Zwischen uns das Paradies
Wie der Krieg die Seelen entzweit
Tim Schleider, veröffentlicht am 02.09.2010
Filmbeschreibung
Wir sind ja froh, dass dort unten in Südosteuropa wieder einigermaßen Ruhe herrscht. Die vielen Jahre, in denen man wie gelähmt vorm Fernsehapparat in Deutschland saß und ein Schreckensszenario auf dem Bildschirm das andere ablöste - Bürgerkrieg, Flüchtlingsströme, Menschenrechtsverletzungen, Massenvergewaltigungen, Kriegsverbrechen -, da ständig auch zu diskutieren war, welche Rolle die Deutschen bei der Lösung all dieser Konflikte zu spielen hätten, diese Jahre sind lang vorbei. Der Balkan bleibt wieder weitgehend für sich. Zu klären wäre nur noch das genaue Datum des EU-Beitritts dieses oder jenes Kandidaten. Auch da sind sich die Beobachter einig: grundsätzlich gern, aber bitte möglichst spät. Der Rest ist Geschichte.
In den Ländern Südosteuropas selbst aber sind die Schreckensjahre noch lange nicht abgehakte Geschichte. Zwar ist auch dort in den Städten und Dörfern an der Oberfläche ein gewisser Alltag mit seinen beruhigenden Gewöhnlichkeiten eingekehrt. Und doch sind viele Traumata der Kriegsjahre weder verarbeitet oder gar vergessen, haben viele Menschen noch längst nicht Klarheit, wie sich ihr Leben nun unter all den veränderten Bedingungen und mit all den Erinnerungen gestalten soll.
Von solchen Menschen und ihren Geschichten erzählt die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic. Ein halbes Jahr nach der viel beachteten Uraufführung im Wettbewerb der Berlinale 2010 kommt ihr jüngstes, ebenso stimmungsvolles wie schmerzhaftes Werk "Zwischen uns das Paradies" nun in die deutschen Programmkinos. Anfangs scheint dieser Film all unsere Wünsche nach Normalität wunderbar zu befriedigen. Luna und Amar sind ein herrlich junges, unkompliziertes Paar mitten in Sarajewo. Hier geht es zu, wie es überall in westlichen Großstädten zugeht: Man lacht und man liebt, man tanzt und man feiert, man spaziert durch die Straßen, trifft sich mit Freunden und sitzt in den Cafés. Luna fliegt als Stewardess durch die Welt. Und beim Start könnte sie immer noch schnell ihrem Amar ein Lebewohl zuwinken, der ganz nah als Lotse im Flughafentower seinen Dienst verrichtet.
Es ist eine Winzigkeit, ein dummes Versehen, eine blöde Panne, die diese Normalität auf den Kopf stellt - Amar wird dabei ertappt, wie er sich im Dienst ein Schnäpschen gönnt. Eine Therapie und ein halbes Jahr Arbeitslosigkeit wären der Preis, den er dafür zahlen müsste. Doch die Einsicht in diese Notwendigkeit fällt ihm schwer. Stattdessen nimmt er das Angebot eines alten Kriegskameraden an, der inzwischen ein ultrafrommer muslimischer Wahhabit mit Rauschebart und komplett verhüllter Frau geworden ist: Angeblich soll Amar in einem abgelegenen Sommercamp den kleinen Wahhabitenkindern das rechte Internetsurfen beibringen. Ob das wirklich stimmt, kann die misstrauisch gestimmte Luna kaum nachprüfen - Männer und Frauen leben in diesem Sommercamp strikt getrennt. Von Luna werden rigoros Verhaltensweisen und Anstandsregeln verlangt, die ihr völlig fremd und bei aller Liebe zu Amar doch auch unheimlich sind.
Zbanics Film ist ein meisterhaft komponiertes und gefilmtes Kammerspiel, das nur mit den nötigsten Dialogen auskommt und ganz an die genaue Beobachtungsgabe des Zuschauers appelliert. Erst nach und nach fällt bei diesem der Groschen: Ja klar, diese Geschichte spielt nicht irgendwo, sondern in Bosnien, wir begleiten hier jene muslimischen jungen Menschen, deren Eltern vielleicht noch verstreut auf dem Land lebten und im Bürgerkrieg gewaltsam nach Sarajewo vertrieben wurden. Für viele ist erst durch diese Vertreibung die Frage nach ihrer muslimischen Identität wieder wichtig geworden.
Es gehört zu Jasmila Zbanics Stärken, dass man ihre eigene Position in diesem Streit zwischen einem irgendwie doktrinären und einem irgendwie modernen europäischen Islam zwar ahnt, sie die Motive und die Wünsche Amars und seiner neuen wahhabitischen Freunde aber keineswegs voreilig diskreditiert. Das macht den Konflikt zwischen den beiden Liebenden auch für den Zuschauer umso bedrückender. Luna ist hin- und hergerissen, wie weit sie ihrem Freund auf seinem Weg folgen will. Denn auch ihre eigene Geschichte ist ja keineswegs so glatt und heil verlaufen, wie sie es sich bis vor kurzem immer weismachen wollte.
"Na putu" lautet der Filmtitel im bosnischen Original. Zu Deutsch: "Schon unterwegs". Das klingt wesentlich unprätentiöser und darum angemessener als das weihevoll-gestelzte "Zwischen uns das Paradies" des deutschen Verleihs. In jedem Fall ist "Na putu" ein eindrucksvolles Zeugnis eines jungen, kraftvollen europäischen Kinos, das sich den Menschen und ihren Wirklichkeiten stellt - unbedingt sehenswert!
In den Ländern Südosteuropas selbst aber sind die Schreckensjahre noch lange nicht abgehakte Geschichte. Zwar ist auch dort in den Städten und Dörfern an der Oberfläche ein gewisser Alltag mit seinen beruhigenden Gewöhnlichkeiten eingekehrt. Und doch sind viele Traumata der Kriegsjahre weder verarbeitet oder gar vergessen, haben viele Menschen noch längst nicht Klarheit, wie sich ihr Leben nun unter all den veränderten Bedingungen und mit all den Erinnerungen gestalten soll.
Von solchen Menschen und ihren Geschichten erzählt die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic. Ein halbes Jahr nach der viel beachteten Uraufführung im Wettbewerb der Berlinale 2010 kommt ihr jüngstes, ebenso stimmungsvolles wie schmerzhaftes Werk "Zwischen uns das Paradies" nun in die deutschen Programmkinos. Anfangs scheint dieser Film all unsere Wünsche nach Normalität wunderbar zu befriedigen. Luna und Amar sind ein herrlich junges, unkompliziertes Paar mitten in Sarajewo. Hier geht es zu, wie es überall in westlichen Großstädten zugeht: Man lacht und man liebt, man tanzt und man feiert, man spaziert durch die Straßen, trifft sich mit Freunden und sitzt in den Cafés. Luna fliegt als Stewardess durch die Welt. Und beim Start könnte sie immer noch schnell ihrem Amar ein Lebewohl zuwinken, der ganz nah als Lotse im Flughafentower seinen Dienst verrichtet.
Es ist eine Winzigkeit, ein dummes Versehen, eine blöde Panne, die diese Normalität auf den Kopf stellt - Amar wird dabei ertappt, wie er sich im Dienst ein Schnäpschen gönnt. Eine Therapie und ein halbes Jahr Arbeitslosigkeit wären der Preis, den er dafür zahlen müsste. Doch die Einsicht in diese Notwendigkeit fällt ihm schwer. Stattdessen nimmt er das Angebot eines alten Kriegskameraden an, der inzwischen ein ultrafrommer muslimischer Wahhabit mit Rauschebart und komplett verhüllter Frau geworden ist: Angeblich soll Amar in einem abgelegenen Sommercamp den kleinen Wahhabitenkindern das rechte Internetsurfen beibringen. Ob das wirklich stimmt, kann die misstrauisch gestimmte Luna kaum nachprüfen - Männer und Frauen leben in diesem Sommercamp strikt getrennt. Von Luna werden rigoros Verhaltensweisen und Anstandsregeln verlangt, die ihr völlig fremd und bei aller Liebe zu Amar doch auch unheimlich sind.
Zbanics Film ist ein meisterhaft komponiertes und gefilmtes Kammerspiel, das nur mit den nötigsten Dialogen auskommt und ganz an die genaue Beobachtungsgabe des Zuschauers appelliert. Erst nach und nach fällt bei diesem der Groschen: Ja klar, diese Geschichte spielt nicht irgendwo, sondern in Bosnien, wir begleiten hier jene muslimischen jungen Menschen, deren Eltern vielleicht noch verstreut auf dem Land lebten und im Bürgerkrieg gewaltsam nach Sarajewo vertrieben wurden. Für viele ist erst durch diese Vertreibung die Frage nach ihrer muslimischen Identität wieder wichtig geworden.
Es gehört zu Jasmila Zbanics Stärken, dass man ihre eigene Position in diesem Streit zwischen einem irgendwie doktrinären und einem irgendwie modernen europäischen Islam zwar ahnt, sie die Motive und die Wünsche Amars und seiner neuen wahhabitischen Freunde aber keineswegs voreilig diskreditiert. Das macht den Konflikt zwischen den beiden Liebenden auch für den Zuschauer umso bedrückender. Luna ist hin- und hergerissen, wie weit sie ihrem Freund auf seinem Weg folgen will. Denn auch ihre eigene Geschichte ist ja keineswegs so glatt und heil verlaufen, wie sie es sich bis vor kurzem immer weismachen wollte.
"Na putu" lautet der Filmtitel im bosnischen Original. Zu Deutsch: "Schon unterwegs". Das klingt wesentlich unprätentiöser und darum angemessener als das weihevoll-gestelzte "Zwischen uns das Paradies" des deutschen Verleihs. In jedem Fall ist "Na putu" ein eindrucksvolles Zeugnis eines jungen, kraftvollen europäischen Kinos, das sich den Menschen und ihren Wirklichkeiten stellt - unbedingt sehenswert!
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