Bal - Honig
Film ab zur Entschleunigung
Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 09.09.2010
Filmbeschreibung
Wald. Geheimnisvoller dunkler Bergwald, lichtarm, fern jedem Menschenschrei. Vor lauter Bäumen sieht man kaum den morastigen Pfad, aus dessen Hintergrund jetzt ein Mann mit einem Esel herantappt. Suchend schaut er empor, langsam, bedächtig, sein Blick geht in die Wipfel. Laub raschelt; Äste knarren; darüber säuselt der Wind.
Die Kamera, die den Suchenden in die Bildmitte nimmt, steht stocksteif - unbeweglich, als wolle sie nicht stören. Totale, achtsam: was treibt der Mann? Er nimmt ein Seil, behängt mit einem Sperrholz, und versucht es hoch ins Geäst eines Baumes zu schleudern. Guter Wurf. Als er Widerstand spürt, greift er in das gestraffte Seil und klettert hinauf, langsam, trittsicher, mit rindenwetzendem Schuhzeug - so erreicht er die halbe Höhe des mächtigen Stamms, fast waagrecht in die Luft gestemmt.
Dann tut"s einen Ruck. Im Geäst über ihm hat es geknackt, er rutscht durch, mehrere Meter, rücklings hangend zwischen Himmel und Erde. Da hält der Mann den Atem an, horcht. Reglos... Das nächste Knacken ist zwar noch zu hören, aber die Kamera begnügt sich mit dieser Totale.
Und schon im nächsten Bild haben wir ihn dann wieder, ihn, den braven Bienenzüchter in dunkler anatolischer Kate, zusammen mit seinem Söhnchen, welches er bittet, ihm eine Kalendergeschichte vorzulesen. Yusuf tut das gern - stockend, fast fehlerfrei trägt er vor; aber dasselbe Lesetalent lässt den Kleinen in der Dorfschule regelrecht im Stich: Yusuf ist dort ein scheues, ängstliches Bürschlein, dessen Gestotter die Kameraden belustigt. Im Klassenzimmer steht ein großes Glas mit Ansteckern, die gibt"s für Kinder, die gut lesen können - und Yusuf kämpft mit den Tränen, weil die Trophäe ihm wieder einmal versagt bleibt. Dabei liebt seine Wissbegier nicht nur Blumen, sondern ebenso die Sprache: als eine Mitschülerin vergleichsweise frühreif Rimbaud rezitiert, spricht er dieselben Verse daheim andächtig nach.
Überhaupt, bei den Eltern im waldnahen Einödhaus fühlt Yusuf sich wohl; und sein wortkarger Vater, der ihm beibringt, dass man Geträumtes niemals laut ausplaudern, höchstens einander ins Ohr wispern dürfe, ist auch draußen in der Flur sein bester Lehrmeister: Bedachtsam querfeldein tappend ergründen die beiden, was die Flora der Schwarzmeerregion an botanischen Reizen parat hält, vom Farnkraut bis zur Braunelle. Und dann die Geheimnisse des Walds! Freudig assistiert Yusuf dem Vater bei dessen Imkergeschäft, freudig steht er mit primitiver Gerätschaft am Seil und nimmt die heruntergezurrten Bienenstöcke entgegen, Waben voll schwarzen Honigs, ein glücklicher Träumer.
Nicht also der Vater: der träumende, hoffende Bub (Bora Altas) ist die Zentralfigur des Films. "Ich blicke mit dem Wissen des Erwachsenen durch die Augen eines Kindes, das Momente erlebt, die unwiederbringlich sind", so erklärte der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu sein Regiekonzept, mit dem er bravourös den internationalen Berlinale-Wettbewerb gewann. Sein Film schaut in eine abgeschiedene Welt, wortlos beinah, unendlich still, ohne Musik - was den Reiz des Nahegebrachten nur intensiviert. Mit dem Kind lernt das Kinopublikum sehen: die Wälder, die blütenstrotzenden Hügel des ostanatolischen Berglands, welch ein Zauber! Bilder, die der Kamera entgegenquellen, üppig wie fließender Honig.
Dieser Quell, will Kaplanoglu sagen, ist gefährdet. Landschaftszerstörung dringt vor bis in die letzten Waldwinkel. Und der Imker verliert den Existenzgrund. Ein mysteriöses Bienensterben zwingt ihn, den Wald zu verlassen, sein Glück woanders zu suchen, weit weg von daheim, im Gebirge. Seine Wanderung dauert wohl mehrere Tage - aber anders als sein griechischer Kollege Angelopoulos ("Der Bienenzüchter", 1986, mit dem totgestochenen Mastroianni) will Kaplanoglu ja keine Imkergeschichte erzählen, sondern ein Kindheitsdrama. Das Elend einer Verstörung.
Es passiert, als die Unglücksnachricht Mutter und Kind erreicht. Eben noch steckten beide im Volksfest, trachtenbunt zog sich der Stampftanz der Frauen über die sattgrünen Hügel, und der ahnungsvolle Bub rannte in die Menge wie in ein zerwalztes Leiberlabyrinth - eine Sequenz, so grandios wie unvergesslich. Dann wird er aufschrecken aus einem Traum (war schon die erste Szene Fantasie, war sie real?) - und wieder sieht und hört man, was er träumte: das Astkrachen, den Sturz. Die Mutter nebenan im dunklen Zimmer weint.
Bald darauf, mit der faktischen Nachricht, wird er verstummen - was sonst bliebe dem Träumer? Dann aber sieht man ihn rennen, tief hinein ins Waldesdunkel, ein Kind auf der Suche nach dem Vater, und sieht und hört ihn einschlafen, schaufend, am Stamm eines mächtigen Baums. Eine einfache Story, erzählt mit einfachsten Mitteln. Kaplanoglu ist kein Pathetiker, kein Mystiker wie Angelopoulos, aber auch seine Filmsprache ist elementar. "Milch" und "Eier" hießen die ersten Partien seiner Trilogie, jener Chronik retour vom Greis bis zum Kind, die mit "Honig" beschlossen ist. Dem, der vom Actionkino genug hat, offeriert der Regisseur Feines: eine Entschleunigung, wie sie sanfter, schmerzlich-schöner nirgends zu bekommen ist.
Die Kamera, die den Suchenden in die Bildmitte nimmt, steht stocksteif - unbeweglich, als wolle sie nicht stören. Totale, achtsam: was treibt der Mann? Er nimmt ein Seil, behängt mit einem Sperrholz, und versucht es hoch ins Geäst eines Baumes zu schleudern. Guter Wurf. Als er Widerstand spürt, greift er in das gestraffte Seil und klettert hinauf, langsam, trittsicher, mit rindenwetzendem Schuhzeug - so erreicht er die halbe Höhe des mächtigen Stamms, fast waagrecht in die Luft gestemmt.
Dann tut"s einen Ruck. Im Geäst über ihm hat es geknackt, er rutscht durch, mehrere Meter, rücklings hangend zwischen Himmel und Erde. Da hält der Mann den Atem an, horcht. Reglos... Das nächste Knacken ist zwar noch zu hören, aber die Kamera begnügt sich mit dieser Totale.
Und schon im nächsten Bild haben wir ihn dann wieder, ihn, den braven Bienenzüchter in dunkler anatolischer Kate, zusammen mit seinem Söhnchen, welches er bittet, ihm eine Kalendergeschichte vorzulesen. Yusuf tut das gern - stockend, fast fehlerfrei trägt er vor; aber dasselbe Lesetalent lässt den Kleinen in der Dorfschule regelrecht im Stich: Yusuf ist dort ein scheues, ängstliches Bürschlein, dessen Gestotter die Kameraden belustigt. Im Klassenzimmer steht ein großes Glas mit Ansteckern, die gibt"s für Kinder, die gut lesen können - und Yusuf kämpft mit den Tränen, weil die Trophäe ihm wieder einmal versagt bleibt. Dabei liebt seine Wissbegier nicht nur Blumen, sondern ebenso die Sprache: als eine Mitschülerin vergleichsweise frühreif Rimbaud rezitiert, spricht er dieselben Verse daheim andächtig nach.
Überhaupt, bei den Eltern im waldnahen Einödhaus fühlt Yusuf sich wohl; und sein wortkarger Vater, der ihm beibringt, dass man Geträumtes niemals laut ausplaudern, höchstens einander ins Ohr wispern dürfe, ist auch draußen in der Flur sein bester Lehrmeister: Bedachtsam querfeldein tappend ergründen die beiden, was die Flora der Schwarzmeerregion an botanischen Reizen parat hält, vom Farnkraut bis zur Braunelle. Und dann die Geheimnisse des Walds! Freudig assistiert Yusuf dem Vater bei dessen Imkergeschäft, freudig steht er mit primitiver Gerätschaft am Seil und nimmt die heruntergezurrten Bienenstöcke entgegen, Waben voll schwarzen Honigs, ein glücklicher Träumer.
Nicht also der Vater: der träumende, hoffende Bub (Bora Altas) ist die Zentralfigur des Films. "Ich blicke mit dem Wissen des Erwachsenen durch die Augen eines Kindes, das Momente erlebt, die unwiederbringlich sind", so erklärte der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu sein Regiekonzept, mit dem er bravourös den internationalen Berlinale-Wettbewerb gewann. Sein Film schaut in eine abgeschiedene Welt, wortlos beinah, unendlich still, ohne Musik - was den Reiz des Nahegebrachten nur intensiviert. Mit dem Kind lernt das Kinopublikum sehen: die Wälder, die blütenstrotzenden Hügel des ostanatolischen Berglands, welch ein Zauber! Bilder, die der Kamera entgegenquellen, üppig wie fließender Honig.
Dieser Quell, will Kaplanoglu sagen, ist gefährdet. Landschaftszerstörung dringt vor bis in die letzten Waldwinkel. Und der Imker verliert den Existenzgrund. Ein mysteriöses Bienensterben zwingt ihn, den Wald zu verlassen, sein Glück woanders zu suchen, weit weg von daheim, im Gebirge. Seine Wanderung dauert wohl mehrere Tage - aber anders als sein griechischer Kollege Angelopoulos ("Der Bienenzüchter", 1986, mit dem totgestochenen Mastroianni) will Kaplanoglu ja keine Imkergeschichte erzählen, sondern ein Kindheitsdrama. Das Elend einer Verstörung.
Es passiert, als die Unglücksnachricht Mutter und Kind erreicht. Eben noch steckten beide im Volksfest, trachtenbunt zog sich der Stampftanz der Frauen über die sattgrünen Hügel, und der ahnungsvolle Bub rannte in die Menge wie in ein zerwalztes Leiberlabyrinth - eine Sequenz, so grandios wie unvergesslich. Dann wird er aufschrecken aus einem Traum (war schon die erste Szene Fantasie, war sie real?) - und wieder sieht und hört man, was er träumte: das Astkrachen, den Sturz. Die Mutter nebenan im dunklen Zimmer weint.
Bald darauf, mit der faktischen Nachricht, wird er verstummen - was sonst bliebe dem Träumer? Dann aber sieht man ihn rennen, tief hinein ins Waldesdunkel, ein Kind auf der Suche nach dem Vater, und sieht und hört ihn einschlafen, schaufend, am Stamm eines mächtigen Baums. Eine einfache Story, erzählt mit einfachsten Mitteln. Kaplanoglu ist kein Pathetiker, kein Mystiker wie Angelopoulos, aber auch seine Filmsprache ist elementar. "Milch" und "Eier" hießen die ersten Partien seiner Trilogie, jener Chronik retour vom Greis bis zum Kind, die mit "Honig" beschlossen ist. Dem, der vom Actionkino genug hat, offeriert der Regisseur Feines: eine Entschleunigung, wie sie sanfter, schmerzlich-schöner nirgends zu bekommen ist.
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