Mother

Glücklich ist nur, wer vergisst...

Rupert Koppold, veröffentlicht am 05.08.2010
Filmbeschreibung
Während die illegal als Heilpraktikerin arbeitende Mutter in ihrem dunklen Laden, der eher ein Schuppen ist, Äste und Kräuter schneidet, schaut sie immer wieder auf und späht besorgt auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort steht ihr geistig zurückgebliebener Sohn Yoon Do-yoon (Won Bin) mit einem Freund herum, und plötzlich, als hätte die Mutter (Kim Hye-ja) es geahnt, passiert es: Yoon wird von einem großen Mercedes erfasst, der unbeirrt weiterfährt. Nein, es ist dem jungen Mann, der auf die dreißig zugeht, nicht viel passiert, aber weil er vom Freund überredet wird, die Fahrerflüchtigen zu verfolgen, und diese auf einem Golfplatz dann tatsächlich gestellt und verprügelt werden, hat Yoon zum ersten Mal Probleme mit den Behörden seiner koreanischen Provinzstadt.

Aber es kommt in Bong Joon-hos intensivem Drama noch schlimmer für Mutter und Sohn, die in einem Bett und vielleicht sogar miteinander schlafen. Das Schulmädchen, dem Yoon folgte, als er nachts betrunken aus einer Bar kam, hängt tot über einem Dachgeländer. Nun wird er verhaftet und verhört. Ein Polizist steckt ihm einen Apfel in den Mund, befiehlt ihm stillzuhalten, haut dann mit einem Kung-Fu-Tritt die herausstehende Obsthälfte weg. Die Mutter versucht inzwischen, die Freilassung ihres Sohnes zu erreichen, zieht sich gut an, geht aufs Polizeirevier und stellt ganz selbstverständlich, so als folge sie einem alten Brauch, auf jeden Schreibtisch eine Flasche ihrer Heiltinkturen.

Ihr Besuch bleibt erfolglos, aber sie gibt nicht auf. Sie engagiert zunächst einen Anwalt, der sich als ebenso verkommen wie unfähig erweist, so dass sie selbst zu recherchieren anfängt. "Mother" wird zum Thriller, bei dem Bong zeigt, wie man Spannung aufbaut, wie man etwa mit Musik umgeht - und wie man sie im entscheidenden Moment mal weglässt. "Mother" stellt sich aber auch, jenseits des Genrefilms, an die Seite anderer großer Mutterfiguren des Kinos, wie sie etwa von Pudowkin ("Mutter", 1905), Mehboob Khan ("Mother India", 1957) und Pasolini ("Mamma Roma", 1962) entworfen wurden. Oder an die Seite jener "Mutter Courage", die Brecht 1939 für die Bühne geschaffen hat. Sie alle sind über das Individuelle hinausweisende Muttertiere, was aber nicht heißt, das sie auch alle zum Vorbild taugen.

Diese Mutter aus Korea aber, die für ihren Sohn alles tut, scheint tatsächlich als Aufklärerin zu agieren, als nimmermüde Detektivin, die bei ihren Nachforschungen tief in eine Gesellschaft eindringt. Unter der sauberen Oberfläche - diese adretten Schuluniformen! - entdeckt sie, die sich manchmal als liebe Naive zu tarnen weiß, bald ein Konglomerat aus Gier, Gewalt, Mobbing, Erpressung und Tod. Aber wer hat jetzt das Handy des ermordeten Mädchens, auf dem die Bilder all jener Männer gespeichert sind, mit denen es geschlafen hat? Wenn ihr Sohn sich bloß an die Ereignisse jener fatalen Nacht erinnern könnte! Sie versucht immer wieder, seinem Gedächtnis durch heilpraktische Übungen auf die Sprünge zu helfen.

Zunächst aber erinnert sich Yoon, als seine Mutter ihn im Gefängnis besucht, an etwas anderes. "Du hast mir, als ich fünf war, eine Flasche mit Insektengift gegeben! Du wolltest mich umbringen!", sagt er ganz ruhig zu der Frau, die ihn so überfürsorglich behandelt und in gewisser Weise vor dem Leben bewahrt hat. Jetzt könnte es sein, dass der Sohn erwacht, dass er sich aus diesem inzestuösen Verhältnis heraus emanzipiert. Sie werde ihm eine Akupunkturnadel da hineinstechen, wo das Gedächtnis ausgeschaltet wird, schreit sie verzweifelt. Plötzlich ist sie nicht mehr Aufklärerin, sondern Verdunklerin. Vorbei der Versuch der Vergangenheitsbewältigung, nun gilt für sie eher das Motto aus Johann Strauß" Operette "Fledermaus": "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist."

Er habe einen Film drehen wollen, in dem einem die vertraute Figur der Mutter plötzlich fremd wird, hat Bong Joon-ho erklärt. Aber wie schon in seinen vorigen Filmen "Memories of Murder" und "The Host" geht es auch in "Mother" - der noch mit einer bösen Volte überraschen wird - um mehr, um ein Porträt der koreanischen Gesellschaft, die bis in die neunziger Jahre hinein von einer Militärdiktatur beherrscht wurde. Diese Gesellschaft, wird hier suggeriert, will sich lieber nicht mit ihrer Vergangenheit beschäftigen, weil der Blick zurück in Abgründe führen könnte.
 
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