Renn, wenn du kannst
Der Zyniker im Rollstuhl trotzt dem Körperideal
Ulrich Kriest, veröffentlicht am 30.07.2010
Filmbeschreibung
Gleich zu Beginn dieser Tragikomödie wird das sehr umfangreiche Manuskript einer Magisterarbeit aus dem Fenster einer Duisburger Hochhauswohnung geradezu ejakuliert, was ein paar Themen von "Renn, wenn du kannst" in ein kräftiges Bild fasst: Erwachsenwerden, Selbstentfremdung, Behinderung und Sexualität. So großzügig, wie sich die Blätter des Manuskripts über das Stadtgebiet verteilen, geht der nun folgende Film mit seinen zumeist gelungenen Einfällen und seinem forcierten Sprachwitz um.
Benjamin, dem die Magisterarbeit abhandenkommt, ist kein besonders einnehmender Zeitgenosse. Seit einem Autounfall, der ihn zum Rollifahrer gemacht hat, lebt er seine Misanthropie mit Wonne aus, piesackt seine Zivildienstleistenden und ist auch sonst nicht auf den Mund gefallen. Der Schauspieler Robert Gwisdek liefert hier nach "13 Semester" bereits die zweite brillante Performance binnen weniger Monate ab und ist nur manchmal etwas zu grob in der Wahl seiner Mittel.
Seit einiger Zeit beobachtet Benjamin Annika (Anna Brüggemann, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat), eine Cellistin, die zuverlässig pünktlich an seinem Hochhaus vorbeifährt. Christian (Jacob Matschenz), mit dem sie kollidiert, ist Benjamins neuer Zivi, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Nachdem sich der Film eine kurze Zeit an Benjamins rabenschwarzem Blick aufs Leben und die Menschen gelabt hat, wird es mit der nun aufkeimenden Dreiecksbeziehung auf einmal Zeit für ein wenig Tiefgang.
Obwohl Benjamin früh konstatiert, dass das Leben die kleine Gruppe in alle Himmelsrichtungen zerstreuen wird, träumt man sich etwas Stillstand herbei, um in dieser Konstellation seine Sehnsüchte ausleben zu können. Dass in Gemeinschaft mit Benjamin keine Normalität zu haben ist, dass man sich keinen Illusionen hingeben sollte, dass seine Behinderung nicht reversibel ist, dass jeder im Umgang mit Behinderungen lernen muss, wo Tabus gebrochen werden müssen oder können und dass es dafür keine allgemein verbindlichen Regeln gibt - all diese individuellen Lernprozesse zeigt "Renn, wenn du kannst" mit viel Humor, aber auch mit Gespür für die Realität und die Verzweiflung, die sich hinter Benjamins Zynismus verbirgt. Nach "Neun Szenen" hat der junge Filmemacher Dietrich Brüggemann mit seinem zweiten Spielfilm "Renn, wenn du kannst" zum zweiten Mal den Publikumspreis beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen gewonnen. Im Gespräch hat er entschieden verneint, dass es sich bei "Renn, wenn du kannst" um einen Behindertenfilm handle. Es gehe hier vielmehr allgemeingültiger um das schmerzhafte Synchronisieren des Selbstverständnisses mit den Möglichkeiten der Realität und um den pragmatischen Umgang mit eigenen Defiziten.
Das mag in Benjamins Fall besonders schmerzhaft sein, ist aber durchaus verallgemeinerbar, wie Brüggemann ausführt: "Wir leben in einer Zeit, in der wir umgeben sind von gerne auch digital hergestellten Bildern des Ideals vom perfekten Körper, dem wir alle nicht genügen. Ein Mensch mit einer Behinderung spürt diese Diskrepanz vielleicht nur in der verschärften Form." Wie dem auch sei: am Schluss, als alle ihre Pläne geschmiedet haben, sitzt das Trio noch einmal auf Benjamins Balkon und träumt davon, dass die Klimakatastrophe ihnen weitere Entscheidungen abnimmt. Darauf, der Film hat es gezeigt, sollte man nicht bauen.
Benjamin, dem die Magisterarbeit abhandenkommt, ist kein besonders einnehmender Zeitgenosse. Seit einem Autounfall, der ihn zum Rollifahrer gemacht hat, lebt er seine Misanthropie mit Wonne aus, piesackt seine Zivildienstleistenden und ist auch sonst nicht auf den Mund gefallen. Der Schauspieler Robert Gwisdek liefert hier nach "13 Semester" bereits die zweite brillante Performance binnen weniger Monate ab und ist nur manchmal etwas zu grob in der Wahl seiner Mittel.
Seit einiger Zeit beobachtet Benjamin Annika (Anna Brüggemann, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat), eine Cellistin, die zuverlässig pünktlich an seinem Hochhaus vorbeifährt. Christian (Jacob Matschenz), mit dem sie kollidiert, ist Benjamins neuer Zivi, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Nachdem sich der Film eine kurze Zeit an Benjamins rabenschwarzem Blick aufs Leben und die Menschen gelabt hat, wird es mit der nun aufkeimenden Dreiecksbeziehung auf einmal Zeit für ein wenig Tiefgang.
Obwohl Benjamin früh konstatiert, dass das Leben die kleine Gruppe in alle Himmelsrichtungen zerstreuen wird, träumt man sich etwas Stillstand herbei, um in dieser Konstellation seine Sehnsüchte ausleben zu können. Dass in Gemeinschaft mit Benjamin keine Normalität zu haben ist, dass man sich keinen Illusionen hingeben sollte, dass seine Behinderung nicht reversibel ist, dass jeder im Umgang mit Behinderungen lernen muss, wo Tabus gebrochen werden müssen oder können und dass es dafür keine allgemein verbindlichen Regeln gibt - all diese individuellen Lernprozesse zeigt "Renn, wenn du kannst" mit viel Humor, aber auch mit Gespür für die Realität und die Verzweiflung, die sich hinter Benjamins Zynismus verbirgt. Nach "Neun Szenen" hat der junge Filmemacher Dietrich Brüggemann mit seinem zweiten Spielfilm "Renn, wenn du kannst" zum zweiten Mal den Publikumspreis beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen gewonnen. Im Gespräch hat er entschieden verneint, dass es sich bei "Renn, wenn du kannst" um einen Behindertenfilm handle. Es gehe hier vielmehr allgemeingültiger um das schmerzhafte Synchronisieren des Selbstverständnisses mit den Möglichkeiten der Realität und um den pragmatischen Umgang mit eigenen Defiziten.
Das mag in Benjamins Fall besonders schmerzhaft sein, ist aber durchaus verallgemeinerbar, wie Brüggemann ausführt: "Wir leben in einer Zeit, in der wir umgeben sind von gerne auch digital hergestellten Bildern des Ideals vom perfekten Körper, dem wir alle nicht genügen. Ein Mensch mit einer Behinderung spürt diese Diskrepanz vielleicht nur in der verschärften Form." Wie dem auch sei: am Schluss, als alle ihre Pläne geschmiedet haben, sitzt das Trio noch einmal auf Benjamins Balkon und träumt davon, dass die Klimakatastrophe ihnen weitere Entscheidungen abnimmt. Darauf, der Film hat es gezeigt, sollte man nicht bauen.
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