Peter-Glaser-Kolumne Das Lied von der leuchtenden Zelle
Peter Glaser, veröffentlicht am 11.11.2010
Stuttgart - Ich hatte mich den ganzen Nachmittag in einem Einkaufszentrum herumgetrieben. Nichts gekauft, nur angesehen, was es gibt und was sich so an Zentrumsgeschehen vollzieht. Ich genieße das. Man berührt die Dinge mit dem Blick, und etwas leuchtet auf wie ein Streichholz, das an der Grenzfläche von Wirklichkeit und Verstand angerieben wird. Dann öffnete sich vor mir ein Seitenschiff des Einkaufszentrums, in dem ein gläserner Aufzugschacht hochragte. Ich dachte, dass ein Aufzug, der runterfährt, eigentlich Abzug heißen und das Wort oszillieren müsste, je nachdem, wohin das Ding gerade fährt. Dann aber sank eine leere, leuchtende Liftkabine herab und ein Vorgefühl streifte mich, wie schön das Kommunikationszeitalter sein kann. Später zu Hause blickte ich hinaus in die nebelsamtige Abenddämmerung und sah die Telefonzelle am Ende der Straße, leer und leuchtend, und aus dem Hauch von Herrlichkeit, den der Aufzug in dem Einkaufszentrum herbeitransportiert hatte, wurde ein ganzes Gefühl. Es gibt nichts Schöneres als eine leuchtende, leere Telefonzelle in der Dämmerung. Gelandet wie ein unbemanntes, außerirdisches Fahrzeug steht sie da.
Das Allerschönste aber ist eine leere, leuchtende Telefonzelle in der Dämmerung. Ich könnte Jahrhunderte davor sitzen und mir das ansehen. Ich entwarf ein Theaterstück, das in einer Telefonzelle spielt und natürlich auch dort aufgeführt werden sollte. In dem Stück wird eine Telefonzelle von jemandem bewohnt, der auf dem Brett, auf dem früher die Telefonbücher lagen, noch einen Untermieter hat. In dem Stück geht es um die Enge des Daseins und die Verbindungen hinaus in die Freiheit und die Weite der Welt. "Kommunikation", dachte ich versonnen. Dann schöpfte ich mit der Hand etwas Licht in meinen schwarzen Pullover und ging wieder zurück in meine helle Wohnung.
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Ja, wir haben das neue, blausilberne Leuchten der Handydisplays. Bei Konzerten schimmern Hunderte der kühlen, kleinen Lichter im Saal anstelle der Feuerzeuge, die früher brannten. Abends auf der Straße haben Leute manchmal dieses Leuchten im Gesicht, während sie im Gehen die an sie gerichteten Botschaften lesen. Aber Telefonzellen, die letzten, die es noch gibt, leuchten unvergleichlich schöner. Vielleicht ist die außerirdische Telefonzelle eine freundliche Maschine und unermesslich klüger als wir. Auch wenn sie sich in ein - vom Menschen aus gesehen - starres Dasein bescheidet, ist an ihr doch diese Verlockung. Sie lädt ein, sie zu betreten und jemand Fernen anzurufen - eine Anrufung! Obgleich ein Mensch in einer Telefonzelle allein steht, wirkt niemand so wenig einsam wie jemand, der in einer Telefonzelle steht und telefoniert. Eine Katze, die einen Menschen telefonieren sieht, ist zu Recht verwirrt. Der Mensch, in gänzlicher Zuwendung, spricht mit einem Ding. Er ist wundersam verloren an eine Ferne.
Das Allerschönste aber ist eine leere, leuchtende Telefonzelle in der Dämmerung. Ich könnte Jahrhunderte davor sitzen und mir das ansehen. Ich entwarf ein Theaterstück, das in einer Telefonzelle spielt und natürlich auch dort aufgeführt werden sollte. In dem Stück wird eine Telefonzelle von jemandem bewohnt, der auf dem Brett, auf dem früher die Telefonbücher lagen, noch einen Untermieter hat. In dem Stück geht es um die Enge des Daseins und die Verbindungen hinaus in die Freiheit und die Weite der Welt. "Kommunikation", dachte ich versonnen. Dann schöpfte ich mit der Hand etwas Licht in meinen schwarzen Pullover und ging wieder zurück in meine helle Wohnung.
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