La Nana - Die Perle

Zwischen Ausbeutung und Ersetzbarkeit

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 17.06.2010
Filmbeschreibung
Ach, wo sind sie hin, die treuen Dienstmädchen von einst, die sich noch als Teil der Familie sahen, die sich für die Herrschaften aufopferten, die nicht nach Lohn und Feierabend fragten, die beseelt Sorge trugen, statt nur Anweisungen auszuführen, die dienten im höheren Sinn des Wortes, die sich hingaben, die sich aufopferten, die sich niederwarfen, damit feinere Menschen als ihresgleichen den festen Grund ihres Dienstbotendaseins unter den zarten Füßen haben durften? Diese ekelhafte Klagefrage aus großbürgerlichen Zeiten wird im Zeitalter mühselig auflackierter demokratischer Gesinnung vieler Wohlhabender so nicht mehr gestellt. Sie versteckt sich in der weniger verräterischen Litanei "Ach, man bekommt einfach kein gutes Personal mehr." Allen, die so vor sich hinmaulen, schlägt der chilenische Spielfilm "La Nana - Die Perle" von Sebastián Silva jetzt den hochverdienten nassen Putzlumpen um die Ohren.

In "La Nana" lernen wir ein Hausmädchen kennen, das einerseits fester zur Arbeitgeberfamilie gehört als zur eigenen, die sie schon lange nicht mehr besucht hat: Raquel (Catalina Saavedra), die seit 23 Jahren der Familie Valdez den Dreck fegt, die Windeln wechselt, die Wäsche wäscht, das Essen kocht und aufträgt, die Einkäufe erledigt und was eben noch so nötig wird, damit die anderen ungestört höheren Interessen oder drängenderen Geschäften nachgehen können. Raquel, könnte man sagen, ist der Motor der Familie Valdez.

Nur ist dieses dieser verkleinernden Bezeichnung sowieso entwachsene Hausmädchen nicht glücklich in der Rolle, über die es sich doch definiert. Etwas oder vieles fehlt ihr, etwas lässt sie freudlos und unerfüllt. Aber sie kann mangels Alternativen nicht ohne das leben, was sie vom eigenen Leben abhält. Das ist eine Falle, die wir früh begreifen, in der Raquel aber vielleicht noch viele Jahre eingesperrt geblieben wäre. Aber die Dinge sind schon in Bewegung, als der Film beginnt.

Die Familie Valdez führt einen großen Haushalt, die Kinder, anspruchsvolle Teenager mittlerweile, anspruchsvolle Bürgerprinzen und -prinzessinnen, könnten schon allein eine Hinterherräumkraft gebrauchen, und die Eltern hätten eben gerne auch alles akkurat, gleichzeitig und dezent und wissen Leistungsreserven zu schätzen, wenn zum Beispiel mal Gäste kommen. Mit anderen Worten, Raquel genügt nicht mehr. Die Valdezes stellen eine zweite Kraft ein.

Nun beginnt ein Krieg der Dienstmädchen, denn Raquel schafft die Arbeit zwar unmöglich mehr alleine, sieht die Hilfe aber als Beginn eines Verdrängungsprozesses. Vielleicht erkennt sie auch nur, dass die Hinzuziehung einer zweiten Kraft aus der vermeintlichen Einmaligkeit ihrer bisherigen Position die Austauschbarkeit einer berechenbaren Handreichungsfolge macht: Nun ist sie also eine Maschine in Schürzchen, eine etwas abgenutzte zumal.

Mit sehr trockenem Humor wird also die zweite Falle von Raquels Existenz gezeigt, die Zwickmühle zwischen radikaler Ausbeutung in Alleinstellung hie und radikaler Entwertung der Arbeit durch Beweis der Übertragbarkeit an andere Hände da. Raquel lenkt die Wut über die Situation auf die einander folgenden, nach und nach kapitulierenden neuen Mädchen um. Sie sabotiert deren Arbeit, sie denkt sich Erniedrigungsspielchen aus, sie lockt die Konkurrentin in den Garten und schließt dann die Haustür von innen ab.

Sebastián Silva, Catalina Saavedra und ihr Team finden den genau richtigen Ton für diese Geschichte. Stapfig, mürrisch, schraubstockmundig säuert Raquel durchs Haus, und die dunklen Haare stehen ihr wie eine Rußwolke aus den Kesseln ihres Missmuts um den Kopf. Die Kamera und der Schnitt enthalten sich gepflegter Arrangements, sie bleiben semidokumentarisch, werden aber nie so ruppig, dass sie im Dogmastil zu viel Aufmerksamkeit auf ihre Glätteverweigerung lenkten. Was wir nach und nach sehen, das ist einerseits die Entlarvung der bürgerlichen Heuchelei. Der Valdez-Klüngel tut besorgt, ohne sich aufs Begreifen oder Mitfühlen einlassen zu wollen. Andererseits sehen wir die Solidarität der kleinen Leute am Werk, aber unter voller Ausleuchtung der Schwierigkeiten dieses Projekts. Das Hausmädchen Lucy (Mariana Loyola) wird sich von Raquel nicht wegdrängen lassen, aber bis die beiden miteinander können, das dauert. Und das ist hier so etwas wie der Versuch, doch das richtige Leben mitten im falschen zu finden und zu entfalten.
 
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