Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Leonberger Kreiszeitung


"Unser mitgebrachtes Wissen bleibt im Land"

Artikel aus der vom 10.07.2010

Schon während der Realschulzeit in Rutesheim hat sich in mir der Wunsch entwickelt, Hebamme zu werden", sagt Sonja Diesner. Ihre Jahresarbeit verfasste sie über den Sudan, "dort wollte ich einmal hin", betont die 28-jährige Flachterin. Beides hat sie inzwischen in die Tat umgesetzt.

Weil wegen des großen Andrangs bei der Hebammenausbildung das Abitur erforderlich wurde, wechselte sie ans Technische Gymnasium in Leonberg. Bis zum Abitur erlernte sie dort zudem technische Grundfähigkeiten, "weil man mit Technik einfach mehr anfangen kann". Durchaus hilfreich auch für eine mögliche Tätigkeit in Entwicklungs- und Notstandsgebieten, die Sonja Diesner damals schon vorschwebte. "Ich kann löten, schweißen und kenne mich mit elektrischen Schaltungen ganz gut aus", beschreibt sie das Gelernte.

Drei Jahre lang absolvierte Sonja Diesner ihre Ausbildung zur Hebamme an der Heidelberger Universitätsklinik, die notwendigen zwei Jahre praktische Berufserfahrung sammelte sie am Klinikum in Garmisch-Partenkirchen.

Anschließend bewarb sich Sonja Diesner bei der französischen medizinischen Hilfsorganisation Médicins sans Frontières (MSF), Ärzte ohne Grenzen. "Meine Wahl fiel auf die MSF, weil sie Hilfe zur Selbsthilfe in bestehenden Strukturen leisten, vorhandene Standards deutlich verbessern und sehr gut wirtschaften", erklärt sie. "Unser Wissen bleibt im Land, auch wenn wir weiterziehen", erläutert sie die Philosophie der grenzenlosen Ärzte. Von einem Euro fließen nach ihren Angaben 80 Cent in das jeweilige Projekt, zudem biete MSF "eine hervorragende Logistik", bei schwierigen Auslandseinsätzen ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Englisch zu können, ist bei MSF Pflicht, Französisch ist erwünscht, und wenn auch die beruflichen Voraussetzungen stimmen, macht die Organisation Angebote für diverse Hilfsprojekte. Eine Art "Einführung" erfuhr Sonja Diesner im März und April 2009 in Uganda. Dort wurde ein Projekt in die Eigenständigkeit entlassen und an das Gesundheitsministerium übergeben.

"Es ist schon erstaunlich, was Ärzte ohne Grenzen mit sinnvoller und konzentrierter Arbeit in einem begrenzten Zeitraum leisten können", zeigte sich Sonja Diesner hernach beeindruckt. Ihren zweiten "Einsatz" hatte sie in Sri Lanka, wo sie nach der sogenannten "Befriedung" durch die Regierungstruppen in einer großen Klinik zur Versorgung der Flüchtlinge arbeitete. Dort hat Sonja Diesner selbstständig eine Geburtshilfestation geplant und den Aufbau gemanagt. "So habe ich einen Anfang und den Abschluss eines Projektes kennen gelernt und war bereit für den Einsatz in Afrika", sagt sie.

Von Oktober bis Ende Mai 2010 war Sonja Diesner dort, in Aweil, im Südsudan. Ein Land, das jahrzehntelang unter Armut, Hunger und Bürgerkrieg gelitten hat. Seit 2005 gibt es einen fragilen Friedensvertrag, der dem Südsudan temporäre Autonomie bis zu einem Referendum im nächsten Jahr zugesteht.

Arm sind die hoch gewachsenen, selbstbewussten und hart arbeitenden Menschen vom Volk der Dinka, die Hütten aus geflochtenen Strohmatten errichten und Kochstellen mit Holzkohle befeuern. "Reich ist eigentlich nur, wer Arbeit hat", sagt Sonja Diesner, und das sind nicht sehr viele. "Das Land ist karg und staubig, und es scheint, als würden alle Farben fehlen", hat sie einmal in einer E-Mail nach Hause geschrieben. "Alles ist lehmfarben, bis auf das Grün der großen Mangobäume." Da viele Bauern wegen des Bürgerkrieges in die Städte geflohen sind, liegen viele Felder brach. "Der Süden ist überwiegend christlich geprägt, und die Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion leben in guter Einheit miteinander", sagt Sonja Diesner.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt in Aweil das städtische Krankenhaus, mit einem Einzugsgebiet fast so groß wie Baden-Württemberg. Im Jahr 2008 hat die Organisation die Geburtshilfe, die Kinderklinik, den Operationssaal und das Labor übernommen, und seither zu sehr gut funktionierenden Abteilungen ausgebaut. Mit einem Ernährungszentrum soll den immer wieder auftretenden Hungersnöten erfolgreich begegnet werden.

Viel Verantwortung haben Sonja Diesner und ihre vier Kolleginnen. Als Hebamme war sie oberste Instanz für Geburtshilfe, Gynäkologie und Schwangerenambulanz. "Rund 3500 Frauen haben die Schwangerenambulanz in einem Monat aufgesucht, mehr als 200 Kinder wurden monatlich geboren", erinnert sich Sonja Diesner an die turbulenten Monate. Und: Die extrem hohe Müttersterblichkeit wurde durch das Engagement von MSF auf unter ein Prozent gesenkt. Dennoch entbinden die meisten Mütter traditionell zu Hause, auch weil die Wege lang und beschwerlich sind. Bei Komplikationen versuchen sie, irgendwie in die Klinik zu gelangen, oft zu Fuß. Und manchmal ist es dann für Mutter oder Kind zu spät. Wenn geholfen wird, sind die Leistungen von Ärzte ohne Grenzen kostenfrei, ein Anreiz für eine gute Gesundheitsversorgung.

Hebammen wie Sonja Diesner arbeiteten in Aweil im Team, sind für das Management der Abteilung und die Ausbildung der Mitarbeiter zuständig. Davon profitieren die lokalen Kräfte vor Ort, Hebammen, Ärzte und Krankenschwestern. "Sie werden durch konsequente Anleitung und Ausbildung immer kompetenter und unabhängiger, so dass wir die internationalen Hilfskräfte reduzieren konnten", beschreibt sie den Erfolg ihres Einsatzes.

Bald wird nur noch eine Kollegin dort vor Ort sein. "Zu ihr habe ich noch Kontakt, denn man kann nur loslassen, wenn man weiß, dass alles in Ordnung ist."
 
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