Frankreich

Eine lange Nacht in Paris

von Gerd Niewerth, veröffentlicht am 11.08.2010
Foto: DASS/HELGA LADE

In den Sommermonaten entdecken Nachtschwärmer in Paris das Wasser – Brücken und Ufer verwandeln sich in Party- und Picknickzonen.

Es ist kurz vor Mitternacht, und wer die Augen für einen kurzen Augenblick schließt, könnte glauben, er sei 11000 Kilometer entfernt ganz unten auf der Weltkarte: in einer Tangobar am Ufer des Rio de la Plata. Wellen klatschen leise gegen die Kaimauer, und aus dem kleinen Lautsprecher dringt "El Dia Que Me Quieras" (der Tag, an dem du mich begehrst), eine besonders romantische Tango-Schnulze, so eindringlich-gefühlvoll, so schmachtend die Tenorstimme. Dutzende Paare schieben sich eng umschlungen und fast schwebend mit geometrischer Präzision im 4/8-Takt über die halbrunde Tanzfläche. Manche Mademoiselle wirkt mit ihrem sexy Schlitz im Kleid, den atemberaubend hohen Absätzen und der roten Blume im Haar fast so verrucht wie die viel besungene "femme fatale" im Hafenviertel La Boca. Doch hier ist nicht Buenos Aires mit seinem Silberfluss, sondern Paris.

Wenn die Sommernächte in der "Ville lumière" südländisch heiß sind, zieht es noch mehr Menschen ans kühlende Seine-Ufer als sonst: nicht nur die daheimgebliebenen Pariser, auch Touristen und erlebnishungriges Volk aus der Banlieue. Mehrere Tausende sind es dann, Tango-, Milonga- und Salsa-Aficionados, Routiniers und schüchterne Anfänger, die am Quai Saint-Bernard (5. Arrondissement), zwischen der Pont de Sully und der Pont d’Austerlitz, direkt gegenüber dem Institut du monde arabe, ein imposantes Open-Air-Spektakel abziehen. Wenn die Bateaux-mouches, die Schiffe der weißen Seine-Flotte, in schneller Fahrt nah vorbeiziehen, brandet auf dem Deck jedes Mal warmer Beifall auf.

Partymeile Seine: Zwei Kilometer flussabwärts verbindet der Pont des Arts (1. Arr.), die Brücke der Künste, das hell erleuchtete, prachtvoll vergoldete Institut de France am linken mit dem Louvre am rechten Ufer. Die erste Eisenbrücke der Stadt, zehn Meter breit und ausgelegt mit hartem afrikanischem Holz, dient seit jeher als Passerelle für Fußgänger. Für die aber an warmen Sommerabenden fast kein Durchkommen ist. Sobald die Sonne zu sinken beginnt, verwandelt eine lebendige junge Szene, überwiegend Studenten der benachbarten Pariser Sorbonne, die Seine-Querung in eine einzige Picknickzone. Sie breiten Decken aus, und dann wird aufgetischt, was die Tupperdosen an Leckereien hergeben. Man speist und trinkt, philosophiert und quatscht, man singt und tanzt. Und flirtet. La vie est belle!

Die Szenerie hier ist erstaunlich friedlich, so wie schon zuvor am Quai Saint-Bernard oder wie weiter nördlich am Canal Saint-Martin (10. Arr.), der das Bassin de la Villette (19.Arr.) mit der Seine verbindet. Ein buntes Völkchen erobert auch hier Plätze, Ufer, links und rechts des Wassers, man spielt nach Feierabend Tischtennis und Pétanque, radelt und joggt. Der Canal, der mit seinen markanten Fußgängerbrücken und Schleusen in Filmklassikern wie "Hôtel du Nord" (1938) und "Die fabelhafte Welt der Amélie" (2001) als Kulisse diente, ist "branché", angesagt.

Einst war das Industrie- und Arbeiterviertel mit seinen verwinkelten Innenhöfen und Sackgassen ein schlichtes "quartier populaire", in dem Handwerksbetriebe und urige Brasserien das Bild bestimmten. Heute geben immer häufiger die "bobos" (Bourgeois bohème) den Ton an: junge Akademiker und Designer und Künstler, eine zahlungskräftige Alternativ-Szene, die peu à peu die angestammten Bewohner verdrängt. Das Kiez-Café an der Ecke und der Tante-Emma-Läden, wo man früher selbstverständlich anschreiben lassen konnte, sind schicken Bistros, trendigen Restaurants und teuren Boutiquen gewichen. Paris, die Stadt der Liebe, liebt die Nachtschwärmer – aber nicht bedingungslos. Kultiviert und maßvoll soll es zugehen, bacchantische Exzesse in aller Öffentlichkeit sind kultivierten Parisern ein Graus. Kanal voll am Canal – das finden sie überhaupt nicht cool. Deshalb haben Stadtverwaltung und Polizeipräfekt – egal ob am Seine-Ufer, auf der Seine-Brücke oder anderswo – Open-Air-Trinkgelage mit Wein und Bier, Champagner und noch härteren Spirituosen zwischen dem 1. Mai und 31. Oktober untersagt. Ein Dutzend Zonen auf dem Stadtplan sind schraffiert, was heißen soll: Nächtlicher Alkoholverkauf außer Haus ist ausdrücklich untersagt.

Im Le Jemmapes und anderen Bars am Canal Saint-Martin steht es – attention! – schwarz auf weiß angeschlagen. "Okay", sagen die jungen Pariser abwehrend und mit gequältem Gesicht, aber gemeint ist mit diesem "Ja, gut" ein subversives "Non". Das Verbot wird dezent unterlaufen, indem man sich kaltes Kronenbourg und prickelnden Schampus ein Stück weiter weg besorgt. Außerdem ruft der nächtliche Alko-Notstand verständnisvolle Pakistaner auf den Plan, die in Kompaniestärke anrücken und – voilà – in mit Eis gefüllten Wassereimern pausenlos Wein heranschleppen – ganz nach dem Motto: Rosé statt Rose. Hauptsache, das Geschäft läuft. Nur einen Steinwurf vom Canal Saint-Martin entfernt bietet das 11. Arrondissement zwischen der unverwüstlichen Bar-Bistro-und-Club-Meile Rue Oberkampf (11. Arr.) und dem zweiten Party-Pol um die Bastille reichlich Gelegenheit zu legalem Feiern. In der Rue Neuve Popincourt betreibt Julia Giese aus Hannover seit einem Jahr das Udo, einen Bar-Club, der in Scharen vom Berlin-Virus infizierte junge Pariser anlockt. Es gibt elektronische Musik, Kölsch und Paulaner vom Fass sowie Currywurst und Bionade. Oder auch ganz praktische Übernachtungstipps. Bei schmalem Geldbeutel empfiehlt Julia etwa das Luna-Park-Hotel (EZ/DZ 40–50 Euro) gleich um die Ecke: "Es ist sauber, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt." Der Klassiker schlechthin, "le must d’Oberkampf", ist das Café Charbon: ein faszinierender Belle-Epoque-Salon mit hohen Spiegeln und Fenstern, Lederbänken und Kandelabern, der besonders freitags und samstags (bis 4 Uhr früh geöffnet) überlaufen ist. Angenehm: Trotz des hohen Kultfaktors sind die Preise auf der ansprechenden Speisekarte zivil. Praktisch obendrein: Eine Tür weiter im ebenfalls angesagten Konzert- und Discoclub Le Nouveau Casino geht die Party am Wochenende von Mitternacht bis zur Morgendämmerung.

Paris

Preise
Fassbier (pression; 0,25 Liter)2,50 Euro
Espresso ab 1 Euro
Einzelticket Metro/Bus/RER 1,70 Euro
Tagesticket Jeunes Weekend (unter 26 Jahre; Samstag, Sonntag, Feiertage): ab jeweils 3,40 Euro

Unterkunft Jugendherberge, 10 rue Trousseau, 75011 Paris, (4-Bett-Zimmer: 21 Euro, EZ 39 Euro), www.aijparis.com, Private Gästezimmer (EZ/DZ ab 32/53 Euro), www.bedbreak.com

Essen und Ausgehen
Café Charbon, 109 Rue Oberkampf, 75011 Paris, geöffnet von 9 bis 2 Uhr, freitags und samstags bis 4 Uhr. Le Nouveau Casino, 109 Rue Oberkampf, www.nouveaucasino.net (beide Metro Oberkampf).
Udo Bar, 4 rue neuve Popincourt, 75011 Paris; dienstags bis samstags 18.30 bis 2 Uhr

Einkaufen In dem Dreieck zwischen den Metrostationen Bastille, Ledru-Rollin und Voltaire haben sich etliche junge Modeschöpfer mit ihren Ateliers und Boutiquen niedergelassen. Ein unbedingtes Muss ist der Wochenmarkt Bastille (11. Arr.), Boulevard Richard Lenoir, jeden Donnerstag und Sonntag bis 14 Uhr. Große Vielfalt an frischem Gemüse, Wurstwaren, Käse, Fisch und Fleisch. Leckere Imbissstände.

Auskunft
Office du Tourisme: www.parisinfo.com

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall die Sommerfestivals besuchen, allen voran Paris Plage (noch bis 20. August). Wo genau: Voie Georges Pompidou (1. und 4. Arr.), Bassin de la Villette (19. Arr.). Alle Sport- und Freizeitangebote sind gratis, auch die Paris-Plages-Konzerte vor dem Hôtel de ville freitags und samstags ab 17 Uhr. Weitere Festivals: Jazz à la Villette (31. August bis 12. September); Rock en Seine (27./28. und 29. August).
Auf keinen Fall mit dem Weinglas nach draußen rennen, wenn die Bar keine Tische und Stühle auf dem Bürgersteig hat. Nachts stört es die Anwohner, sie rufen oft die Polizei – und die Zeche zahlt der Wirt.
 

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