Kolumne Aus Zivilisation wird Zuvielisation
Peter Glaser, veröffentlicht am 27.10.2010
Stuttgart - In der chinesischen Stadt Xian hat die Anwältin Chen Xiaomei ein Kino und einen Filmverleih wegen Zeitdiebstahls verklagt - vor dem Hauptfilm waren 20 Minuten Werbung gezeigt worden. Da sie nicht darauf hingewiesen worden ist, dass ein so ausladendes Reklamepräludium zu erwarten sei, fordert sie nun ihr Eintrittsgeld zurück (35 Yuan, etwa vier Euro), darüber hinaus 35 Yuan als Kompensation für den erlittenen seelischen Schaden sowie eine schriftliche Entschuldigung.
Als Kind war ich mit meinem Großvater oft in einem Nonstop-Kino. Es gab dort eine Dramaturgie, deren Ablauf sich immer wiederholte: erst ein sogenannter Kulturfilm, etwa über Hochspannungsleitungsbau in Jugoslawien, danach Fox' Tönende Wochenschau und dann der Hauptfilm. Die Kulturfilme stahlen mir auch meine Zeit, aber ich ließ es geschehen, denn Kino war ein besonderer Genuss, dem sich auch rätselhafte Vorfilme unterzuordnen hatten.
Aber die Zeiten sind vorbei. Längst haben wir zu viel von den vormals besonderen Genüssen. Heute lautet die zentrale Frage: Wie komme ich an Qualität? Zum Beispiel, indem ich für Medieninhalte bezahle, etwa eine Kinokarte erwerbe. Mit dem durch Digitalisierung und Vernetzung ausgelösten Medien-Tsunami hat sich das Filterproblem in einem Maß verschärft, das in den sechziger Jahren nicht abzusehen war. Aus der Zivilisation wird nun eine Zuvielisation - Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts.
Je kompakter jemand heute seine Ideen aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. Den juristischen Ansatz von Frau Xiaomei sollten wir Mediennutzer als Schritt in die richtige Richtung ansehen. Es kann nicht angehen, dass Kulturgut - sogar in bezahlter Form - zu einem Anhängsel ausufernder Werbeformen verkommt. Lebenszeitraub sollte in einer Wissensgesellschaft durchaus als neuer Tatbestand diskutiert werden.
Versuche, Qualität aus den Informationsozeanen zu fischen, gibt es etliche (einer liegt vor Ihnen). Medien wie die Perlentaucher, die Empfehlungsökonomie von Twitter und Facebook oder "vorausschauenden" Algorithmen, wie sie etwa in der I-Pad-Applikation Flipboard arbeiten, gehen eigene Wege. Alle diese Dienste versuchen uns Lebenszeit zu schenken.
Anstatt, wie früher im Kaffeehaus, erst einmal die Feuilletons der Tages- und Wochenzeitungen durchzublättern, haben die guten Menschen vom Perlentaucher das schon mal für einen erledigt und bieten statt langer Artikel hochverdichtete Resümees an. Das gibt uns ein paar Augenblicke lang googlefrei, wir müssen nicht herumsuchen. Das aber ist erst ein zarter Anfang.
Ich warte schon auf den Videorekorder mit integrierter Feuilleton-Fähigkeit, der Filme nicht nur aufzeichnen, sondern auch ansehen kann und mir bei Bedarf sagt: Spar dir die anderthalb Stunden. Der Film ist mies, und die Zeit kriegst du nicht wieder zurück. E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
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Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts
Als Kind war ich mit meinem Großvater oft in einem Nonstop-Kino. Es gab dort eine Dramaturgie, deren Ablauf sich immer wiederholte: erst ein sogenannter Kulturfilm, etwa über Hochspannungsleitungsbau in Jugoslawien, danach Fox' Tönende Wochenschau und dann der Hauptfilm. Die Kulturfilme stahlen mir auch meine Zeit, aber ich ließ es geschehen, denn Kino war ein besonderer Genuss, dem sich auch rätselhafte Vorfilme unterzuordnen hatten.
Aber die Zeiten sind vorbei. Längst haben wir zu viel von den vormals besonderen Genüssen. Heute lautet die zentrale Frage: Wie komme ich an Qualität? Zum Beispiel, indem ich für Medieninhalte bezahle, etwa eine Kinokarte erwerbe. Mit dem durch Digitalisierung und Vernetzung ausgelösten Medien-Tsunami hat sich das Filterproblem in einem Maß verschärft, das in den sechziger Jahren nicht abzusehen war. Aus der Zivilisation wird nun eine Zuvielisation - Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts.
Kulturgut als Anhängsel ausufernder Werbeformen
Je kompakter jemand heute seine Ideen aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. Den juristischen Ansatz von Frau Xiaomei sollten wir Mediennutzer als Schritt in die richtige Richtung ansehen. Es kann nicht angehen, dass Kulturgut - sogar in bezahlter Form - zu einem Anhängsel ausufernder Werbeformen verkommt. Lebenszeitraub sollte in einer Wissensgesellschaft durchaus als neuer Tatbestand diskutiert werden.
Versuche, Qualität aus den Informationsozeanen zu fischen, gibt es etliche (einer liegt vor Ihnen). Medien wie die Perlentaucher, die Empfehlungsökonomie von Twitter und Facebook oder "vorausschauenden" Algorithmen, wie sie etwa in der I-Pad-Applikation Flipboard arbeiten, gehen eigene Wege. Alle diese Dienste versuchen uns Lebenszeit zu schenken.
Ein paar Augenblicke lang googlefrei
Anstatt, wie früher im Kaffeehaus, erst einmal die Feuilletons der Tages- und Wochenzeitungen durchzublättern, haben die guten Menschen vom Perlentaucher das schon mal für einen erledigt und bieten statt langer Artikel hochverdichtete Resümees an. Das gibt uns ein paar Augenblicke lang googlefrei, wir müssen nicht herumsuchen. Das aber ist erst ein zarter Anfang.
Ich warte schon auf den Videorekorder mit integrierter Feuilleton-Fähigkeit, der Filme nicht nur aufzeichnen, sondern auch ansehen kann und mir bei Bedarf sagt: Spar dir die anderthalb Stunden. Der Film ist mies, und die Zeit kriegst du nicht wieder zurück. E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
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