Peter-Glaser-Kolumne Gift im Wasser (und im Rechner)
Peter Glaser, veröffentlicht am 15.09.2010
Stuttgart - Es ist schon eine Weile her, dass ich in einer Papierfabrik gearbeitet habe. Jeder, der mit Zeitungen oder Büchern zu tun hat, sollte das einmal machen. Ich war an riesigen Papiermaschinen, an denen es so laut ist, dass die Arbeiter eine eigene Zeichensprache entwickelt haben, und ich war an den Becken, in denen die Holzsplitter gebleicht werden, aus denen dann das Papier entsteht. Wegen der Bleichmittel bekam man zu Anfang jeder Schicht zwei Liter Vollmilch - Milch ist ein unspezifisches Entgiftungsmittel. Um ein Kilo Papier herzustellen, wurden etwa 400 Liter Wasser unrettbar verdreckt."Papierschnaps" nannten die Ingenieure die braune, stinkende Brühe, die dazu führte, dass der benachbarte Fluss, an dem noch weitere Papierfabriken lagen, mehr Schmutzfracht führte als Wasser. Ich werfe seit dieser Zeit kein Blatt Papier mehr weg, das nicht auf beiden Seiten bedruckt oder beschrieben ist.
Offiziell wurden die Computer nicht der regierungskritischen Tätigkeit wegen beschlagnahmt. Sie fielen der neuesten Taktik der Sicherheitsbehörden zum Opfer - der angeblichen Suche nach illegalen Kopien von Microsoft-Software. Dutzende ähnlicher Razzien haben bei oppositionellen Gruppen und Zeitungen stattgefunden. Die Polizei behauptet stets, Raubkopien gefunden zu haben. Die Leute der Baikalwelle hatten eigens Microsoft-Programme gekauft und installiert, um den Behörden keinerlei Vorwand zu liefern. Sie baten die Microsoft-Niederlassung in Moskau, die Echtheit ihrer Rechnungen und anderer Belege zu bestätigen, "aber Microsoft wollte uns nicht helfen", sagt die Baikalwelle-Mitarbeiterin Marina Rikhvanova, eine der bekanntesten Umweltschützerinnen Russlands. Am Montag kündigte Microsoft nun eine unentgeltliche Lizenz für Nichtregierungsorganisationen an, um staatlichen Stellen künftig keinen Vorwand mehr zu liefern.
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Den Anlass, mich zu erinnern, hatte eine Reportage von Ende vergangener Woche in der New York Times gegeben. Darin wurde berichtet, wie im Januar Polizisten in Zivil im Büro der Umweltschutzorganisation "Ökologische Baikalwelle" in der russischen Stadt Irkutsk auftauchten und die Computer beschlagnahmten, auf denen unter anderem die Bemühungen der Gruppe um den Erhalt der sibirischen Natur seit Anfang der neunziger Jahre dokumentiert waren. Die Baikalwelle-Aktivisten waren gerade dabei gewesen, Proteste gegen einen Beschluss von Ministerpräsident Putin zu organisieren, der eine Papierfabrik wiedereröffnet hatte, die 2008 geschlossen worden war, weil sie den nahe gelegenen Baikalsee, den ältesten und tiefsten See der Welt, mit Quecksilber, Chlorbleichlauge und Schwermetallen vergiftete. Um Unruhen unter den Arbeitslosen zu vermeiden, ließ Putin die Fabrik im Januar wieder in Betrieb gehen und gab bekannt, dass keine weitere Umweltverschmutzung stattfinde.
Offiziell wurden die Computer nicht der regierungskritischen Tätigkeit wegen beschlagnahmt. Sie fielen der neuesten Taktik der Sicherheitsbehörden zum Opfer - der angeblichen Suche nach illegalen Kopien von Microsoft-Software. Dutzende ähnlicher Razzien haben bei oppositionellen Gruppen und Zeitungen stattgefunden. Die Polizei behauptet stets, Raubkopien gefunden zu haben. Die Leute der Baikalwelle hatten eigens Microsoft-Programme gekauft und installiert, um den Behörden keinerlei Vorwand zu liefern. Sie baten die Microsoft-Niederlassung in Moskau, die Echtheit ihrer Rechnungen und anderer Belege zu bestätigen, "aber Microsoft wollte uns nicht helfen", sagt die Baikalwelle-Mitarbeiterin Marina Rikhvanova, eine der bekanntesten Umweltschützerinnen Russlands. Am Montag kündigte Microsoft nun eine unentgeltliche Lizenz für Nichtregierungsorganisationen an, um staatlichen Stellen künftig keinen Vorwand mehr zu liefern.
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