My Name is Khan

Bollywood macht jetzt auf Hollywood

Tim Schleider, veröffentlicht am 10.06.2010
Filmbeschreibung
Was soll man denn machen, wenn ein fremdländisch aussehender, offenbar hochgradig gestörter Mann mit schwerem Rucksack an der Flughafensperre hängenbleibt und auf die Fragen des Sicherheitspersonals immer nur die gleichen, kurzen, abgehackten Sätze spricht: "Ich muss zum amerikanischen Präsidenten. Ich habe eine Botschaft für ihn." Muss man da nicht alarmiert sein? Muss man da nicht schweres Geschütz auffahren? Und muss man dann nicht höhnisch lachen, wenn das gefährliche Subjekt zu alledem immer nur denselben Kommentar gibt: "Mein Name ist Khan. Und ich bin kein Terrorist."

Vor einem Jahr machte Hollywood auf Bollywood: Danny Boyle erzählte sein Bombaymärchen "Slumdog Millionaire" ganz aus westlich-sozialkritischer Sicht, verquickte es aber höchst wirkungsvoll mit Elementen des klassischen Kostüm-, Musik- und Tanzspektakels im Stile der indischen Filmtraumfabrik.

Nun kommt der Gegenschlag: Bollywood macht auf Hollywood. Der junge indische Regisseur Karan Johar erzählt eine Geschichte aus dem terrorverstörten Amerika, zeigt uns mit opulenten, weit ausholenden Bildern das eigentlich harmonische Leben eines aus Indien eingewanderten jungen Paares an der amerikanischen Westküste, das nach dem 11. September 2001 am wachsenden Fremdenhass seiner Mitbürger zu zerbrechen droht. Johar lässt es dabei weder an großen Gefühlen noch an kleinen Witzen mangeln, untermalt es auch mit schöner, asiatisch schwebender, schwingender Musik - und schafft es in gut zwei Stunden doch tatsächlich, trotz partiell heftiger Gefährdung niemals die Grenze zum peinlichen Kitsch zu überschreiten, sondern stets den eigenen Anspruch im Auge zu behalten. Heraus kommt herrlich unterhaltsames, anspruchsvolles und an manchen Stellen hochgradig rührendes Popcornkino à la India, an dem auch ältere Semester ihren Spaß haben können.

Die beiden größten Stars des indischen Massenkinos, Shah Rukh Khan und Kajol Mukharjee-Devgan, die schon in zahlreichen Bollywoodstreifen heftig das Tanzbein geschwungen haben, sind hier spät noch einmal zu einem ambitionierten Projekt zusammengekommen - ambitioniert deswegen, weil das, was sie hier spielen, nämlich ein Liebespaar aus Muslim und Hindu, von den religiösen Hardlinern in ihrem eigenen Land gar nicht gerngesehen wird. Während auch die konservativen Amerikaner es bekanntlich wenig schätzen, wenn ihnen jemand zeigt, wie pathologisch ihre Ablehnung gegenüber allem Fremden geworden ist.

Die in kräftigen Bonbonfarben geschilderte Idylle von Rizvan, Mandira und deren kleinem Sohn Sameer in San Francisco, der vermeintlichen Hauptstadt der Toleranz, wird nach dem 11. September 2001 jedenfalls schnell brüchig. Ehedem freundliche Nachbarn werden unfreundlich, in Mandiras Kosmetikstudio bleiben die Kunden aus, Sameer findet seinen Schulspind mit Osama-bin-Laden-Bildern verklebt.

Warum Rizvan Khan schließlich seinen Rucksack packt, warum er unbedingt zum Präsidenten will, um ihm mitzuteilen, er heiße Khan, sei aber kein Terrorist, das soll hier nicht verraten sein. Doch auf so viel muss der Zuschauer sich unbedingt einstellen: Es wird ein weit ausholendes Roadmovie, in dem der Hauptdarsteller Khan ganz im Stile Forrest Gumps alle wesentlichen Stationen der amerikanischen Geschichte der vergangenen neun Jahre passiert - um dann in diesem Film am Ende einem ganz neuen Präsidenten zu begegnen, der allein schon mit seiner Hautfarbe die Hoffnung ausdrückt, die Zeit reiner Äußerlichkeiten sei endlich vorbei.

Ja, das hier ist ein Märchen und will ein Märchen sein, das seinem Publikum zum Schluss die Hoffnung vermittelt, alles könne doch noch gut ausgehen, wenn wir nur unseren positiven Gefühlen Ausdruck verleihen. Bezeichnenderweise traute sich selbst nach der Weltpremiere im Februar auf der Berlinale kaum ein Kinokritiker aus der Fraktion der ganz Hartgesottenen, dieses Werk deswegen in Bausch und Bogen zu verdammen.

Dabei sind sowohl die Mittel der Ironie als auch des Zynismus diesem Film so wesensfremd wie seiner Hauptfigur Khan, der an Autismus leidet und nichts anderes versteht als direkte, unverblümte Anrede. Aber selbst bei bösestem Willen muss man das mitreißende Spiel von Shah Rukh Khan und seiner Partnerin Kajol wohl anerkennen, um nicht zu sagen: loben.

So, wie man auch die Aufrichtigkeit der Botschaft kaum in Abrede stellen kann. Und alle Zuschauer guten Willens haben ohnehin bei diesem Film einfach ihre Freude, ihre Aufregung und ihren Spaß. Großes gefühliges Filmfreundherz, was willst du mehr.
 
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