Der Anschluss ist praktisch ausgeschlossen

Artikel aus der Kornwestheimer Zeitung vom 27.11.2010

Dass es nicht einfach wird, hat Anja Hübel geahnt. Dass es vielleicht unmöglich wird, hat sie sich nicht vorstellen können. Inzwischen kann sie es. Es wird vielleicht unmöglich sein, in Ludwigsburger einen Kindergarten zu finden, in dem Christopher einen Platz bekommt. Christopher ist fünf und hat das Down-Syndrom. Seit er drei ist, geht er in den Hohenecker Schulkindergarten für Körperbehinderte. Seit er zwei war, hat seine Mutter einen Regelkindergarten gesucht. "Ich möchte, dass Christopher in unserer Welt lebt", sagt seine Mutter, die das Recht und die Forschung auf ihrer Seite hat. Aber nicht die Praxis.

Keiner der vielen Ludwigsburger Kindergärten, die Anja Hübel in den vergangenen 33 Monaten abgeklappert hat, konnte Christopher aufnehmen. Weil die Erzieherinnen schon mit den gesunden Kindern genug zu tun haben, die Räume zu beengt sind oder die Furcht vor dem Neuen zu groß ist. Anja Hübel ist überzeugt, dass Christopher gut in einen Regelkindergarten passen würde. Jo Jerg sieht das genauso. Aber der Professor für Inklusive Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg sieht auch, dass die Geschichte von Anja Hübel leider keine besondere ist. "Das Schlimmste ist, dass man immer als Bittsteller auftritt", sagt Jerg, der versucht, die gängige Praxis der gängigen Theorie anzupassen.

Mit dem Projekt Iquanet will er dafür sorgen, dass Inklusion in Kindertageseinrichtungen tatsächlich gelebt werden kann. Auf einer Fachtagung haben Pädagogen, Lehrer, Mitarbeiter von Rathäusern und Fachberatungen sowie Eltern gestern darüber diskutiert, wie Kindergärten gebaut sein müssen, damit behinderte Kinder gut zurecht kommen, wie Einrichtungen personell ausgestattet sein müssen, damit behinderte Kinder aufgenommen werden können und welche Haltung bei den Beteiligten nötig ist, damit sie sich auf die neue Wirklichkeit einlassen. Denn rechtlich, sagt Jo Jerg, gebe es genug Rahmenbedingungen, um inklusive Kindertagesstätten zu realisieren. Was in Baden-Württemberg fehle, sei eine "politische Verantwortungsgemeinschaft". Damit klar ist, wer für die Umsetzung der UN-Menschenrechtskonvention im Land zuständig ist. In der gegenwärtigen Situation allerdings könnten sich Kommunen, Landkreise und das Land gegenseitig den "schwarzen Peter" zu schieben, sich für nicht zuständig erklären - und Mütter wie Anja Hübel zermürben.

So sagt denn auch der Erste Bürgermeister von Ludwigsburg, dass die Eingliederungshilfe die Sache des Landkreises sei, nicht der Stadt. Gleichwohl meint Konrad Seigfried, dass die Inklusion ein städtisches Thema sein sollte. Tatsächlich haben 21 behinderte Kinder einen Platz in einem der hiesigen Regeleinrichtungen und werden dort entsprechend individuell betreut. Doch dabei handele es sich nicht um so schwerst behinderte Kinder, dass sie das Team überfordern, sagt Seigfried, der sich durchaus mehr inklusive Einrichtungen in Ludwigsburg wünscht. "Doch da sind noch viele Schritte zu gehen", sagt der Bürgermeister.

"Wege entstehen, indem man sie geht", sagt Irene Gebhardt auf der Tagung des Projekts Iquanet - und macht Jo Jerg, Anja Hübel und Konrad Seigfried Mut. Irene Gebhardt arbeitet in der österreichischen Gemeinde Wiener Neudorf, wo Inklusion nichts Exklusives mehr ist. Die Bürger dort haben gemeinsam den Studiengang "Kommunale Bildung" entwickelt, dessen Kurse Behinderte und Nicht-Behinderte selbstverständlich gemeinsam belegen. Der Weg der Gemeinde wurde vor 20 Jahren von einem Vater angelegt, der verzweifelt einen Schulplatz für sein behindertes Kind gesucht hatte. Er hat ihn gefunden. Heute ist der Vater Bürgermeister von Wiener Neudorf.
 
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