Mademoiselle Chambon

Stelldichein mit Folgen

Rupert Koppold, veröffentlicht am 12.08.2010
Filmbeschreibung
Jean geht breitbeinig, so, als müsse er immer eine Last abfedern, er ist Maurer, man sieht ihn hantieren mit Kelle, Bohrer oder Vorschlaghammer. Auch seine Frau Anne-Marie (Aure Atika) arbeitet körperlich, sie steht in einer lauten Fabrik als Sortiererin am Band. Aber so genau und ausführlich der Regisseur Stéphane Brizé seine Protagonisten in den ersten Szenen sozial verortet: dies wird kein Film über soziale Probleme. Denn das Paar wirkt ja mit sich zufrieden, es sitzt mit dem etwa achtjährigen Sohn beim Picknick, Jean (Vincent Lindon) und Anne-Marie helfen bei den Hausaufgaben, sind zunächst zwar überfordert, wenn es etwa um das "Akkusativobjekt" geht, blättern aber im Schulbuch und finden die Lösung. Die ganze Kleinfamilie, erfasst in einem fast idyllischen Bild.

Später wird Jean von Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain), der Lehrerin seines Sohnes, eingeladen, den Schülern von seiner Arbeit zu erzählen. Zunächst steht er etwas unbeholfen vor der Klasse, dann fühlt er sich sicher auf eigenem Terrain und beantwortet die Fragen der wissbegierigen Kinder. Zum Beispiel die: "Hält ein Haus das ganze Leben?" Eine Frage, die auf das vorausdeutet, was mit Jean passieren wird.

Als er dieser schmalen, blonden Lehrerin ein neues Fenster eingebaut und ein bisschen die Bilder und Bücher in ihrer kleinen Wohnung betrachtet hat, deutet er auf ihre Geige und bittet sie um eine Kostprobe. Und wie ihn diese Melodie dann berührt, wie sie noch bei der Fahrt nach Hause weiterläuft! Er wird sie nicht mehr aus seinem Kopf bekommen - und auch nicht die Frau, die sie gespielt hat. Später hört er mit ihr zusammen Musik und ist so ergriffen, dass er ihre Hand nimmt und auf seine Wange legt.

Diese Geschichte, die lange wartet, bis sie zur Affäre wird, trifft vor allem ihn vorbereitungslos und gerade deshalb mit voller Wucht. Während sie allein und wie versteinert dasitzt, gerät Jean aus dem Gleichgewicht, entlädt sich zu Hause und bei der Arbeit im Streit, rutscht auch visuell heraus aus dem Familientrio.

Und in den langen Einstellungen, in denen er und Mademoiselle Chambon - es bleibt zwischen den beiden immer beim "Sie"! - nach Worten suchen, ballt sich das Ungesagte so zusammen, als wäre es schwere Materie.

Eine ganz einfache, alltägliche Geschichte hat der Regisseur Stéphane Brizé da inszeniert. Und ein bewegendes Filmdrama, in dem sogenannte kleine Leute von so großen Gefühlen überwältigt werden, dass sie sich nicht zu helfen wissen.
 
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