Mammuth

Der Schlachter sucht sein Leben

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 16.09.2010
Filmbeschreibung
Der Anruf auf dem Handy ist eigentlich präzise. "Mama, da liegt ein stinkender Mann", melden die gutbürgerlichen Kinder von ihrer Schulbushaltestelle aus. "Sollen wir die Polizei rufen?" Trotzdem liegt ein Missverständnis vor. Der miefige Koloss, der sich hier zum Pennen abgelegt hat, der träge Fettwanst mit den langen, gelockten Haaren eines Hippies und der freudlos abgesackten Wuchtigkeit eines verbrauchten Malochers, stellt keine Gefahr für Kinder dar. Er ist nicht einmal ein krümelnehmerischer Kleinganove, der an den Rändern der Mittelschichtsviertel entlangstreicht, in der Hoffnung, durch eine offen stehende Hintertür schnell etwas Verhökerbares einstecken zu können. Serge, genannt Mammuth, ist nur ein Mann, der sich verloren hat und nun sucht, was sich noch auftreiben lässt von dem, was er einmal gewesen zu sein meint.

Bis vor kurzem war Serge (Gérard Depardieu) Schlachthofarbeiter. Er war eingebunden in eine feste Routine, aber von außen hätte wohl keiner geglaubt, dass dieses Waten im Blut, dieses Sägen durch Schweine- und Rinderkadaver mehr sein könnte als die widerwillig ertragene Notwendigkeit, das Geld für Miete, Bier und Abendessen zusammenzubringen. Aber wir wissen es besser. "Mammuth" hat uns Serges letzten Arbeitstag gezeigt, die Verabschiedung des Sechzigjährigen in den Ruhestand und das unruhige Trapsen des bärigen Mannes durch eine kleine Wohnung. Was soll er tun mit seinen Händen, was soll er reden mit seiner Frau (Yolande Moreau), welchen Unterschied soll er abends bilanzieren zwischen einer Welt, in der es ihn noch gab, und einer, in der gar nicht mehr existiert hätte? Serge ist kein Mann der großen Worte und der verstiegenen Gedanken, aber wir verstehen, dass auch er in einer Sinnkrise steckt.

Zum Glück stimmt etwas mit seinen Rentenunterlagen nicht. Es fehlen ein paar Arbeitsnachweise zu den vielen Jobs, die Serge früher hatte. Und so kann der Mann sich unter dem Vorwand, die Buchhaltung in Ordnung zu bringen, auf sein betagtes Motorrad setzen und noch einmal durchs Land fahren, all die alten Wirkungsstätten aufsuchen, als seien nicht Jahrzehnte, sondern bloß Tage vergangen, als stünden die Kneipen und Firmen noch, als seien die Wirte und Chefs keinen Tag älter geworden, als werde Serge dort in seine Jugend schlüpfen wie in eine alte Jacke, die noch immer passt und keine lose Naht hat.

Das Regieduo Benoit Delépine und Gustave de Kervern war zuletzt mit "Louise hires a Contract Killer" im deutschen Kino vertreten, einer bitteren Rationalisierungskomödie. Auch "Mammuth" schildert nicht nur eine individuelle Sinnkrise. Man kann ihn auch als Erzählung über eine europäische Arbeiterschaft deuten, der man zu verstehen gibt, sie werde nicht mehr gebraucht, und die unsicher zurückblickt auf eine Zeit, in der sie Motor der großen Aufschwungmaschine war.

Aber nichts an "Mammuth" ist überfrachtet, im Gegenteil: der Film ist mit einer digitalen Videokamera gedreht und passend ruppig geschnitten, um dem Ganzen etwas Vor- und Beiläufiges zu geben. Serges Motorrad, die Münch Mammut, ist wie er ein ungeschlachtes Relikt anderer Zeiten in einer Epoche stromlinienförmiger Hightechrenner. Serges Begegnungen fügen sich nicht zu einem Ganzen. Wir bekommen nur Spuren eines Lebens zu sehen. Man behandelt ihn ruppig, gelangweilt, auch provokant, aber der Film widersteht der Versuchung, ein gefälliges "Alter-lehrt-den-Jungen-Mores"-Märchen zu erzählen. Serge steckt weg, schluckt runter, schleicht davon. Er erinnert sich an Frauen von früher (Isabelle Adjani) und trifft welche von heute (Miss Ming), aber er wird nicht zum großen Verführer mit Wildschweincharme gestylt.

"Mammuth" führt den alternden Mann, den "heavy rider", den es schon mal vom Motorrad schlägt, behutsam an andere beschädigte und überrundete Existenzen heran und erzählt statt von der großen Wende vom Heraufdämmern einer kleinen Zufriedenheit. Und Gérard Depardieu, der ja trotz seines manischen Arbeitspensums und seines Ruhms als grober Kerl aus kleinen Verhältnissen immer einen Kontrast bildete zum klassenbewussten Feinsinn des französischen bürgerlichen Kinos, kehrt solidarisch das Unbeholfene an seiner Figur hervor, ohne je zu karikieren. "Mammuth" ist einer jener schönen Filme, die nicht schlauer sein wollen als ihre Figuren, sondern lernbereit deren Unternehmungen zusehen.
 
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