Inception

Fremde Hände im Stellwerk der Träume

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 30.07.2010
Filmbeschreibung
Paris war auch schon mal vernünftiger. Die von Zigtausend Fotos, Filmen und Romanen auf ihre Gestalt festgelegte Stadt faltet ihre Straßen rechtwinklig hoch, knickt die entstehenden Wände noch einmal ab, so dass nun ein Himmel aus Häusern, Straßen, Autos und Fußgängern entsteht, falzt auch diese Ebene noch einmal um. Die Metropole hat nun einen Karton aus sich gemacht und die Menschen in endgültiger Hochnäsigkeitsarchitektur umschlossen: nichts gibt es mehr außer Paris.

Doch Halt, ist es wirklich die Stadt, die sich da biegt? Oder wird sie gebogen? In den Straßen des Steinkartons läuft Leonardo DiCaprio in der Rolle des gewieften Profis einer noch geheimen Kommunikationstechnik herum, Ellen Page an seiner Seite als frischgebackene Praktikantin dieser Zunft. Pages Ariadne, eine junge Architektin, ist verantwortlich für die Umkrempelung des Stadtbilds, für das Hervorbrechen einer Vision von Piranesi oder M. C. Escher aus der realen Ordnung. Ariadne, zu Gast in einem fremden Traum, hat gerade erfahren, dass sie übers Schauen hinaus Einfluss nehmen kann. Und schon probiert sie das im größten Maßstab aus. Bescheidenheit gehört nicht zum Repertoire der Figuren von "Inception", des verrücktesten Großfilms der Saison.

"Das geht mir unter die Haut": Mit dieser Wendung, die Beglückung wie Erschrecken benennen kann, konstatieren wir eine Grenzverletzung. Etwas hat sich an den Instanzen des Betrachtens und Abwehrens vorbeigedrängt und ist nun dort, wo wir es nicht mehr objektivieren können. Es ist so weit vorgedrungen, dass es Teil von uns ist.

Nach diesem Raumgewinn streben alle, die uns manipulieren wollen, Ideologen, Werbefuzzis, Politiker, Priester, Gurus, Konsumgüterindustrie und Trickbetrüger. Der von Leonardo DiCaprio gespielte Cobb ist ein Profi der Grenzverletzung. Er kann mit Hilfe von Apparaten und Medikamenten in die Träume anderer Menschen vordringen, um dort die heikelsten Informationen abzuschöpfen. Cobb ist Virtuose einer radikalen Form der Industriespionage und auch von der Tatsache nicht aufzuhalten, dass besonders gefährdete Personen mittlerweile von Spezialisten geschult werden, Traumangriffen standzuhalten. Cobb implementiert dann einen Traum im Traum, und wenn es sein muss, einen weiteren Traum, um den Gegner zu verwirren, zu täuschen, in Sicherheit zu wiegen.

In Christopher Nolans "Inception" aber soll Cobb keine Informationen abgreifen, sondern erstmals welche implementieren. Er soll bewirken, dass die Zielperson eine bestimmte Entscheidung trifft. Dazu muss er im Unterbewusstsein des Fremden mit einem ganzen Team eine Art Theater aufführen, muss im Stellwerk der Träume Weichen umlegen, muss lockend und drohend gewährleisten, dass der Träumer zum gewünschten Gedanken findet.

Das ist leichter gesagt als getan. Erstens bemerkt ein Unterbewusstsein allzu aktive Eindringlinge und verwandelt seine Traumfiguren in Security-Trupps, die Fremde eliminieren. Zum anderen kommen die Manipulateure nicht ohne Ballast. Ihr eigenes Unterbewusstsein spielt ebenfalls mit, gebiert Figuren, mengt Orte und Ereignisse ins Spiel, legt offene Rechnungen vor und fädelt Intrigen ein.

Das Seltsame an "Inception" ist, dass er ganz anders aussieht als jener Kunstthriller, der sich aus Nolans Prämisse fast schon von selbst entwickeln könnte. Dies ist kein Vexierspiel suggestiver und surrealer Traumgebilde, die im vage Symbolischen, im hypnotisch Rätselhaften, im ominös und klugheitssummend Andeutungsreichen bleiben. Dies ist ein Rabatzfilm erster Güte, dessen diverse Traumebenen aussehen wie verdichtetes Actionkino, wie ein unzensiertes Ballerspiel, wie ein schikanöser Karambolagerennparcours. So gibt es eine Verfolgungsjagd bergauf und bergab im Schnee, durch Bäume und über Felskanten, auf Skiern, Motorschlitten und bekuften Humvees, durchtackert vom Geschossgespucke der Maschinenwaffen, die jedem James-Bond-Film Ehre machen würden.

Noch seltsamer ist, dass "Inception" dabei nicht hohl und oberflächlich wirkt, sondern beunruhigend. Wenn hier das Unterbewusstsein intelligenter Menschen aus Versatzstücken des Aggressionskinos besteht, dann werden dem Kinogänger seine Freuden als Einfalltor des Bösen schaurig gemacht. "Inception" setzt Grenzverletzung, Manipulation, Fremdbestimmung mit Filmbildern gleich. Nolan vergnügt uns mit Tempo, Bildwitz, Kniffligkeit und flüstert uns zugleich zu, die schönen Bilder seien Teil einer Gleichschaltung unseres innersten Wesens.

Das Seltsamste aber ist, dass dieser Hollywood ins Zwielicht ziehende, ein wenig Mitdenken fordernde Film in einer Zeit feigster Produktionsentscheidungen und dümmster Versuche, Blockbuster zu planen, finanziert wurde. Nolan durfte 160 Millionen Dollar auf ein Projekt verwenden, das Studiomanager eigentlich in Panik verfallen, nach Nachdrehs, Umschnitten und Versimpelung schreien lassen müsste. Aber sie wussten ja gar nicht, in was sie sich einmischen sollten. Nolan hat seinen Film weitgehend abgeschirmt gedreht, über Plot und Stil lag der Mantel der Geheimhaltung. - Ob wir "Inception" etwa nur geträumt haben?
 
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