Ingeborg und ihr cooles Gedicht fahren U-Bahn

Artikel aus der S-West vom 09.07.2010

Sie fahren jeden Tag gemeinsam Bahn. Ingeborg Wenger und ihr Gedicht. Sie trägt es nicht bei sich, es hängt einfach über ihr. Seit zwei Wochen klebt der Text der Schülerin nämlich auf weißer Folie in den U-Bahnen der Stadt. "Cool", heißt das Gedicht, das sie mit zwölf Jahren geschrieben hat.

"Ich fand es äußerst originell", sagt Ursel Hosch, die in jedem Jahr eine Vorauswahl für die Aktion "Lyrik unterwegs" der Stuttgarter Straßenbahnen AG trifft. Vor mehr als 20 Jahren importierte die studierte Romanistin und Anglistin die Idee für die kostenlose Reiselektüre aus London. Eine Jury entscheidet in jedem Jahr, welche Texte es in die Bahn schaffen.

Wie gut Ingeborgs Texte sind, erzählt Manfred Birk, der Rektor des Dillmann-Gymnasiums, gerne. Er liest sie zumeist als Erster, denn er leitet die Arbeitsgruppe (AG) für Kreatives Schreiben, in der die Schülerin seit knapp drei Jahren dichtet und schreibt. "Sie hat einfach Potential", sagt er. Inhaltsangaben und Interpretationen stehen auf dem Lehrplan, in der AG dürfen die Schüler mit der Sprache aber einmal künstlerisch machen was sie wollen. Oft gibt Birk nur ein Stichwort vor, zu dem die Schüler dann beispielsweise Kurzgeschichten verfassen. In Stuttgart hat nur das Neue Gymnasium Feuerbach noch ein solches Angebot.

Dass die Werke der Schüler nicht einfach in der Schublade verschwinden, dafür setzt sich wiederum Gerda Herrmann ein. Die 79-Jährige hat vor sieben Jahren den Förderkreis Kreatives Schreiben und Musik mitgegründet. "Ich bin einfach beeindruckt was die jungen Schüler für Texte verfassen", sagt Herrmann. Mit Spenden machen die Mitglieder es möglich, dass die Geschichten und Gedichte in Sammelbänden veröffentlicht werden.

In einem dieser Bücher, genauer in "Über Brücken-Texte junger Menschen", fand Ursel Hosch das Gedicht von Ingeborg. So löste die 14-Jährige zunächst ohne ihr Wissen die Fahrkarte für die Bahnreise ihres Werkes. Nun fährt sie ganz gerne gemeinsam mit dem Gedicht. Ein paar Mitschüler haben es auch schon entdeckt.

Was ist cool - damit hat sich Ingeborg auseinander gesetzt. "Es ist eben schwierig zu sagen, weil es sich immer wieder verändert", sagt die Schülerin. Gegelte Haare, Hosen in den Kniekehlen, Senatorentoga und Sandalen oder Bärenfell und Steinlanze. Ihr Gedicht ist eine Reise mit dem Zeitgeist zurück bis zum Anfang der Geschichte. "Was ist cool - der Urknall?", lautet der letzte Satz des Gedichts. Darüber kann man bei der nächsten Bahnfahrt ja einmal nachdenken.

Sammelbände online unter

http://www. dillmann-gymnasium.de
 
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