Peter-Glaser-Kolumne Im Speicherwahn

Peter Glaser, veröffentlicht am 19.01.2011
Foto: dpa

Stuttgart - Dieser Tage ist viel vom digitalen Radiergummi die Rede. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat ein Programm vorgestellt, mit dem der grassierende Speicherwahn behoben werden soll, indem nämlich Dateien wie Laub im Herbst verwelken sollen. Wir wollen heute aber einen Blick auf das Gegenteil werfen, an dem gleichermaßen konzentriert gearbeitet wird. Lifelogging heißt die Idee, das ganze Leben einer Person aufzuzeichnen - alles, was sie sieht, hört, spricht, welche Medien und sozialen Netze sie frequentiert, was sie (digital) liest, schreibt, mailt. (Bücher, Zeitschriften und Zettel fallen weg, zu aufwendig ist das Einscannen).


Der Microsoft-Forscher Gordon Bell ist ein Pionier dieser Art von Aufzeichnung. Sieben Jahre lang hat er seine gesamten elektronischen Dokumente, Fotos, Videos, Telefonate, die Musik, die er gehört und die Filme, die er gesehen hat, digital erfasst und so einschließlich seines per GPS protokollierten Aufenthaltsorts 150 Gigabyte (GB) an Daten auf seine Festplatte gespeichert - unter anderem gespeist aus der ebenfalls von Microsoft entwickelten Sense-Cam, die er um seinen Hals trug. Diese Technologie hat Microsoft nun lizensiert, und die Firma Vicon hat daraus die Vicon Revue (Memories for Life) gemacht, eine etwa 580 Euro teure Box zum Umhängen, die acht Weitwinkelaufnahmen pro Minute schießt. Die Speicheranforderungen für die massive Selbstüberwachung sind erstaunlich moderat. Von den 150 GB nehmen Videodaten etwa 60 GB ein, 25 GB die Fotos, 18 GB die Musik und Audiodaten. Den Rest teilen sich etwa 120.000 Webseiten, E-Mails, Textdateien, Powerpoint-Files und ein bisschen Vermischtes. Wenn das ein ganzes Leben sein soll, dann ist das Leben ein trauriger Haufen Zeug.

Eine langweilige Ansammlung von Daten


Das menschliche Gehirn hat Filtermöglichkeiten entwickelt, mit denen sich die durchschnittlich einströmenden elf Millionen Bits pro Sekunde um den Faktor eine Million reduzieren lassen, um überlebenswichtige Entscheidungen schnell genug, aber auch informiert genug treffen zu können. Etwa fünfzig Bits pro Sekunde kann ein Mensch maximal bewusst aufnehmen. Von einem 580 Euro teuren Gerät kann man sich jetzt also einerseits vorführen lassen, wie unfähig man ist, und andererseits, aus was für einer langweiligen Ansammlung von Daten das Leben besteht.

Bereits 1983 hat William Gibson in seinem Science-Fiction-Klassiker "Neuromancer" die Idee der allumfassenden Datensicherung in Gestalt der sogenannten Dixie Flatline zu Ende gedacht. Die Flatline - so genannt nach der flachen Linie auf den Monitoren einer Intensivstation, wenn keine Lebensfunktionen mehr angezeigt werden - bewahrt in ein paar Speicherchips die Persönlichkeit eines verstorbenen Hackers auf. Man kann sich auch mit ihr unterhalten. Nachdem die Helden mit Hilfe der Flatline die Welt gerettet haben, fordert der gespeicherte Geist sie auf, ihn zu löschen.

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de »


Bemerkenswertes aus der digitalen Welt »



Kommentare (1)
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Stefan,
19.01.2011
wer ist hier unfähig?
... wie der Autor meint, der begrenzt aufnahmefähige Mensch?
Und stellt dagegen eine wahllos Bilder aufzeichnende Maschine, die Wichtiges und Unwichtiges in einen Topf wirft, somit also zwangsläufig eine langweilige Soße erzeugt.
Die Fähigkeit des Menschen ist es, zu filtern, das Essentielle in ein Bild zu fassen und in Erinnerung zu halten. Ein Bild, das alles aussagt.
Weiter: wie begrenzt aufnahmefähig muss dieser Schreiberling sein, das Leben allein auf Fotos pro Minute zu reduzieren: wo sind etwa Musik, Gerüche, Gefühle? Fehlen komplett in diesem armseligen Datenmassengrab.
Wo ist der Computer, der fähig ist, beispielsweise die Stimmung einer Hochzeitsfeier in einem einzigen Bild treffend widerzugeben? Wo ist der Computer, der aus der Fülle von Informationen einer Grossstadtszene den gerade aus der Restauranttür wehenden wunderbaren Essensduft erkennt?
Das aussagekräftige Bild zu finden zeigt Fähigkeit und nicht wahllose Bildersammelflut.
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