Die Spuren der Orgelschuhe
Artikel aus der vom 14.06.2010
Die Straßenkloben müssen runter. So nennt Jürgen Mauri seine Schnürschuhe. "Wenn Sie mit den Fingern etwas fühlen wollen, ziehen Sie ja auch keine Skihandschuhe an", sagt er und schlüpft in die feinledernen Halbschuhe. Die stehen neben seinem Arbeitsplatz, sie warten dort auf ihn, angelehnt ans Holz. Jürgen Mauri steigt die eine Stufe hinauf und setzt sich an die Orgel.
Der Platz oben auf der Empore der Sankt-Michael-Kirche ist ihm so vertraut wie seine Füße den Orgelschuhen. Beinahe drei Jahrzehnte zieht er in Sillenbuch die Register und schickt Melancholisches oder Fröhliches zu den Gläubigen hinunter. Jürgen Mauri ist der Kirchenmusiker der katholischen Gemeinde, und Ende Juli ist sein letzter Arbeitstag. Er, 63 Jahre alt, geht in den Ruhestand.
Während Mauri spielt, wiegt er sich leicht nach links, zur Mitte, nach vorn und wieder zur Mitte. Er tut das kaum merklich, nur um Millimeter. Die Luft vibriert. Auf dem Notenblatt steht "pro Organo pleno". Das bedeutet so etwas wie "volle Kraft voraus". Genauso stellt sich der Laie Orgelmusik vor. Aber, sagt Mauri, die Orgel kann auch anders. "Sie ist nicht immer laut und brausend." Nur, damit keine Missverständnisse aufkommen.
Jürgen Mauri ist übrigens auch nicht laut und brausend. Er ist von der Sorte ruhiger Typ, er erzählt einem Fremden wenig von sich aus, wartet lieber die Frage ab, antwortet dann und bringt die Dinge mit wenigen Worten auf den Punkt. Er will nicht alles erklären, weil sich vieles von selbst erklärt. Zum Beispiel, was die Orgel für ihn ist. Das verstehe sich doch von selbst. Er ist Musiker geworden, weil er mit Musik etwas anfangen kann. Es könnte sein, dass einer Arzt oder Landwirt wird, weil die Eltern das verlangen. Zum Musiker wird ein Mensch geboren, ansonsten wird das nichts.
"Die Musik ist ein Teil meines Lebens", sagt er. Er sagt nicht, dass er ohne die Orgel nicht leben kann, oder dass er in andere Welten abdriftet, wenn er an dem riesigen Instrument sitzt, und dass er dann alles um sich herum vergisst. "Das sind mir alles zu große Worte." So zu reden, das wäre nicht die Art von Jürgen Mauri.
Der Job des Kirchenmusikers war genau das Richtige, sagt er. Er war so richtig, wie der Job des Musiklehrers falsch gewesen ist. Das weiß Jürgen Mauri, denn er kennt beides. "In der Kirche hat man mit Leuten zu tun, die freiwillig Musik machen", sagt er. An der Schule hatte er andauernd "Disziplinkonflikte". Das hat nicht nur keinen Spaß gemacht, dass hat ihm irgendwann den letzten Nerv geraubt. "Soll ich das 35 Jahre lang machen?", hat er sich gefragt. Fünfeinhalb Jahre haben gereicht. Er hat sich für die Weiterbildung entschieden.
Der ruhige Musiker drückt auf die Tasten. Die Orgelschuhe rutschen auf den Pedalen herum. Sie wissen genau, wo sie hin müssen. Es sind derart viele Pedale, dass sich Mauris Füße ähnlich bewegen wie seine Hände, hin und her, hin und her. Mal schiebt die linke Fußspitze den rechten Schuh ein bisschen zur Seite, dann entfernt sie sich wieder. Tack-tack, tack-tack, tack-tack, klopfen die dünnen Sohlen leise auf das Holz. An manchen Stellen ist es abgewetzt.
Die Schuhe haben Spuren hinterlassen - und Jürgen Mauri erst recht. Zu denen, die sich in die Gemeinde gegraben haben wie ein Traktorreifen in einen matschigen Feldweg, zu diesen Spuren gehören die Chöre. Als Mauri am 1. Januar 1982 in Sankt Michael ankam, "gab es einen kleinen Kirchenchor". Heute gibt es den Kirchenchor, den Kinderchor, die Spirit Voices und einen ökumenischen Chor mit den Sillenbucher Protestanten zusammen.
All das, seine Orgel, die Kirche, die Gläubigen, all das wird Jürgen Mauri bald zurücklassen. Er versucht, keine große Sache daraus zu machen, das Kapitel einfach abzuschließen. "Man muss es so sehen", sagt er. Er kann sagen was er will, dieser Mann war nicht ein Irgendjemand für Sankt Michael. Dass das so ist, beweist die Tatsache, dass Pater Gottfried zum Adieusagen kommen will. Der langjährige Priester der Gemeinde hatte sich im vergangenen Herbst ebenfalls verabschiedet. Damals wusste er aber noch nicht, dass Mauri es ihm schon bald nachtun würde. Damals wusste es Mauri noch nicht mal selbst.
Die Orgelschuhe ahnen nicht, dass ihre Zeit auf den Pedalen in der Kirche von Sankt Michael gezählt ist. Sie gleiten über das Holz, als würden sie das für immer und ewig tun.
Der Platz oben auf der Empore der Sankt-Michael-Kirche ist ihm so vertraut wie seine Füße den Orgelschuhen. Beinahe drei Jahrzehnte zieht er in Sillenbuch die Register und schickt Melancholisches oder Fröhliches zu den Gläubigen hinunter. Jürgen Mauri ist der Kirchenmusiker der katholischen Gemeinde, und Ende Juli ist sein letzter Arbeitstag. Er, 63 Jahre alt, geht in den Ruhestand.
Während Mauri spielt, wiegt er sich leicht nach links, zur Mitte, nach vorn und wieder zur Mitte. Er tut das kaum merklich, nur um Millimeter. Die Luft vibriert. Auf dem Notenblatt steht "pro Organo pleno". Das bedeutet so etwas wie "volle Kraft voraus". Genauso stellt sich der Laie Orgelmusik vor. Aber, sagt Mauri, die Orgel kann auch anders. "Sie ist nicht immer laut und brausend." Nur, damit keine Missverständnisse aufkommen.
Jürgen Mauri ist übrigens auch nicht laut und brausend. Er ist von der Sorte ruhiger Typ, er erzählt einem Fremden wenig von sich aus, wartet lieber die Frage ab, antwortet dann und bringt die Dinge mit wenigen Worten auf den Punkt. Er will nicht alles erklären, weil sich vieles von selbst erklärt. Zum Beispiel, was die Orgel für ihn ist. Das verstehe sich doch von selbst. Er ist Musiker geworden, weil er mit Musik etwas anfangen kann. Es könnte sein, dass einer Arzt oder Landwirt wird, weil die Eltern das verlangen. Zum Musiker wird ein Mensch geboren, ansonsten wird das nichts.
"Die Musik ist ein Teil meines Lebens", sagt er. Er sagt nicht, dass er ohne die Orgel nicht leben kann, oder dass er in andere Welten abdriftet, wenn er an dem riesigen Instrument sitzt, und dass er dann alles um sich herum vergisst. "Das sind mir alles zu große Worte." So zu reden, das wäre nicht die Art von Jürgen Mauri.
Der Job des Kirchenmusikers war genau das Richtige, sagt er. Er war so richtig, wie der Job des Musiklehrers falsch gewesen ist. Das weiß Jürgen Mauri, denn er kennt beides. "In der Kirche hat man mit Leuten zu tun, die freiwillig Musik machen", sagt er. An der Schule hatte er andauernd "Disziplinkonflikte". Das hat nicht nur keinen Spaß gemacht, dass hat ihm irgendwann den letzten Nerv geraubt. "Soll ich das 35 Jahre lang machen?", hat er sich gefragt. Fünfeinhalb Jahre haben gereicht. Er hat sich für die Weiterbildung entschieden.
Der ruhige Musiker drückt auf die Tasten. Die Orgelschuhe rutschen auf den Pedalen herum. Sie wissen genau, wo sie hin müssen. Es sind derart viele Pedale, dass sich Mauris Füße ähnlich bewegen wie seine Hände, hin und her, hin und her. Mal schiebt die linke Fußspitze den rechten Schuh ein bisschen zur Seite, dann entfernt sie sich wieder. Tack-tack, tack-tack, tack-tack, klopfen die dünnen Sohlen leise auf das Holz. An manchen Stellen ist es abgewetzt.
Die Schuhe haben Spuren hinterlassen - und Jürgen Mauri erst recht. Zu denen, die sich in die Gemeinde gegraben haben wie ein Traktorreifen in einen matschigen Feldweg, zu diesen Spuren gehören die Chöre. Als Mauri am 1. Januar 1982 in Sankt Michael ankam, "gab es einen kleinen Kirchenchor". Heute gibt es den Kirchenchor, den Kinderchor, die Spirit Voices und einen ökumenischen Chor mit den Sillenbucher Protestanten zusammen.
All das, seine Orgel, die Kirche, die Gläubigen, all das wird Jürgen Mauri bald zurücklassen. Er versucht, keine große Sache daraus zu machen, das Kapitel einfach abzuschließen. "Man muss es so sehen", sagt er. Er kann sagen was er will, dieser Mann war nicht ein Irgendjemand für Sankt Michael. Dass das so ist, beweist die Tatsache, dass Pater Gottfried zum Adieusagen kommen will. Der langjährige Priester der Gemeinde hatte sich im vergangenen Herbst ebenfalls verabschiedet. Damals wusste er aber noch nicht, dass Mauri es ihm schon bald nachtun würde. Damals wusste es Mauri noch nicht mal selbst.
Die Orgelschuhe ahnen nicht, dass ihre Zeit auf den Pedalen in der Kirche von Sankt Michael gezählt ist. Sie gleiten über das Holz, als würden sie das für immer und ewig tun.
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