Diskussion um DDR-Spiel Eine Anregung zum Nachdenken
Ricarda Stiller, veröffentlicht am 13.12.2010
Karlsruhe - Wenn Medienkunst und Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft aufeinandertreffen, können dazwischen Welten liegen. Dies zeigte schon die Diskussion, die noch vor der Veröffentlichung des Computerspiels "1378 (km)" in den vergangenen Monaten entbrannt war. Diesen Graben zumindest ein wenig zu verkleinern war das Anliegen einer Veranstaltung am Freitagabend in der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe. Auf dem Podium saßen neben dem 24-jährigen Spielentwickler Jens Stober die beiden betreuenden Professoren, der Lehrbeauftragte für Philosophie und Kulturtheorie Heiner Mühlmann und der Medienkünstler Michael Bielicky.
"Sprechen Sie mit den Opfern und ändern Sie das Spiel ab", forderte der Bundesvorsitzende der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) sichtlich persönlich betroffen in der Diskussion. Rainer Wagner saß wegen seiner missglückten Fluchtversuche zweimal im Gefängnis. Am Freitag hat er sich seit 42 Jahren erstmals wieder in seine Gefängnisjacke gezwängt. Dass es zwischen ihm, anderen anwesenden DDR-Flüchtlingen und der Hochschulvertreter nicht grundsätzlich zu einer Einigung kommen konnte, war zu erwarten.
Das Thema der Diskussion hätte auch lauten können: "Wie die Boulevardpresse es schafft, ein ganzes Genre in den Dreck zu ziehen." Genau das war nämlich geschehen nach der Schlagzeile "Widerwärtig. DDR-Todesstreifen als Ballerspiel". Dass es sich bei dem umstrittenen Ego-Shooter um ein sogenanntes Serious Game handelt, in dem es gerade nicht um wahlloses Herumballern geht, sondern um die Vermittlung von politischen und sozialen Botschaften, interessierte kaum noch jemanden.
Dabei kannte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand mehr als einen kurzen Trailer des Spiels. Stets war die Rede davon, dass der Spielspaß darin bestehe, unbewaffnete Zivilisten zu erschießen. Das ist falsch. "1378 (km)" basiert auf einer Modifikation der Software des Spiels "Half Life: Deathmatch" ab 18 Jahren und ist ein nicht kommerzielles Online-Spiel im Rahmen eines Medienkunststudiums. Die Vordiplomarbeit des 24-jährigen Studenten wurde von zwei Professoren begleitet. "Frontiers", eine ganz ähnliche Arbeit und ebenfalls eine Modifikation von "Half Life", an der Student Stober ebenfalls mitgearbeitet hat, wurde im Frühjahr 2010 als ein vorbildliches Beispiel von Computerspielen mit moralischem Anspruch in den "Tagesthemen" und im Kulturmagazin "Metropolis" des Fernsehsenders Arte gelobt.
Der Inhalt des Spiels "1378 (km)" ist schnell erzählt. Es spielt im Jahr 1976 an der innerdeutschen Grenze nahe Fulda. Der Spieler kann zwischen zwei Perspektiven wählen: Entweder nimmt man die Rolle eines DDR-Flüchtlings ein oder die eines Grenzsoldaten. Wer mehr als drei Flüchtlinge tötet, wird zwar zunächst mit einem Orden ausgezeichnet (so war es auch in der Realität), findet sich dann aber im Jahr 2000 auf der Anklagebank eines Mauerschützenprozesses wieder.
Tatsächlich handelt es sich hier um die komplette Umkehr eines Ego-Shooters, ein häufig gewähltes Stilmittel bei Kunststudenten und Künstlern. Auch im Studiengang Game Design an der Zürcher Hochschule der Künste findet man Projekte dieser Art. Wenn diese im Kontext einer Medienkunst-Ausstellung präsentiert werden, scheint die Rezeption eine völlig andere zu sein als bei "1378 (km)". Doch in genau diesem Kontext wollen Stober und die HfG Karlsruhe das aktuelle Projekt sehen. Der Plan sieht vor, dass es nach einer Testphase, die nun begonnen hat und in der es von möglichst vielen Menschen gespielt wird, kritisch überprüft und durchaus noch überarbeitet wird.
Der Kulturtheoretiker Heiner Mühlmann zieht einen durchaus statthaften Vergleich mit der griechischen Tragödie. Auch dort wurden schon vom Dramaturgen falsche Fährten gelegt, um voreilige Entscheidungen des Zuschauers auszulösen. So funktioniere auch "1378 (km)". Ein versierter Computerspieler beherrsche in der Regel das Zielen und Ballern im Spiel. Doch in diesem Spiel wird dem Akteur klar, dass er eben nicht gewinnt, wenn er viel schießt.
Während Mühlmann glaubt, dass die "kulturelle Schockbewegung" durch den Trailer ausgelöst wurde und sich nun legen würde, gesteht er ein, dass er an einen Punkt nicht gedacht habe: dass durch das Spiel Flashbacks, also unkontrollierte Erinnerungen, bei Flüchtlingen ausgelöst werden könnten. Doch auch hier beruft er sich auf die Kulturgeschichte. Auch die Katharsis - nach Aristoteles die seelische Reinigung als Wirkung der antiken Tragödie - habe Flashbacks ausgelöst. Michael Bielicky ergänzt, dass Kunst immer schon versucht habe, Grenzen zu überschreiten und neue Medien auszuloten.
Vielleicht kann man aber mit einem neuen Medium auch neue, junge Zielgruppen ansprechen, die den Todesstreifen nuraus Geschichtsbüchern kennen. Denn ernsthafte Dokumentarfilme werden ohnehin meist nur von politisch Interessierten gesehen. Erwartet ein junger Spieler jedoch ein kostenloses Ballerspiel, wundert er sich vermutlich über den Mauerschützenprozess und kommt ins Nachdenken.
"Wenn das Interesse der jungen Generation, also meiner, zur Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte" geweckt werde, wäre Student Stober schon zufrieden. "In dem Spiel kann man sich selbst hinterfragen: Wie verhalte ich mich?", sagt der Spielentwickler. Der 24- Jährige hat zahlreiche Denkanstöße in das Spiel eingebaut. Wahlloses Herumballern ist einfach nicht vorgesehen.
Es scheint das Medium zu sein, das vielen nicht ganz geheuer ist. Kaum jemand, der heute über 40 Jahre alt ist, verbringt seine Zeit mit einem First-Person-Ego-Shooter-Online-Game. Bei Teenagern hingegen sind Computerspiele aller Genres so selbstverständlich wie das Fernsehen, ein Buch oder ein Kinofilm. Auch in diesen Medien wird jede Menge Mist produziert, ohne dass jedoch in der Öffentlichkeit breit darüber diskutiert würde.
Vermutlich wird nur jemand, der sich im Umgang und der Rezeption mit dem noch jungen Medium Computerspiel auskennt, die Botschaft im Sinne des Erfinders interpretieren können. Und wie gelungen das Spiel wirklich ist, kann nur beurteilen, wer es sich auch genau angesehen hat. Danach darf die Diskussion weitergehen.
Website des Spiels www.1378km.de »
Alle Artikel anzeigen
Siehe auch
Weitere Artikel
zum Thema
zum Thema
Es geht nicht darum Zivilisten zu erschießen
Das Thema der Diskussion hätte auch lauten können: "Wie die Boulevardpresse es schafft, ein ganzes Genre in den Dreck zu ziehen." Genau das war nämlich geschehen nach der Schlagzeile "Widerwärtig. DDR-Todesstreifen als Ballerspiel". Dass es sich bei dem umstrittenen Ego-Shooter um ein sogenanntes Serious Game handelt, in dem es gerade nicht um wahlloses Herumballern geht, sondern um die Vermittlung von politischen und sozialen Botschaften, interessierte kaum noch jemanden.
Dabei kannte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand mehr als einen kurzen Trailer des Spiels. Stets war die Rede davon, dass der Spielspaß darin bestehe, unbewaffnete Zivilisten zu erschießen. Das ist falsch. "1378 (km)" basiert auf einer Modifikation der Software des Spiels "Half Life: Deathmatch" ab 18 Jahren und ist ein nicht kommerzielles Online-Spiel im Rahmen eines Medienkunststudiums. Die Vordiplomarbeit des 24-jährigen Studenten wurde von zwei Professoren begleitet. "Frontiers", eine ganz ähnliche Arbeit und ebenfalls eine Modifikation von "Half Life", an der Student Stober ebenfalls mitgearbeitet hat, wurde im Frühjahr 2010 als ein vorbildliches Beispiel von Computerspielen mit moralischem Anspruch in den "Tagesthemen" und im Kulturmagazin "Metropolis" des Fernsehsenders Arte gelobt.
Es handelt sich um die Umkehr eines Ego-Shooters
Der Inhalt des Spiels "1378 (km)" ist schnell erzählt. Es spielt im Jahr 1976 an der innerdeutschen Grenze nahe Fulda. Der Spieler kann zwischen zwei Perspektiven wählen: Entweder nimmt man die Rolle eines DDR-Flüchtlings ein oder die eines Grenzsoldaten. Wer mehr als drei Flüchtlinge tötet, wird zwar zunächst mit einem Orden ausgezeichnet (so war es auch in der Realität), findet sich dann aber im Jahr 2000 auf der Anklagebank eines Mauerschützenprozesses wieder.
Tatsächlich handelt es sich hier um die komplette Umkehr eines Ego-Shooters, ein häufig gewähltes Stilmittel bei Kunststudenten und Künstlern. Auch im Studiengang Game Design an der Zürcher Hochschule der Künste findet man Projekte dieser Art. Wenn diese im Kontext einer Medienkunst-Ausstellung präsentiert werden, scheint die Rezeption eine völlig andere zu sein als bei "1378 (km)". Doch in genau diesem Kontext wollen Stober und die HfG Karlsruhe das aktuelle Projekt sehen. Der Plan sieht vor, dass es nach einer Testphase, die nun begonnen hat und in der es von möglichst vielen Menschen gespielt wird, kritisch überprüft und durchaus noch überarbeitet wird.
"Kulturelle Schockbewegung" wurde durch den Trailer ausgelöst
Der Kulturtheoretiker Heiner Mühlmann zieht einen durchaus statthaften Vergleich mit der griechischen Tragödie. Auch dort wurden schon vom Dramaturgen falsche Fährten gelegt, um voreilige Entscheidungen des Zuschauers auszulösen. So funktioniere auch "1378 (km)". Ein versierter Computerspieler beherrsche in der Regel das Zielen und Ballern im Spiel. Doch in diesem Spiel wird dem Akteur klar, dass er eben nicht gewinnt, wenn er viel schießt.
Während Mühlmann glaubt, dass die "kulturelle Schockbewegung" durch den Trailer ausgelöst wurde und sich nun legen würde, gesteht er ein, dass er an einen Punkt nicht gedacht habe: dass durch das Spiel Flashbacks, also unkontrollierte Erinnerungen, bei Flüchtlingen ausgelöst werden könnten. Doch auch hier beruft er sich auf die Kulturgeschichte. Auch die Katharsis - nach Aristoteles die seelische Reinigung als Wirkung der antiken Tragödie - habe Flashbacks ausgelöst. Michael Bielicky ergänzt, dass Kunst immer schon versucht habe, Grenzen zu überschreiten und neue Medien auszuloten.
"In dem Spiel kann man sich selbst hinterfragen"
Vielleicht kann man aber mit einem neuen Medium auch neue, junge Zielgruppen ansprechen, die den Todesstreifen nuraus Geschichtsbüchern kennen. Denn ernsthafte Dokumentarfilme werden ohnehin meist nur von politisch Interessierten gesehen. Erwartet ein junger Spieler jedoch ein kostenloses Ballerspiel, wundert er sich vermutlich über den Mauerschützenprozess und kommt ins Nachdenken.
"Wenn das Interesse der jungen Generation, also meiner, zur Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte" geweckt werde, wäre Student Stober schon zufrieden. "In dem Spiel kann man sich selbst hinterfragen: Wie verhalte ich mich?", sagt der Spielentwickler. Der 24- Jährige hat zahlreiche Denkanstöße in das Spiel eingebaut. Wahlloses Herumballern ist einfach nicht vorgesehen.
Bei Teenagern sind Computerspiele selbstverständlich
Es scheint das Medium zu sein, das vielen nicht ganz geheuer ist. Kaum jemand, der heute über 40 Jahre alt ist, verbringt seine Zeit mit einem First-Person-Ego-Shooter-Online-Game. Bei Teenagern hingegen sind Computerspiele aller Genres so selbstverständlich wie das Fernsehen, ein Buch oder ein Kinofilm. Auch in diesen Medien wird jede Menge Mist produziert, ohne dass jedoch in der Öffentlichkeit breit darüber diskutiert würde.
Vermutlich wird nur jemand, der sich im Umgang und der Rezeption mit dem noch jungen Medium Computerspiel auskennt, die Botschaft im Sinne des Erfinders interpretieren können. Und wie gelungen das Spiel wirklich ist, kann nur beurteilen, wer es sich auch genau angesehen hat. Danach darf die Diskussion weitergehen.
Website des Spiels www.1378km.de »
Kommentare (0)
Weitere Artikel
Alle Artikel anzeigen
Veranstaltungen
Finden Sie
Heute können Sie aus 408 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten
Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.



