Peter-Glaser-Kolumne Zwei Welten
Peter Glaser, veröffentlicht am 22.12.2010
Stuttgart - Ende der siebziger Jahre war ich der einzige Schriftsteller unter lauter Musikern in meinem Freundeskreis und litt darunter, über kein beeindruckendes technisches Equipment zu verfügen. Als ich 1978 zum ersten Mal einen Mikrocomputer sah, begriff ich sofort, welche großartige Chance mir diese Maschine bot: Endlich eine Schreibmaschine, mit der man auch Lärm machen konnte! Ich nahm den Rechner fortan bei Lesungen mit auf die Bühne. Ein Schriftsteller mit einem Computer - die Verbindung war für mich seit jeher ganz selbstverständlich, da ich als kleiner Junge Naturwissenschaftler werden wollte und erst, nachdem ich betrübt hatte erkennen müssen, dass Mädchen sich nicht für organische Chemie interessieren, in die Literatur abgeglitten war.
Seit langem ist nicht mehr so viel und vergnügt mit Schrift und Sprache experimentiert worden wie in unserer zunehmend digitalen Kultur. Ob es sich bei dem Autor um einen Schriftsteller, einen Journalisten oder einen Blogger handelt, nimmt sich dabei erst einmal nichts. Neben typografischen Experimenten gibt es eine Fülle weiterer Ansätze, von den begehbaren, epischen Erzählungen der Computerspiele bis hin zu Twitter-Juwelen. Das alles führt Traditionen fort, wovon aber bemerkenswerterweise sowohl die Vertreter der klassischen Buchkultur als auch die Digerati oft nichts wissen wollen. Mit dem Netz hat der Mensch eine neue Dimension des Durcheinanders erschaffen - einen reichen, schöpferischen Humus. Ziel der multimedialen Kultur ist es, die Unübersichtlichkeit zu universalisieren. Jeder soll alles von überall aus durcheinanderbringen können. Als Schriftsteller fühle ich mich daher aufgerufen, aktiv an dieser Art von Anarchie teilzunehmen.
Und dann ist das Schreiben doch auch wieder etwas wie die Fortsetzung der Alchemie: Man fügt Teile zueinander und hofft, dass daraus Gold oder etwas Lebendiges wird. Es geht um die Qualität der Teile, und wie sie zusammengesetzt sind (für mich der Hauptspaß am Bloggen). Man darf die Rüstung nicht scheppern hören und sollte den Leser nie spüren lassen, wie viel Arbeit einen bestimmte Teile gekostet haben. 1940 schrieb Hemingway an seinen Verleger Charles Scribner, ihm gefalle am Krieg, dass es jede Nacht möglich sei, getötet zu werden, das heißt, am nächsten Tag eventuell nicht schreiben zu müssen.
Noch jedes neue Aufschreibesystem hat auch neue literarische Entwicklungen nach sich gezogen. In der geometrischen Textmatrix, in der sich die Buchstaben mit Hilfe der Schreibmaschine tippen ließen, kündigte sich bereits die Annäherung von Mathematik und Sprache an, die heute im Computer vollzogen ist. Die Frage, ob das Geschriebene auf Papier, über ein Blog oder auf einem iPad zu seinen Lesern findet, ist für den Autor nachrangig. Wenn ein Text Käse ist, helfen ihm weder brillante Auflösung noch runde Ecken.
Eine neue Dimension des Durcheinanders
Seit langem ist nicht mehr so viel und vergnügt mit Schrift und Sprache experimentiert worden wie in unserer zunehmend digitalen Kultur. Ob es sich bei dem Autor um einen Schriftsteller, einen Journalisten oder einen Blogger handelt, nimmt sich dabei erst einmal nichts. Neben typografischen Experimenten gibt es eine Fülle weiterer Ansätze, von den begehbaren, epischen Erzählungen der Computerspiele bis hin zu Twitter-Juwelen. Das alles führt Traditionen fort, wovon aber bemerkenswerterweise sowohl die Vertreter der klassischen Buchkultur als auch die Digerati oft nichts wissen wollen. Mit dem Netz hat der Mensch eine neue Dimension des Durcheinanders erschaffen - einen reichen, schöpferischen Humus. Ziel der multimedialen Kultur ist es, die Unübersichtlichkeit zu universalisieren. Jeder soll alles von überall aus durcheinanderbringen können. Als Schriftsteller fühle ich mich daher aufgerufen, aktiv an dieser Art von Anarchie teilzunehmen.
Und dann ist das Schreiben doch auch wieder etwas wie die Fortsetzung der Alchemie: Man fügt Teile zueinander und hofft, dass daraus Gold oder etwas Lebendiges wird. Es geht um die Qualität der Teile, und wie sie zusammengesetzt sind (für mich der Hauptspaß am Bloggen). Man darf die Rüstung nicht scheppern hören und sollte den Leser nie spüren lassen, wie viel Arbeit einen bestimmte Teile gekostet haben. 1940 schrieb Hemingway an seinen Verleger Charles Scribner, ihm gefalle am Krieg, dass es jede Nacht möglich sei, getötet zu werden, das heißt, am nächsten Tag eventuell nicht schreiben zu müssen.
E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de »
Bemerkenswertes aus der digitalen Welt »
Kommentare (0)
Veranstaltungen
Finden Sie
Heute können Sie aus 408 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten
Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.


