerstädtischen Altbau-Quartier, in Siedlungen der Zwischen- und Nachkriegszeit, in Großsiedlungen der 70er Jahre, im Einfamilienhausgebiet, in kleinstädtischen Strukturen und auf dem Dorf. Derzeit fehle noch eine sinnvoll gesteuerte und landesbezogene oder regional übergreifende Planung, die Bedarfe ermittelt, Maßnahmen empfiehlt, Finanzierungswege aufzeigt und zur Steuerung von Entwicklungen beiträgt. Das führe dazu, dass noch immer neue Seniorenresidenzen und Pflegeheime auf der grünen Wiese entstünden, obwohl die Qualifizierung von Quartieren und Nachbarschaften ein aussichtsreicherer Weg für die Bewältigung der anstehenden Aufgaben sei, so die Autoren.
So viele Mehrgenerationenhäuser kann man gar nicht bauen, um die demografische Entwicklung aufzufangen
Klaus-Dieter Edelmann vom Bürgerservice Leben im Alter in Stuttgart sieht die Quartiersentwicklung in der Landeshauptstadt erst am Anfang, ist aber auch skeptisch: "Wenn man nicht fördert, hat man allerdings kaum Steuerungsmöglichkeiten." Zumal Quartiersentwicklungen auch maßgeblich von der Beteiligung der Menschen abhingen, die dort wohnen. Die notwendige Vielfalt brauche vor allem aber gute Startbedingungen. Und da müssten die Kommunen und Wohnungsunternehmen noch viel kreativer werden, glaubt Edelmann.
Vor zwei Jahren gründeten deshalb auch 13 Stuttgarter Wohnungsunternehmen den Verein Integrative Wohnformen. Die Initiative, deren Mitglieder in der Landeshauptstadt insgesamt rund 23.000 Wohnungen betreuen, hat sich zum Ziel gesetzt, ihren älteren Mietern möglichst lange den Verbleib in der gewohnten Umgebung zu ermöglichen, Generationen wieder zusammenzuführen, die Gemeinschaft im Quartier zu fördern sowie den Aufbau von ehrenamtlichen Strukturen zu unterstützen. Das ist aber nur eines von vielen Projekten, die es mittlerweile in der Landeshauptstadt gibt.
Obwohl heute viel von Alten-WGs und Mehrgenerationenwohnen die Rede sei, stellt etwa Weeber + Partner in einem Forschungsbericht zu den Wohnbedürfnissen und Qualitäten der Generation 50 plus fest, kämen diese Wohnformen für viele Senioren aktuell nicht infrage, ist die Erfahrung von Klaus-Dieter Kadner. Für den geschäftsführenden Vorstand der Baugenossenschaft Feuerbach-Weilimdorf ist es von zentraler Bedeutung, wie künftig all jenen alten Menschen Wohnraum bereitgestellt werden kann, die noch nicht "auf dem Krückstock daherkommen". "So viele Mehrgenerationenhäuser kann man gar nicht bauen, um die demografische Entwicklung aufzufangen", ist sich Kadner sicher.
Deshalb setzt der Verein Integrative Wohnformen auch auf die Förderung barrierefreier Wohnungen, die kostenlose Bereitstellung von Gemeinschaftsräumen und einen ambulanten Dienst vor Ort, der in der Landeshauptstadt im Endausbau auch rund um die Uhr zur Verfügung stehen soll, erklärt Alexandra Schäfer, Vorsitzende des Vereins.
Andererseits hat sich das Bild der älteren Menschen gewandelt. Die "neuen Alten" hätten nur wenig gemeinsam mit den genügsamen und rückwärtsgewandten alten Menschen, die heute noch bei vielen das Bild vom Alter prägten, so die Stadtplaner Weeber + Partner in ihrer Untersuchung. Fast alle möchten auch im Alter so lange wie möglich selbstbestimmt in der eigenen Wohnung und im vertrauten Viertel leben, und fast alle möchten nicht über ihr Alter klassifiziert werden. Hier böten innerstädtische Mischgebiete am ehesten die gewünschte Vielfalt an Nutzungen, Lebendigkeit und die Möglichkeit, auf kurzem Wege möglichst viel zu erreichen, so die Studie. Dabei müssten die älteren Menschen aber nicht nur als Zielgruppe für Betreuungsleistungen, sondern auch als Stadtnutzer wahrgenommen werden. Die Studie der Stadtplaner räumt auch mit dem weit verbreiteten Irrglauben auf, ältere Menschen brauchten vor allem kleinere Wohnungen. Im Gegenteil: im Alter werde die Wohnung immer mehr zum Lebensmittelpunkt, und ihre Rolle für das persönliche Wohlbefinden immer wichtiger. So sei ein eigenständiges kleines Ein-Zimmer-Apartment "mit Sicherheit" zu wenig, zumindest ein Schlafbereich sollte sich abgrenzen lassen. Großzügigkeit sei das A und O, wobei vielfach offene Grundrisse gewünscht würden. Zunehmend spielt bei der nachfolgenden Altersgeneration auch die Hausgemeinschaft eine Rolle.
Viele wollten bewusst nicht allein sein und wählten sich nach ihrem Gusto eine Hausgemeinschaft, in der sie die Intensität des Zusammenlebens mitgestalten können. Dabei könne die Form der Gemeinschaftlichkeit ein ausdrückliches Konzept oder ein willkommenes Nebenprodukt sein. Gut funktioniere es dort, wo sich Kontakte, gemeinsame Aktivitäten und gelegentliche gegenseitige kleinere Hilfeleistungen zwanglos aus dem Alltag heraus ergäben, heißt es in der Studie von Weeber + Partner.
Literatur: Wohnformen für Hilfebedürftige, Bauforschung für die Praxis, Band 94, Jutta Kirchhoff, Bernd Jakobs, 2010, ISBN 978-3-8167-8222-3, Fraunhofer IRB Verlag; Wohnen 50 plus, Anforderungen - Fakten - Beispiele, Weeber + Partner, ISBN 978-3-8030-0715-5; Infos: www.integrative-wohnformen.de, www.stuttgart.de (Leben im Alter)
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