Rückkehr ans Meer
Getrübtes Mutterglück
Ulrich Kriest, veröffentlicht am 09.09.2010
Filmbeschreibung
Der Franzose François Ozon scheint fasziniert vom Skandal des Lebens zu sein, von den Wendungen und Überraschungen, die das Leben bereithält, auf die man - so oder so - reagieren muss. Da ist die Erfahrung des plötzlichen und spurlosen Verschwindens des Partners ("Unter dem Sand"), da ist die Erfahrung des nicht so plötzlichen und nicht ganz so spurlosen Verschwindens der Liebe ("5x2"), da ist die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit mitten im Leben ("Die Zeit, die bleibt").
Ozon stellt die nötige Fallhöhe her und beobachtet dann die Reaktion seiner Figuren. Zumeist gelingen ihm so ungewöhnlich ernsthafte (und bewegende) Reflexionen auf existenzielle Fragen des Menschseins. Auch "Rückkehr ans Meer" (der Originaltitel lautet einfacher und treffender: "Le Refuge") beginnt mit einem Skandal: dem Tod. Louis (Melvil Poupaud), Sohn aus besten Pariser Kreisen, setzt sich den goldenen Schuss, seine Freundin Mousse (Isabelle Carré) überlebt, obgleich beide den gleichen Stoff genommen haben.
Der Dealer wird gefasst und bestraft, aber damit ist die Weltordnung längst nicht in den Fugen. Denn Mousse ist schwanger von Louis - und dessen Familie macht deutlich, dass sie keinen Nachfahren ihres Sohnes wünscht. Allein bei Louis' jüngerem Bruder Paul (Louis-Ronan Choisy) findet Mousse Verständnis, als sie beschließt, Louis' Sohn trotzdem zur Welt zu bringen, und sich dazu in ein schön gelegenes Häuschen an der Atlantikküste zurückzieht. Jetzt beginnt der bislang rasante Film, Atem zu schöpfen und wird zu einer fast schon zeitenthobenen Sommergeschichte à la Eric Rohmer. Eines Tages schaut Paul, der homosexuell ist, vorbei. Gemeinsam verbringt man viel Zeit miteinander, bis schließlich das Kind zur Welt kommt. In der Normalität dieses Sommers schärft Mousse ihren Blick auf die Dinge, der ihr im Drogenelend vielleicht abhandengekommen war.
Ozon erzählt diese Geschichte von der Wiederentdeckung der Welt mit Distanz: ihm geht es nicht um eine Ode an das Glück der Mutterschaft, die Eva Herman jetzt anstimmen würde. Mousse hat sich für das Austragen des Kindes entschieden, aber über ihre Gründe erfahren wir nichts. Vielleicht ist Mousse neugierig, ob sie etwas von Louis im Neugeborenen wiedererkennt. Nicht zu übersehen ist, dass Mousse die Auszeit in ihrem Refugium guttut, obschon sich die Figur nicht grundlegend verändert. So steuert François Ozons Film auf eine feine Pointe zu, die noch immer vorhandene traditionelle gesellschaftliche Vorstellungen infrage stellt.
Betrachtet man die letzten Einstellungen dieses Films, staunt man schon, mit welcher Konsequenz Ozon hier die überkommene christliche Ikonografie aushebelt. Nachdem Ozon in "Ricky" dem Neugeborenen Engelsflügel wachsen ließ, geht es in "Rückkehr ans Meer" materialistischer zu, aber der Weg, den dieser Film im Stil einer klassischen Novelle zwischen Tod, Trauer und Geburt zurückzulegen bereit ist, ringt Bewunderung ab und funktioniert bei Interesse auch als sexualpolitische Utopie. Dabei redet der Film atmosphärisch einer entspannt-sommerlichen Zeitverschwendung das Wort. Darauf lässt man sich gerne ein, im Kino zumal.
Ozon stellt die nötige Fallhöhe her und beobachtet dann die Reaktion seiner Figuren. Zumeist gelingen ihm so ungewöhnlich ernsthafte (und bewegende) Reflexionen auf existenzielle Fragen des Menschseins. Auch "Rückkehr ans Meer" (der Originaltitel lautet einfacher und treffender: "Le Refuge") beginnt mit einem Skandal: dem Tod. Louis (Melvil Poupaud), Sohn aus besten Pariser Kreisen, setzt sich den goldenen Schuss, seine Freundin Mousse (Isabelle Carré) überlebt, obgleich beide den gleichen Stoff genommen haben.
Der Dealer wird gefasst und bestraft, aber damit ist die Weltordnung längst nicht in den Fugen. Denn Mousse ist schwanger von Louis - und dessen Familie macht deutlich, dass sie keinen Nachfahren ihres Sohnes wünscht. Allein bei Louis' jüngerem Bruder Paul (Louis-Ronan Choisy) findet Mousse Verständnis, als sie beschließt, Louis' Sohn trotzdem zur Welt zu bringen, und sich dazu in ein schön gelegenes Häuschen an der Atlantikküste zurückzieht. Jetzt beginnt der bislang rasante Film, Atem zu schöpfen und wird zu einer fast schon zeitenthobenen Sommergeschichte à la Eric Rohmer. Eines Tages schaut Paul, der homosexuell ist, vorbei. Gemeinsam verbringt man viel Zeit miteinander, bis schließlich das Kind zur Welt kommt. In der Normalität dieses Sommers schärft Mousse ihren Blick auf die Dinge, der ihr im Drogenelend vielleicht abhandengekommen war.
Ozon erzählt diese Geschichte von der Wiederentdeckung der Welt mit Distanz: ihm geht es nicht um eine Ode an das Glück der Mutterschaft, die Eva Herman jetzt anstimmen würde. Mousse hat sich für das Austragen des Kindes entschieden, aber über ihre Gründe erfahren wir nichts. Vielleicht ist Mousse neugierig, ob sie etwas von Louis im Neugeborenen wiedererkennt. Nicht zu übersehen ist, dass Mousse die Auszeit in ihrem Refugium guttut, obschon sich die Figur nicht grundlegend verändert. So steuert François Ozons Film auf eine feine Pointe zu, die noch immer vorhandene traditionelle gesellschaftliche Vorstellungen infrage stellt.
Betrachtet man die letzten Einstellungen dieses Films, staunt man schon, mit welcher Konsequenz Ozon hier die überkommene christliche Ikonografie aushebelt. Nachdem Ozon in "Ricky" dem Neugeborenen Engelsflügel wachsen ließ, geht es in "Rückkehr ans Meer" materialistischer zu, aber der Weg, den dieser Film im Stil einer klassischen Novelle zwischen Tod, Trauer und Geburt zurückzulegen bereit ist, ringt Bewunderung ab und funktioniert bei Interesse auch als sexualpolitische Utopie. Dabei redet der Film atmosphärisch einer entspannt-sommerlichen Zeitverschwendung das Wort. Darauf lässt man sich gerne ein, im Kino zumal.
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