Micmacs - Uns gehört Paris!
Bazil und der Kuss der Schlangenfrau
Rupert Koppold, veröffentlicht am 22.07.2010
Filmbeschreibung
The big Sleep" von Howard Hawks, diesen alten Film noir kennt der Pariser Videothekar Bazil auswendig. Einsam und allein sitzt er vor seinem TV-Gerät, spricht die Dialoge mit, ahmt die Mimik von Humphrey Bogart nach. Dann gerät er selber, direkt vor seiner Ladentür, in eine Gangsterszene mit rasenden Autos, quietschenden Reifen und einem Schusswechsel. Nun steckt eine Kugel in seinem Kopf, die sich nicht herausoperieren lässt und ihn jederzeit aus dem Leben holen kann. Schon sein Vater wurde zerfetzt von einer Landmine, deren Hersteller sich der kleine Bazil (Danny Boon) damals genau gemerkt hat, nun findet er heraus, dass "sein" Projektil aus der Fabrik des konkurrierenden Waffenherstellers stammt. So sinnt der inzwischen groß gewachsene, aber kindlich gebliebene Bazil auf Rache.
Und wieder präsentiert der Regisseur Jean-Pierre Jeunet, so wie schon in seinen "Delicatessen" und der "Fabelhaften Welt der Amélie", die Stadt als Wundertüte, welche immer wieder neue und bunte Überraschungen offeriert. Diese Feier von Jugendstil, Expressionismus oder Art déco, die auch mal über die Stadt hinausschießt und den Wiener Karl-Marx-Hof eingemeindet! Oder das pittoreske und akkordeonumspielte Paris, diese Treppen, diese Hinterhöfe und diese gepflasterten Straßen mit ihren Laternen, die schon in die Filme von Jacques Prevert und Marcel Carne hineinfunzelten! Die alte Stadt lebt hier nämlich noch sehr agil neben ihrer moderneren Variante einher. Aber Jeunet zitiert in "Micmacs" nicht nur die Ästhetik des poetischen Realismus, auch die Geschichte selbst ist eine Hommage an die Außenseiter, die Exzentriker und die ein wenig Verrückten, die vom französischen Kino bis in die fünfziger Jahre hinein so sympathisierend und liebevoll begleitet wurden.
Der arbeits- und wohnungslose Bazil trifft auf eine siebenköpfige Gruppe, die von den noch in der Gesellschaft Verankerten wohl als Penner beschimpft und von den Statistiken als Obdachlose geführt würden. In diesem Film aber werden sie gezeigt als eine wunderliche Bande zwar sozial oder körperlich Deformierter, dafür aber jeweils speziell Begabter, die sich unter einer Schrotthalde eine fantastisch ausstaffierte Höhle gebaut haben.
Ein kleinwüchsiger Artist (Dominique Pinon), eine runde Köchin (Yolande Moreau) und eine biegsame Schlangenfrau (Julie Ferrier) sind darunter, und in Letztere ist Bazil bald verliebt. So mischen sich in "Micmacs", der von Anfang an ein bisschen Kinderfilm ist (man darf ruhig an Kästner denken) auch noch das Märchen und der Zirkusfilm dazu. Und weil sich nun alle Höhlenbewohner mit Bazil zusammentun zum großen Coup, bei dem die beiden Waffenhersteller gegeneinander ausgespielt werden sollen, arbeitet Jeunet gleichzeitig auch noch im Rififi-Genre der minutiös geplanten Einbrüche.
Wie eine große Spieluhr schnurrt dieser Coup nun ab, mit einer Fülle ausgetüftelter Kettenreaktionen, bei denen der immense Aufwand in manchmal groteskem Missverhältnis zum Ergebnis steht. In Sequenzen, in denen der kleine Artist auch mal als lebende Kanonkugel herumgeschossen wird, ist einerseits die Lust an der puren Spielerei zu spüren. Anderseits wirkt diese Feier der Mechanik auch wie ein Fanal gegen die allumfassende Computerisierung des Kinos. Da passt es dann auch, dass Bazil respektive dessen Darsteller Danny Boon (Regisseur und Held von "Willkommen bei den Sch"tis") die alten und sozusagen handgemachten Slapstick- und Stummfilmnummern eines Charlie Chaplin zitiert.
Überhaupt weht über diesem Film, dem jeder noch so abstruse Einfall gut genug ist für einen komischen Exkurs, das Banner der Nostalgie. Sogar die beiden verfeindeten Firmenbesitzer mit ihren Hobbys - der eine sammelt Oldtimer, der andere Dinge wie Churchills Fingernägel - wirken wie Karikaturen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Die Welt schien damals vielleicht nicht besser, aber doch übersichtlicher zu sein.
Doch vielleicht greift Jean-Pierre Jeunet auf diese alte Welt gar nicht deshalb zurück, um sich vor unserer heutigen Welt zu drücken. Könnte durchaus sein, dass er die komplizierten modernen Zeiten durch seinen vereinfachenden Blick erst wieder kenntlich machen will. So ist "Micmacs" auch ein Film gewordener Appell: Es lebe die Solidarität der kleinen Leute!
Und wieder präsentiert der Regisseur Jean-Pierre Jeunet, so wie schon in seinen "Delicatessen" und der "Fabelhaften Welt der Amélie", die Stadt als Wundertüte, welche immer wieder neue und bunte Überraschungen offeriert. Diese Feier von Jugendstil, Expressionismus oder Art déco, die auch mal über die Stadt hinausschießt und den Wiener Karl-Marx-Hof eingemeindet! Oder das pittoreske und akkordeonumspielte Paris, diese Treppen, diese Hinterhöfe und diese gepflasterten Straßen mit ihren Laternen, die schon in die Filme von Jacques Prevert und Marcel Carne hineinfunzelten! Die alte Stadt lebt hier nämlich noch sehr agil neben ihrer moderneren Variante einher. Aber Jeunet zitiert in "Micmacs" nicht nur die Ästhetik des poetischen Realismus, auch die Geschichte selbst ist eine Hommage an die Außenseiter, die Exzentriker und die ein wenig Verrückten, die vom französischen Kino bis in die fünfziger Jahre hinein so sympathisierend und liebevoll begleitet wurden.
Der arbeits- und wohnungslose Bazil trifft auf eine siebenköpfige Gruppe, die von den noch in der Gesellschaft Verankerten wohl als Penner beschimpft und von den Statistiken als Obdachlose geführt würden. In diesem Film aber werden sie gezeigt als eine wunderliche Bande zwar sozial oder körperlich Deformierter, dafür aber jeweils speziell Begabter, die sich unter einer Schrotthalde eine fantastisch ausstaffierte Höhle gebaut haben.
Ein kleinwüchsiger Artist (Dominique Pinon), eine runde Köchin (Yolande Moreau) und eine biegsame Schlangenfrau (Julie Ferrier) sind darunter, und in Letztere ist Bazil bald verliebt. So mischen sich in "Micmacs", der von Anfang an ein bisschen Kinderfilm ist (man darf ruhig an Kästner denken) auch noch das Märchen und der Zirkusfilm dazu. Und weil sich nun alle Höhlenbewohner mit Bazil zusammentun zum großen Coup, bei dem die beiden Waffenhersteller gegeneinander ausgespielt werden sollen, arbeitet Jeunet gleichzeitig auch noch im Rififi-Genre der minutiös geplanten Einbrüche.
Wie eine große Spieluhr schnurrt dieser Coup nun ab, mit einer Fülle ausgetüftelter Kettenreaktionen, bei denen der immense Aufwand in manchmal groteskem Missverhältnis zum Ergebnis steht. In Sequenzen, in denen der kleine Artist auch mal als lebende Kanonkugel herumgeschossen wird, ist einerseits die Lust an der puren Spielerei zu spüren. Anderseits wirkt diese Feier der Mechanik auch wie ein Fanal gegen die allumfassende Computerisierung des Kinos. Da passt es dann auch, dass Bazil respektive dessen Darsteller Danny Boon (Regisseur und Held von "Willkommen bei den Sch"tis") die alten und sozusagen handgemachten Slapstick- und Stummfilmnummern eines Charlie Chaplin zitiert.
Überhaupt weht über diesem Film, dem jeder noch so abstruse Einfall gut genug ist für einen komischen Exkurs, das Banner der Nostalgie. Sogar die beiden verfeindeten Firmenbesitzer mit ihren Hobbys - der eine sammelt Oldtimer, der andere Dinge wie Churchills Fingernägel - wirken wie Karikaturen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Die Welt schien damals vielleicht nicht besser, aber doch übersichtlicher zu sein.
Doch vielleicht greift Jean-Pierre Jeunet auf diese alte Welt gar nicht deshalb zurück, um sich vor unserer heutigen Welt zu drücken. Könnte durchaus sein, dass er die komplizierten modernen Zeiten durch seinen vereinfachenden Blick erst wieder kenntlich machen will. So ist "Micmacs" auch ein Film gewordener Appell: Es lebe die Solidarität der kleinen Leute!
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