Heiteres Komponisten-Raten und ein lautstarker Protest
Artikel aus der Kornwestheimer Zeitung vom 18.10.2010
Das Handy klingelt mit einer besonders nervtötenden Melodie - im voll besetzten Opernhaus. Geradezu unvorstellbar für Freunde klassischer Musik: Der Cellist, in dessen Hosentasche es bimmelt, geht auch noch ran. Aber immerhin, es ist ein wichtiger Anruf. Die Russen sind am Apparat, ihr Auftritt verzögert sich weiter, das Publikum solle doch bitte bis zur Ankunft des kompletten Orchesters unterhalten werden.
Das Problem: Nur zwei Aushilfsmusiker sitzen mit ihren Celli im Orchestergraben. Sie wurden ursprünglich angeheuert, um das russische Orchester auf seiner Tournee zu komplettieren. Doch dieses schafft es letztendlich nicht zur Aufführung, so dass die beiden Lückenbüßer plötzlich zu Abendfüllern werden: Der Bus des Orchesters ist liegen geblieben, das Publikum hat bezahlt. Angesetzt war für diesen Abend Mozarts "Zauberflöte" - schwer umzusetzen mit nur zwei Streichern . . .
Zum Glück informiert sich der Konzertgänger in der Regel über eine Musikveranstaltung, die er besuchen möchte. Wer nur den Titel überflogen hatte, könnte durchaus mit der Hoffnung ins Kornwestheimer Haus der Musik gekommen sein, an diesem Abend die gewohnte, altbekannte "Zauberflöte" zu hören. Eine amüsante Vorstellung, wobei selbst diese in die Irre Geleiteten an dem Abend ihre helle Freude gehabt hätten: Klassische Musik auf hohem Niveau wurde den knapp 50 Besucherinnen und Besuchern reichlich geboten.
Die beiden Musiker präsentieren sich unterschiedlich: Alain Schudel ist ein lautstarker, extrovertierter Angeber. Der Ausfall des russischen Orchesters ist ihm gerade recht, schließlich steht er gerne im Mittelpunkt. Sein Gegenpart Daniel Schaerer ist ein eher zurückhaltender Charakter. Er hält sich nicht für einen Entertainer, sondern vor allem für einen Künstler. Schon "Die Zauberflöte" missfällt dem Barockmusik-Liebhaber: "So ein neumodisches Zeug." Dafür hält er sich für einen Virtuosen, der durch fleißiges Üben und perfekte Vorbereitung brilliert. Sein Kollege Alain dagegen: "Üben ist feige."
Gemein ist den beiden das harte Los des freischaffenden Musikers. Sie hangeln sich von einem Engagement zum nächsten, spielen oft zusammen bei Beerdigungen oder im Einkaufszentrum: "Erinnerst du dich noch an den Auftritt im Shopping-Zentrum? Hinter uns die Aktionspreise, und wir vorne mit Bach", schwelgt Alain in Erinnerung. Die Konfrontation mit den traurigen Fakten quält Daniel dagegen. Er hat sich noch Stolz bewahrt: "Immerhin haben wir den Auftritt in der Damenunterwäscheabteilung abgelehnt." - "Ja, du vielleicht".
Das Gastspiel in Kornwestheim war keine bloße Komödie: Lange Passagen klassischer Musik, ineinander überfließend, dazwischen Modernes - in der zweistündigen Darbietung kamen die Liebhaber der Klassik auf ihre Kosten.
Die beiden Cellisten des Schweizer Duos Calva sind keine Kabarettisten, sondern Vollblutmusiker aus dem Reich der E-Musik. In ihrem Programm "Heute Abend: Zauberflöte" meistern sie einen Spagat auf der Bühne - zwei mittelmäßige Musiker darzustellen, die höchstens als Notnägel im Opernhaus auftreten dürfen. Gespielt werden dann aber höchst anspruchsvolle Musikpassagen, in atemberaubendem Wechsel zwischen den beiden Celli. Doch selbst hier darf die Maskerade nicht ganz fallen: Angeber Alain spielt auch mal mit heraushängender Zunge, der blasierte David ist stets um Haltung bemüht. Doch ihre wahre Virtuosität können die beiden Herren Schudel und Schaerer nicht verbergen. Zu Beginn wird noch eine falsche Fährte gelegt, als beim Einspielen etwas schräge Tonleitern zu hören sind.
Und wie retten die beiden Musiker den Abend? Sie fragen das Publikum nach Musikwünschen - die sie aber leider allesamt ablehnen müssen. "Die Moldau" ("zu traurig"), "Schwanensee" ("passt jetzt zeitlich gar nicht"), "Hummelflug" ("grundsätzlich nur im Sommer"), nicht mal die etwas moderneren Wünsche der Kornwestheimer Zuschauer wie "Smoke on the Water" mögen sie erfüllen: "Striktes Rauchverbot hier." Da verständigten sie sich lieber untereinander: "Wir können doch diesen Rossini spielen, den wir bei jeder Beerdigung bringen." Zur Freude des Publikums taucht dann aber doch das "Smoke on the Water"-Leitmotiv mitten im Rossini auf.
Auch Richard Wagner, Joseph Haydn und Georges Bizet entlocken sie ihren Celli, selbst vor Niccolâ Paganini machen sie nicht halt. Sogar der durch Drafi Deutscher berühmt gewordene "Marmor . . ."-Evergreen erklingt.
Ach ja, und "Die Zauberflöte"? Auch sie bekommen die Zuhörer serviert - in einer atemberaubenden Ein-Minuten-Version zum Abschluss. Das alles zur großen Freude des versierten Kornwestheimer Publikums. Als der vorlaute Alain Schudel es als "eher so eine Art André-Rieu-Publikum" verunglimpft, da gibt es laute Proteste, ansonsten aber nur viele Bravos und große Begeisterung.
Das Problem: Nur zwei Aushilfsmusiker sitzen mit ihren Celli im Orchestergraben. Sie wurden ursprünglich angeheuert, um das russische Orchester auf seiner Tournee zu komplettieren. Doch dieses schafft es letztendlich nicht zur Aufführung, so dass die beiden Lückenbüßer plötzlich zu Abendfüllern werden: Der Bus des Orchesters ist liegen geblieben, das Publikum hat bezahlt. Angesetzt war für diesen Abend Mozarts "Zauberflöte" - schwer umzusetzen mit nur zwei Streichern . . .
Zum Glück informiert sich der Konzertgänger in der Regel über eine Musikveranstaltung, die er besuchen möchte. Wer nur den Titel überflogen hatte, könnte durchaus mit der Hoffnung ins Kornwestheimer Haus der Musik gekommen sein, an diesem Abend die gewohnte, altbekannte "Zauberflöte" zu hören. Eine amüsante Vorstellung, wobei selbst diese in die Irre Geleiteten an dem Abend ihre helle Freude gehabt hätten: Klassische Musik auf hohem Niveau wurde den knapp 50 Besucherinnen und Besuchern reichlich geboten.
Die beiden Musiker präsentieren sich unterschiedlich: Alain Schudel ist ein lautstarker, extrovertierter Angeber. Der Ausfall des russischen Orchesters ist ihm gerade recht, schließlich steht er gerne im Mittelpunkt. Sein Gegenpart Daniel Schaerer ist ein eher zurückhaltender Charakter. Er hält sich nicht für einen Entertainer, sondern vor allem für einen Künstler. Schon "Die Zauberflöte" missfällt dem Barockmusik-Liebhaber: "So ein neumodisches Zeug." Dafür hält er sich für einen Virtuosen, der durch fleißiges Üben und perfekte Vorbereitung brilliert. Sein Kollege Alain dagegen: "Üben ist feige."
Gemein ist den beiden das harte Los des freischaffenden Musikers. Sie hangeln sich von einem Engagement zum nächsten, spielen oft zusammen bei Beerdigungen oder im Einkaufszentrum: "Erinnerst du dich noch an den Auftritt im Shopping-Zentrum? Hinter uns die Aktionspreise, und wir vorne mit Bach", schwelgt Alain in Erinnerung. Die Konfrontation mit den traurigen Fakten quält Daniel dagegen. Er hat sich noch Stolz bewahrt: "Immerhin haben wir den Auftritt in der Damenunterwäscheabteilung abgelehnt." - "Ja, du vielleicht".
Das Gastspiel in Kornwestheim war keine bloße Komödie: Lange Passagen klassischer Musik, ineinander überfließend, dazwischen Modernes - in der zweistündigen Darbietung kamen die Liebhaber der Klassik auf ihre Kosten.
Die beiden Cellisten des Schweizer Duos Calva sind keine Kabarettisten, sondern Vollblutmusiker aus dem Reich der E-Musik. In ihrem Programm "Heute Abend: Zauberflöte" meistern sie einen Spagat auf der Bühne - zwei mittelmäßige Musiker darzustellen, die höchstens als Notnägel im Opernhaus auftreten dürfen. Gespielt werden dann aber höchst anspruchsvolle Musikpassagen, in atemberaubendem Wechsel zwischen den beiden Celli. Doch selbst hier darf die Maskerade nicht ganz fallen: Angeber Alain spielt auch mal mit heraushängender Zunge, der blasierte David ist stets um Haltung bemüht. Doch ihre wahre Virtuosität können die beiden Herren Schudel und Schaerer nicht verbergen. Zu Beginn wird noch eine falsche Fährte gelegt, als beim Einspielen etwas schräge Tonleitern zu hören sind.
Und wie retten die beiden Musiker den Abend? Sie fragen das Publikum nach Musikwünschen - die sie aber leider allesamt ablehnen müssen. "Die Moldau" ("zu traurig"), "Schwanensee" ("passt jetzt zeitlich gar nicht"), "Hummelflug" ("grundsätzlich nur im Sommer"), nicht mal die etwas moderneren Wünsche der Kornwestheimer Zuschauer wie "Smoke on the Water" mögen sie erfüllen: "Striktes Rauchverbot hier." Da verständigten sie sich lieber untereinander: "Wir können doch diesen Rossini spielen, den wir bei jeder Beerdigung bringen." Zur Freude des Publikums taucht dann aber doch das "Smoke on the Water"-Leitmotiv mitten im Rossini auf.
Auch Richard Wagner, Joseph Haydn und Georges Bizet entlocken sie ihren Celli, selbst vor Niccolâ Paganini machen sie nicht halt. Sogar der durch Drafi Deutscher berühmt gewordene "Marmor . . ."-Evergreen erklingt.
Ach ja, und "Die Zauberflöte"? Auch sie bekommen die Zuhörer serviert - in einer atemberaubenden Ein-Minuten-Version zum Abschluss. Das alles zur großen Freude des versierten Kornwestheimer Publikums. Als der vorlaute Alain Schudel es als "eher so eine Art André-Rieu-Publikum" verunglimpft, da gibt es laute Proteste, ansonsten aber nur viele Bravos und große Begeisterung.
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