Peter-Glaser-Kolumne Mumifizierte Minuten
Peter Glaser, veröffentlicht am 13.10.2010
Stuttgart - Schleifen - sogenannte Loops - gehören zu den Grundbausteinen jeder Programmiersprache. An ihnen kann man erkennen, dass Computer eigentlich vollkommen verrückt sind. Sie befinden sich in einem ständigen Zustand der Raserei, in dem Bits unaufhörlich im Kreis fahren und auf ein Signal warten, das diesen Leerlauf beendet. Die Ringstraße um die sechs Hauptgebäude des Hauptquartiers der Firma Apple im kalifornischen Cupertino heißt nicht ohne eine gewisse Ironie "Infinite Loop".
In der Wohnung gegenüber ist ein Studentenpärchen eingemietet. Nette Leute, leider haben sie ein Klavier. Er, der Student, übt seit Monaten "The Entertainer", dieses Ragtimestück. Er sagt, er spielt. Ich sage, er übt. Das Einzige, was das Stück spannend macht, ist die Frage, an welcher Stelle er hängenbleiben wird. Ich sitze, jedenfalls akustisch, neben dem Klavier und versuche zu arbeiten, das heißt, etwas Neues zu denken und aufzuschreiben. Das geht aber nicht. Jeder Ideenfunke wird von den immergleichen Anschlägen auf der Klaviatur ausgelöscht. Die Zeit bleibt stehen.
Vielmehr: es ist nie welche vergangen. Höre ich den "Entertainer", so wird mir schmerzlich bewusst, dass ich mich wieder eine Weile der Illusion hingegeben habe, die Zeit würde in immer neuen Momenten vorangehen. Wenn er, der Student, nach drei klavierlosen Wochen wieder in die Tasten holzt, ist alles, was ich in diesen drei Wochen erlebt habe, wie nie gewesen. Ich finde mich wieder an demselben Punkt wie zuvor: gefangen in der immergleichen, unveränderlich festgeschraubten, mumifizierten Minute des "Entertainer".
Im Klang dieser musikalischen Gebetsmühle zerfällt jeder Glaube an Entwicklung und Fortschritt zu Staub. Ein solches Ereignis nenne ich eine Zeitschleife. So was erlebt man öfter. In der Realität reicht die Zeitschleife an Eindringlichkeit weit über das schattenhafte Wiedererleben eines Déjà-vu hinaus. Mit jeder weiteren Zeitschleife, in die man gerät, tut sich neuerlich ein Abgrund in dem auf, was man für die Gegenwart hält. Nicht "alles schon mal da gewesen" muss es heißen, sondern "alles immer noch da".
Vergleicht man Programmiersprachen mit anderen Kunstsprachen, etwa der Sprache der Dichtung, wird deutlich, dass die Loops eine sehr alte Form sind. Schon die frühen Epen der Menschheit wie das Gilgameschepos, die "Ilias" oder die "Odyssee" ähneln den digitalen Epen unserer Zeit - den großen Programmierprojekten. Hier wie dort waren Generationen meist namenlos gebliebener Autoren zugange, die jeweils Teile zu dem Werk beigetragen haben. Am Ende verhält es sich mit Homer genauso wie mit einem Softwarezampano wie Bill Gates - es entsteht der irrige Eindruck, dass eine einzige Person das ganze Werk geschaffen hat. Jedenfalls findet der Loop sich auch schon in diesen frühesten Formen und heißt hier Refrain.
Und täglich grüßt der Entertainer
In der Wohnung gegenüber ist ein Studentenpärchen eingemietet. Nette Leute, leider haben sie ein Klavier. Er, der Student, übt seit Monaten "The Entertainer", dieses Ragtimestück. Er sagt, er spielt. Ich sage, er übt. Das Einzige, was das Stück spannend macht, ist die Frage, an welcher Stelle er hängenbleiben wird. Ich sitze, jedenfalls akustisch, neben dem Klavier und versuche zu arbeiten, das heißt, etwas Neues zu denken und aufzuschreiben. Das geht aber nicht. Jeder Ideenfunke wird von den immergleichen Anschlägen auf der Klaviatur ausgelöscht. Die Zeit bleibt stehen.
Vielmehr: es ist nie welche vergangen. Höre ich den "Entertainer", so wird mir schmerzlich bewusst, dass ich mich wieder eine Weile der Illusion hingegeben habe, die Zeit würde in immer neuen Momenten vorangehen. Wenn er, der Student, nach drei klavierlosen Wochen wieder in die Tasten holzt, ist alles, was ich in diesen drei Wochen erlebt habe, wie nie gewesen. Ich finde mich wieder an demselben Punkt wie zuvor: gefangen in der immergleichen, unveränderlich festgeschraubten, mumifizierten Minute des "Entertainer".
Im Klang dieser musikalischen Gebetsmühle zerfällt jeder Glaube an Entwicklung und Fortschritt zu Staub. Ein solches Ereignis nenne ich eine Zeitschleife. So was erlebt man öfter. In der Realität reicht die Zeitschleife an Eindringlichkeit weit über das schattenhafte Wiedererleben eines Déjà-vu hinaus. Mit jeder weiteren Zeitschleife, in die man gerät, tut sich neuerlich ein Abgrund in dem auf, was man für die Gegenwart hält. Nicht "alles schon mal da gewesen" muss es heißen, sondern "alles immer noch da".
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