Peter-Glaser-Kolumne Die elektrische Angst

Peter Glaser, veröffentlicht am 16.02.2011
"Robotermusik" aus dem I-Pod ist nur ein Aspekt einer immer technologischer werdenden Welt - vielen bereitet das Sorgen. Foto: dpa

Stuttgart - Die Entwicklung der Medien- und Kommunikationstechnologie in den letzten anderthalb Jahrhunderten wird von folgsam sich mitwandelnden Gruselszenarien begleitet. "Ist unsere Zivilisation dem Untergang geweiht, weil wir uns heillos von Maschinen abhängig machen?", fragte Bennett Lincoln 1930 in dem Magazin "Modern Mechanics". 1927 war der erste Tonfilm ins Kino gekommen, in den folgenden drei Jahren verloren 22.000 Musiker aus Stummfilmorchestern ihre Jobs.


Proteste gegen die "Robotermusik" führten 1930 zur Gründung der Music Defense League, die um Unterstützung im Kampf um die Arbeitsplätze der Stummfilmmusiker warb. Auf Anzeigenmotiven zu sehen war unter anderem ein Banjo spielender Roboter - mit seiner mechanischen Serenade sei er dem echten Troubadour fundamental unterlegen: "Der Roboter kann nicht fröhlich noch traurig noch sentimental sein." Mit der Ausbreitung des Fernsehens stand dem Ideal des in die Büchertiefen tauchenden Lesemenschen dann dieses gefährliche graue Leuchten gegenüber, das handgesägte Gedanken durch vorgefertigte Bilder außer Kraft zu setzen drohte.

Mit dem Walkman kam der erste Entwurf des quasi-autistisch isolierten, technisch zombifizierten Jugendlichen, der wenig später ein Update als blasser, sozial gestörter Computerfreak erfuhr; mit der Einstellung der Walkman-Produktion im Frühjahr 2010 wurde die Stafette der Belämmerungsmaschinen offiziell an den I-Pod weitergegeben. Auch die Großbedrohungstechnologien bewegten sich nach dem Digitalen hin. In der Endphase des Kalten Krieges machte die Atomwaffentechnik die Untergangsvision eines "Nuklearen Winters" populär, abgelöst vom modischeren Jahr-2000-Problem, das sich bereits der neuen Leitströmung ins 21. Jahrhundert zuwandte, der computervernetzten, computerverletzbaren Welt.

Kulturpessimismus ist Revolution für Faule. Den entscheidenden Umbruch, das Ende vom Lied, möchte der Kulturpessimist gern geliefert bekommen, am liebsten von einer ultimativen Übermacht. Der Deutsche etwa liebt den pompösen Untergang, das Wagnerianische, auch wenn es furchtbar eitel ist (Die Welt wird untergehen und ICH bin dabei), während der Amerikaner die Apokalypse nach Art der Erweckungstheologie bevorzugt, die Hilfe gegen die maßlose Überschätzung der Vernunft verspricht. Die Situation ist nicht ganz unkompliziert, da auch die Freunde des digitalen Fortschritts gern mit kulturpessimistischen Methoden spielen. So freut sich der deutsche Nerd mit daran, dass die Erde in Douglas Adams berühmter fünfteiliger Trilogie "Per Anhalter durch die Galaxis" einer kosmischen Umgehungsstraße weichen muss und gesprengt wird. "Gesellschaften scheitern, das zeigt die Geschichte, nicht an Rohstoffknappheiten", sagt der Zukunftsforscher Matthias Horx. "Sie scheitern an ihren übersteigerten inneren Ängsten."


Kommentare (1)
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Dora Asemwald,
16.02.2011
Technophoben auf Facebook
Am liebsten sind mir jene, die ihrer Technophobie auf Facebook Ausdruck verleihen. Am besten durch echauffierte Kettenbriefe.
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