Glaser-Kolumne Andere Anti-Atome

Peter Glaser, veröffentlicht am 24.11.2010
Twittern gegen Kernkraftwerke: manchmal dürfen es mehr als 140 Zeichen sein. Foto: dpa, ddp; Montage: Thoms

Stuttgart - Im August initiierte Jörg Zwosta eine Online-Petition, in der gefordert wird, "dafür Sorge zu tragen, dass die mit den Stromversorgern abgeschlossenen Verträge zur Abschaltung der Atomkraftwerke bis zum Jahr 2023 eingehalten werden". Die Teilnahme tröpfelte nur. Online-Petitionen sind ein neues demokratisches Werkzeug. Derzeit sind 916 öffentliche Petitionen in der parlamentarischen Prüfung, darunter eine Petition, "dass Pkw mit abnehmbarer Anhängerkupplung diese im Solobetrieb ohne Anhänger abzunehmen haben". Wird eine Petition innerhalb einer gesetzten Frist von mehr als 50.000 Menschen unterzeichnet, muss der Petitionsausschuss des Bundestags sich damit befassen.


Um die Zustimmungsfreude zu der Petition gegen die Laufzeitverlängerung in Schwung zu bringen, wurden via Twitter und Facebook Aufrufe verbreitet. Ein "webrebelzine" aus Düsseldorf forderte mich auf Twitter persönlich auf: "Auch Du lieber @peterglaser könntest Deine followerpower toll für die E-Petition zur Laufzeitverlängerung einsetzen." Der Grund, weshalb ich diese Einladung ohne Gewissensbisse ignoriert habe, liegt darin, dass ich der Auffassung bin: es gibt viele Wege, gegen die gefährlichste und kostspieligste Methode zur Erzeugung von heißem Wasser zu protestieren. Ich sammle beispielsweise in meinem Blog Material aus der Zeit zwischen 1940 und 1960, als Atomkraft noch mit ungebrochener Technikbegeisterung propagiert wurde. Die damaligen wissenschaftlichen Annahmen und Zukunftsvorstellungen haben in ihrer unverhüllten Naivität eine manchmal stärkere aufklärende Wirkung als die Argumente zu Restrisiken und Endlagerproblematik.

140 Zeilen sind für Argumente zu wenig


Kurze Zeit später der nächste Tweet der Webrebellen: "Eigentlich warte ich noch sehnsüchtig auf Antwort. Wie wär's Herr Glaser?" Die pädagogische Drohung fühlte sich an wie diese Anrufe von Greenpeace, ob ich nicht meinen Spendendauerauftrag erhöhen möchte. Aber ich möchte nicht bedrängt werden. Und ich will nicht, dass meine Twitter-Follower den Eindruck bekommen, ich sei ein Klickviehtreiber.

Für solche Argumente sind die 140 Zeichen bei Twitter zu wenig. Also schrieb ich der namenlosen Rebellenstimme eine Twitter-Direktnachricht: "Feedback ist auf eurer Website offenbar nicht vorgesehen. E-Mail? Möchte mehr als 140 Zeichen antworten." Dann der nächste Tweet: "@peterglaser kann leider keine direktnachricht senden. würde gern antworten." Den Versuch, spöttisch zu sein, nehme ich nicht übel, ich war auch mal in der Pubertät, harte Zeit. Was mich erstaunt hat, war, wie wenig moderne Kommunikationsmittel manchmal beim Kommunizieren helfen.

Die Petition gegen die Laufzeitverlängerung wurde vor Ablauf der Frist von über 62.000 Teilnehmern unterzeichnet. Damit muss der Petitionsausschuss des Bundestags sich mit der Frage befassen.

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de »


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