Interrail – das ist mehr als nur eine Fahrkarte für die Bahn. Sie ist das Symbol einer jungen Generation, die in den frühen 80er Jahren – mit Tramperrucksack, Turnschuhen und Birkenstocksandalen – durch Europa reiste. Nie wieder war Bahnfahren so legendär wie damals. Man war jung, hatte Zeit und 21 Länder zum Entdecken. Was die Greyhound-Busse für Amerika, war Interrail für Europa: Der Ruf nach Freiheit, Reisen, Abenteuer. Was ist im Jahr 2010 davon übrig geblieben?
"Interrail war Kult, das war eine prägende Lebenserfahrung", sagt Eberhard Heiduk (48). Als 24-Jähriger reiste er 1986 mit einem Interrail-Ticket durch Europa. "Man hat die Reise im wahrsten Sinne des Wortes erfahren. Als Interrailer lernte man fürs Leben. Sei es, dass einem Geld geklaut oder man von einem Taxifahrer übers Ohr gehauen wurde," berichtet Heiduk. Bis nach Marrakesch kam er mit seinem Ticket. "Interrail, das bedeutete vier Wochen Freiheit."
Für einen Interrailer der achtziger Jahre war das Ziel nebensächlich. Unterwegs sein, egal wohin, das zählte. Wenn dir ein Ziel nicht gefällt, nimmst du eben den nächsten Zug und fährst weiter. Überfüllte Abteile, Schlafen auf dem Gang, mitten in der Nacht auf einem Bahnhof stranden, stundenlange Grenzkontrollen. Wer ein Interrail-Ticket in der Tasche hatte, den störte das nicht. Das gehörte dazu, zur Freiheit und zum Abenteuer auf der Schiene.
"Wir schauten auf die Tafel, auf denen die Fernzüge angeschrieben waren, und entschieden dann ganz spontan, wohin die Reise gehen soll, erinnert sich Eberhard Heiduk." Nur ein Ziel stand unumstößlich fest. Und das jeden Sommer, immer in Hendaye: der Grenzbahnhof zwischen Frankreich und Spanien. "Der ganze Bahnhof war dann voller blonder Däninnen, mit denen wir uns trafen und weiter nach Spanien reisten."
Die Reiseplanung – damals ohne Internet oder Telefon – wurde mit Hilfe eines Kursbuches erledigt. Als Interrail-Reisender erlebte Eberhard Heiduk sogar die Grenzkonflikte zwischen Griechenland und der Türkei. "Unser Zug stand die ganze Nacht auf dem Bahnhof, umringt von bewaffneten türkischen Soldaten. Die Lok wurde abgehängt, niemand durfte aussteigen. Einige betrunkene Norweger haben sie aus dem Zug geprügelt und über Nacht ins Gefängnis geworfen", erinnert sich Heiduk.
Drei Sommer lang bereiste er mit dem Zug ganz Europa. Dann war Schluss, die magische Grenze war erreicht: Damals konnte der Interrail-Pass nur bis zum 26. Lebensjahr beantragt werden.
Wohl kaum eine andere Bahnkarte war so attraktiv und hat junge Menschen auf die Schiene geschickt wie das Interrail-Ticket. Die Bahnkarte wurde 1972, zum 50. Jubiläumstag des Internationalen Eisenbahnverbandes, gestaltet, um jungen Menschen bis 21 Jahren die Möglichkeit zu geben, zu erschwinglichen Bahnpreisen per Zug durch Europa zu reisen. Zwei Jahre später wurde die Altersgrenze auf 23 angehoben, drei Jahre später auf 26 Jahre. Im Jahr 1985 wurde die Attraktivität des Passes mit einer Auswahl von Fährverbindungen erneut gesteigert. Bis heute haben laut Angaben von Eurail Group, die im Auftrag der 26 Bahngesellschaften die Interrail-Produkte verwaltet, sieben Millionen Reisende das Interrail-Angebot genutzt.
Inzwischen ist das Ticket 38 Jahre alt und kann von der Generation Interrail der frühen Tage wieder genutzt werden: 1998 wurde die Altersgrenze für den Interrail-Pass aufgehoben, es wurden neue Preiskategorien eingeführt. "Ein genialer Schachzug", wie Eberhard Heiduk findet. Er freut sich, auch heute wieder zu den Interrailern zu zählen. Denn: "Uns Interrailern von damals schwirrt das Zugreisen noch in den Köpfen herum."
Vergangenes Jahr reiste er zu einem Interrail-Event nach Kopenhagen, im vergangenen Jahr hat er Griechenland mit dem Zug erfahren. "Viele wollen das Lebensgefühl von damals auch heute erleben."
Laut Eurail Group steigt die Anzahl der Interrail-Passagiere an. 2008 reisten 238.400 Europäer mit einem Interrail-Pass, im Vergleich zu 2007 ein Plus von 37 Prozent. Gestiegen ist auch der Anteil der Interrail-Kunden, die 26 Jahre oder älter sind. Den größten Anteil machen die unter 26-Jährigen aus, die meist im Juli und August reisen. Das Ticket wird hauptsächlich von Engländern, Deutschen, Italienern, Schweizern und Franzosen genutzt. Der geringste Verkaufsanteil stammt aus den kleineren osteuropäischen Ländern, berichtet Rachel Morton Young von der Pressestelle der Eurail Group.
"Ein Teil des Anstiegs hat damit zu tun, dass Reisende mehr auf ökologische Gesichtspunkte beim Reisen achten," sagt Rachel Morton Young. Mit ausschlaggebend dürfte auch der Vorteil der spontanen Reiseplanung sein. Während bei Flugreisen Start und Zielpunkt der Reise festgelegt sind, können Zugreisende mit Interrail-Ticket ihre Reisen ganz individuell planen – und das in 30 Ländern mit mehr als 40.000 Bahnhöfen. Einzig im Wohnsitzland, dem Land, in dem der Ticketinhaber in den vergangenen sechs Monaten seinen festen Wohnsitz hatte, ist das Interrail-Ticket nicht gültig. Die Preise für Reisen im eigenen Land sind länderabhängig und enthalten Ermäßigungen zwischen 25 und 50 Prozent des normalen Fahrpreises.
Reisende können zwischen dem Global-Pass für 30 Länder oder einem One-Country-Pass wählen. Über 26-Jährigen steht die Option offen, das Ticket für die 1. Klasse zu buchen. Die Länder-Pässe sind individuell buchbar für drei bis acht Tage Gültigkeit innerhalb eines Monats. Der Interrail Global Senior Pass ist in fünf verschiedenen Varianten verfügbar. Senioren über 60 Jahre kommen beim Kauf eines Global-Passes zusätzlich in den Genuss von zehn Prozent Nachlass auf das Ticket.
Peter Freisberg reiste 1994 zum ersten Mail mit dem Interrail-Ticket durch Europa. Die Leidenschaft des Bahnreisens machte der 35-Jährige zum Beruf: Er betreibt das Interrail-Forum www.interrail.net. Rund 80.000 Zugriffe pro Monat verzeichnet er monatlich, in den Sommermonaten steigen die Zugriffe nach Angaben Freisbergs auf 120.000 Aufrufe. Seine Online-Plattform bietet Tipps für die Reiseplanung, ein Reiseforum, Reiseberichte und Ticketbestellung. Sogar eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die erste Interrail-Tour findet sich auf der Seite, um Neulingen Hilfe bei der Planung zu geben. "Immer mehr ältere Menschen entdecken die Möglichkeiten von Interrail," sagt Peter Freisberg. Den Interrail-Reisenden von heute beschreibt er als intellektuell und ökologisch motiviert. "Das sind keine Urlauber, die sich in einen Billigflieger setzen." Dabei handle es sich vielfach um Senioren, die besonders an Kultur- und Städtereisen interessiert sind.
Wer Interrail nutzt, der möchte die Freiheit des spontanen Reisens erleben, erklärt Freisberg. Ebenso stehen kulturelles Interesse und der Austausch mit anderen Reisenden im Mittelpunkt. "Im Zug erlebt man die Faszination der Distanz, was im Flugzeug so nicht möglich ist." Allerdings habe das Bahnreisen in Zeiten von Hochgeschwindigkeitszügen wie ICE, TGV, Eurostar und Thalys viel von seinem früheren Flair eingebüßt.
Das umfangreiche Forum von Peter Freisberg mit Tipps, Reiseberichten und Online-Ticketshop ist im Internet zu finden unter www.interrail.net In diesem Jahr findet der Interrail-Event für Interrail-Begeisterte aus aller Welt in Budapest vom 27. bis 29. August statt, Infos dazu unter www.bahn.de/p/view/angebot/paesse/interrail/interrail_event_2010.shtml
"Interrail war Kult, das war eine prägende Lebenserfahrung", sagt Eberhard Heiduk (48). Als 24-Jähriger reiste er 1986 mit einem Interrail-Ticket durch Europa. "Man hat die Reise im wahrsten Sinne des Wortes erfahren. Als Interrailer lernte man fürs Leben. Sei es, dass einem Geld geklaut oder man von einem Taxifahrer übers Ohr gehauen wurde," berichtet Heiduk. Bis nach Marrakesch kam er mit seinem Ticket. "Interrail, das bedeutete vier Wochen Freiheit."
Für einen Interrailer der achtziger Jahre war das Ziel nebensächlich. Unterwegs sein, egal wohin, das zählte. Wenn dir ein Ziel nicht gefällt, nimmst du eben den nächsten Zug und fährst weiter. Überfüllte Abteile, Schlafen auf dem Gang, mitten in der Nacht auf einem Bahnhof stranden, stundenlange Grenzkontrollen. Wer ein Interrail-Ticket in der Tasche hatte, den störte das nicht. Das gehörte dazu, zur Freiheit und zum Abenteuer auf der Schiene.
"Wir schauten auf die Tafel, auf denen die Fernzüge angeschrieben waren, und entschieden dann ganz spontan, wohin die Reise gehen soll, erinnert sich Eberhard Heiduk." Nur ein Ziel stand unumstößlich fest. Und das jeden Sommer, immer in Hendaye: der Grenzbahnhof zwischen Frankreich und Spanien. "Der ganze Bahnhof war dann voller blonder Däninnen, mit denen wir uns trafen und weiter nach Spanien reisten."
Die Reiseplanung – damals ohne Internet oder Telefon – wurde mit Hilfe eines Kursbuches erledigt. Als Interrail-Reisender erlebte Eberhard Heiduk sogar die Grenzkonflikte zwischen Griechenland und der Türkei. "Unser Zug stand die ganze Nacht auf dem Bahnhof, umringt von bewaffneten türkischen Soldaten. Die Lok wurde abgehängt, niemand durfte aussteigen. Einige betrunkene Norweger haben sie aus dem Zug geprügelt und über Nacht ins Gefängnis geworfen", erinnert sich Heiduk.
Drei Sommer lang bereiste er mit dem Zug ganz Europa. Dann war Schluss, die magische Grenze war erreicht: Damals konnte der Interrail-Pass nur bis zum 26. Lebensjahr beantragt werden.
Wohl kaum eine andere Bahnkarte war so attraktiv und hat junge Menschen auf die Schiene geschickt wie das Interrail-Ticket. Die Bahnkarte wurde 1972, zum 50. Jubiläumstag des Internationalen Eisenbahnverbandes, gestaltet, um jungen Menschen bis 21 Jahren die Möglichkeit zu geben, zu erschwinglichen Bahnpreisen per Zug durch Europa zu reisen. Zwei Jahre später wurde die Altersgrenze auf 23 angehoben, drei Jahre später auf 26 Jahre. Im Jahr 1985 wurde die Attraktivität des Passes mit einer Auswahl von Fährverbindungen erneut gesteigert. Bis heute haben laut Angaben von Eurail Group, die im Auftrag der 26 Bahngesellschaften die Interrail-Produkte verwaltet, sieben Millionen Reisende das Interrail-Angebot genutzt.
Inzwischen ist das Ticket 38 Jahre alt und kann von der Generation Interrail der frühen Tage wieder genutzt werden: 1998 wurde die Altersgrenze für den Interrail-Pass aufgehoben, es wurden neue Preiskategorien eingeführt. "Ein genialer Schachzug", wie Eberhard Heiduk findet. Er freut sich, auch heute wieder zu den Interrailern zu zählen. Denn: "Uns Interrailern von damals schwirrt das Zugreisen noch in den Köpfen herum."
Vergangenes Jahr reiste er zu einem Interrail-Event nach Kopenhagen, im vergangenen Jahr hat er Griechenland mit dem Zug erfahren. "Viele wollen das Lebensgefühl von damals auch heute erleben."
Laut Eurail Group steigt die Anzahl der Interrail-Passagiere an. 2008 reisten 238.400 Europäer mit einem Interrail-Pass, im Vergleich zu 2007 ein Plus von 37 Prozent. Gestiegen ist auch der Anteil der Interrail-Kunden, die 26 Jahre oder älter sind. Den größten Anteil machen die unter 26-Jährigen aus, die meist im Juli und August reisen. Das Ticket wird hauptsächlich von Engländern, Deutschen, Italienern, Schweizern und Franzosen genutzt. Der geringste Verkaufsanteil stammt aus den kleineren osteuropäischen Ländern, berichtet Rachel Morton Young von der Pressestelle der Eurail Group.
"Ein Teil des Anstiegs hat damit zu tun, dass Reisende mehr auf ökologische Gesichtspunkte beim Reisen achten," sagt Rachel Morton Young. Mit ausschlaggebend dürfte auch der Vorteil der spontanen Reiseplanung sein. Während bei Flugreisen Start und Zielpunkt der Reise festgelegt sind, können Zugreisende mit Interrail-Ticket ihre Reisen ganz individuell planen – und das in 30 Ländern mit mehr als 40.000 Bahnhöfen. Einzig im Wohnsitzland, dem Land, in dem der Ticketinhaber in den vergangenen sechs Monaten seinen festen Wohnsitz hatte, ist das Interrail-Ticket nicht gültig. Die Preise für Reisen im eigenen Land sind länderabhängig und enthalten Ermäßigungen zwischen 25 und 50 Prozent des normalen Fahrpreises.
Reisende können zwischen dem Global-Pass für 30 Länder oder einem One-Country-Pass wählen. Über 26-Jährigen steht die Option offen, das Ticket für die 1. Klasse zu buchen. Die Länder-Pässe sind individuell buchbar für drei bis acht Tage Gültigkeit innerhalb eines Monats. Der Interrail Global Senior Pass ist in fünf verschiedenen Varianten verfügbar. Senioren über 60 Jahre kommen beim Kauf eines Global-Passes zusätzlich in den Genuss von zehn Prozent Nachlass auf das Ticket.
Peter Freisberg reiste 1994 zum ersten Mail mit dem Interrail-Ticket durch Europa. Die Leidenschaft des Bahnreisens machte der 35-Jährige zum Beruf: Er betreibt das Interrail-Forum www.interrail.net. Rund 80.000 Zugriffe pro Monat verzeichnet er monatlich, in den Sommermonaten steigen die Zugriffe nach Angaben Freisbergs auf 120.000 Aufrufe. Seine Online-Plattform bietet Tipps für die Reiseplanung, ein Reiseforum, Reiseberichte und Ticketbestellung. Sogar eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die erste Interrail-Tour findet sich auf der Seite, um Neulingen Hilfe bei der Planung zu geben. "Immer mehr ältere Menschen entdecken die Möglichkeiten von Interrail," sagt Peter Freisberg. Den Interrail-Reisenden von heute beschreibt er als intellektuell und ökologisch motiviert. "Das sind keine Urlauber, die sich in einen Billigflieger setzen." Dabei handle es sich vielfach um Senioren, die besonders an Kultur- und Städtereisen interessiert sind.
Wer Interrail nutzt, der möchte die Freiheit des spontanen Reisens erleben, erklärt Freisberg. Ebenso stehen kulturelles Interesse und der Austausch mit anderen Reisenden im Mittelpunkt. "Im Zug erlebt man die Faszination der Distanz, was im Flugzeug so nicht möglich ist." Allerdings habe das Bahnreisen in Zeiten von Hochgeschwindigkeitszügen wie ICE, TGV, Eurostar und Thalys viel von seinem früheren Flair eingebüßt.
Das umfangreiche Forum von Peter Freisberg mit Tipps, Reiseberichten und Online-Ticketshop ist im Internet zu finden unter www.interrail.net In diesem Jahr findet der Interrail-Event für Interrail-Begeisterte aus aller Welt in Budapest vom 27. bis 29. August statt, Infos dazu unter www.bahn.de/p/view/angebot/paesse/interrail/interrail_event_2010.shtml
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