Österreich
Rückenlage im Sulz
Von Lisa Welzhofer, veröffentlicht am 01.03.2011
In Sachen Wintersport bin ich trendresistent. Stilvoller Purismus ist mein Motto, und so ging der Snowboard-Boom der 90er Jahre ebenso an mir vorbei wie Monoski, Big Foot oder Snow Gliding. (Wer will auf dem Berg schon aussehen wie wahlweise ein zotteliges Erbsenhirn oder ein gefallener Engel!). Und so kurvte ich noch im Parallelschwung auf langen, schmalen Brettern – und ohne Helm!– den Berg hinunter, als alle anderen schon längst breitbeinig auf bratpfannengleichen Carvern standen. Okay, wenn der Gruppendruck zu groß wird, kann ich schon zum Mitläufer werden – oder sagen wir in dem Fall zum Mitfahrer. Mittlerweile habe ich also auch Stummelskier (und sogar einen Helm), aber wenn mir etwas als neuester Trend auf dem Berg angepriesen wird, bin ich nach wie vor sehr, sehr skeptisch. Erst recht, wenn sich das ganze Figln nennt. Figln! Im Flachland löst meine Ankündigung, eben dieses in Tirol aus Arbeitsgründen ausprobieren zu wollen, größte Heiterkeit und zuverlässig schlüpfrige Bemerkungen aus.
Gut, dass sich in Innsbruck Michael Bär, Leiter der örtlichen Skischule, meiner Vorurteile annimmt. Statt ein kurzes, hartes "i" spricht Bär den Vokal in Figln lang, mit österreichischer Gemütlichkeit. Er nimmt sich Zeit für ihn wie für eine ordentliche Jause auf der Skihütte. "Figln kommt von Firngleiten", erklärt Michael Bär, "weil man es macht, wenn der Schnee im Frühling schon zu weichem Firn geworden ist." Und das Figln an sich ist nicht die Erfindung eines überdrehten Marketingmenschen – von so einem stammt höchstens die Idee, es als Trendsport zu verkaufen –, sondern eine traditionelle Fortbewegungsart in unserem Nachbarland.
Erfunden in den 30er Jahren, dienten die Figln ursprünglich Bergsteigern, um im Frühling übrig gebliebene Schneefelder zu überwinden. Die kurzen, breiten Bretter sind leicht, lassen sich bequem im Rucksack tragen und schnell an- und abschnallen. Heute ist Figln vor allem ein Einheimischensport – oder vielmehr eine "Gaudi" in Bärs Jargon.
Michael Bär hat seine Skilehrer Franzi und Daniel engagiert, um der Deutschen diese "Gaudi" beizubringen. "Eine luschdige Sache" sei das Figln, betonen die beiden immer wieder, während wir in gut 20 Minuten vom Stadtzentrum aus via Standseilbahn und Gondel auf 1900 Meter fahren. Die Nordkette ist der Hausberg der 120000 Innsbrucker, ihr von der Sonne beschienener Südhang biete optimale Figl-Bedingungen, habe ich gelesen. Man bereitet sich ja vor. Und hier, in der Station Seegrube, kann man die circa 60 Zentimeter langen Figln aus Leichtmetallblech ausleihen – und die festen Bergschuhe, an denen sie befestigt werden, gleich dazu.
Viel erklären oder gar trocken üben könne man vorher nicht, meint Franzi. Der größte Unterschied zum Skifahren ist, dass man in Rückenlage fährt, sich also nach hinten lehnt und in aufrechter Haltung und geradeaus Richtung Tal gleitet. Außerdem nimmt man gern immer wieder die gleiche Spur, so dass sich im angetauten Schnee Rinnen bilden. Liegt der Schnee hoch, fährt man irgendwann durch einen hüfthohen Kanal.
Bei meinem Figl-Debüt liegt leider nicht mehr allzu viel Weißes herum. Ich stehe ohne Stöcke oben am Hang – und erst mal geht nichts. Die Figln fahren nicht von selbst, und ich muss mir einen ziemlichen Ruck geben. (Mir gehen die 136 Kilometer pro Stunde durch den Kopf, die der österreichische Skiverband auf seiner Homepage als FiglRekord vermeldet.) Langsam schiebe ich mich über die Kante, dann geht es plötzlich furchtbar schnell gerade aus, in Panik lehne ich mich zurück, bremse damit abrupt ab. Und habe so das Grundprinzip schon heraus: Gewicht auf die Fersen ist gleich Bremse. Je weiter man sich nach vorn lehnt, umso unkontrollierter und schneller wird es.
Fahrt um Fahrt geht es besser, nach und nach entspannt sich mein verkrampfter Körper. Am Ende macht es mir tatsächlich Spaß, wie auf Schienen durch den weißen Matsch zu gleiten. Und das, obwohl wirklich keine idealen Bedingungen herrschen: Nicht nur der Schnee fehlt, auch die Aussicht – sonst ein wirklich großartiger Panoramablick auf Innsbruck – ist durch Nebel versaut. Außerdem sei man mit drei Leuten zu wenig, sagen meine Lehrer. Denn man bilde gerne Menschenketten beim Figln.
Weil Franzi und Daniel im Nebenberuf Akrobaten sind, machen sie mir Kunststücke vor: huckepack figln, über den anderen drüberspringen beim Figln, rückwärts figln, auf einem Bein figln ... "Eine luschdige Sache" ist das Figln in der Tat, und wer sich ohnehin die Habsburgerstadt mit Hofburg, Goldenem Dachl und Sprungschanze ansehen möchte, kann das im April mit ein paar Stunden auf der Nordkette kombinieren. Sollte jemand beim Figln ein ungeahntes Talent entdecken, kann er es sogar zur Meisterschaft bringen: Es gibt offizielle Firngleiter-Wettkämpfe.
So weit werde ich es wohl nicht bringen, obwohl Franzi und Daniel – natürlich – betonen, dass ich ein Naturtalent bin. Beim Speck- und Spinatknödelessen auf der Station Seegrube erzählen sie mir dann, was man auf der Nordkette und in Innsbruck das ganze Jahr über noch so alles machen kann: Skitouren gehen, paragliden, klettern, biken, bungeesurfen auf dem Inn. Alles sogenannte Trendsportarten. Dagegen bin ich zwar resistent, aber manchmal lohnt es sich doch ...
Figln in Tirol
Kurse
Die Figl-Saison beginnt am 1. April. Die Skischule Innsbruck bietet zweistündige Einsteigerkurse im Figln an. Der Kurs ist für zwei bis sechs Personen buchbar und kostet insgesamt 95 Euro. Anmeldung bei der Skischule Innsbruck: 0043/512214466; www.skischule-innsbruck.com
Für die Nordkette gibt es eine "Nordkette Figl for Fun Card" für 29 Euro. Darin enthalten sind Leih-Figl im Sportshop auf der Station Seegrube. Infos zu Innsbruck: www.innsbruck.info.
Geschichte des Figlns
Als Geburtsstunde des Firngleitens gelten die 30er Jahre, als Erfinder der Grazer Karl Taul sowie der Innsbrucker Emo Henrich. Letzterer hat auch ein Patent dafür angemeldet. 1972 fand die erste Österreichische Firngleiter-Meisterschaft in Osttirol statt, seit 1995 ist Firngleiten vom Internationalen Skiverband Fis als Wintersport anerkannt. Im gleichen Jahr gab es die ersten offiziellen FirngleiterEuropameisterschaften in Italien.
Gut, dass sich in Innsbruck Michael Bär, Leiter der örtlichen Skischule, meiner Vorurteile annimmt. Statt ein kurzes, hartes "i" spricht Bär den Vokal in Figln lang, mit österreichischer Gemütlichkeit. Er nimmt sich Zeit für ihn wie für eine ordentliche Jause auf der Skihütte. "Figln kommt von Firngleiten", erklärt Michael Bär, "weil man es macht, wenn der Schnee im Frühling schon zu weichem Firn geworden ist." Und das Figln an sich ist nicht die Erfindung eines überdrehten Marketingmenschen – von so einem stammt höchstens die Idee, es als Trendsport zu verkaufen –, sondern eine traditionelle Fortbewegungsart in unserem Nachbarland.
Erfunden in den 30er Jahren, dienten die Figln ursprünglich Bergsteigern, um im Frühling übrig gebliebene Schneefelder zu überwinden. Die kurzen, breiten Bretter sind leicht, lassen sich bequem im Rucksack tragen und schnell an- und abschnallen. Heute ist Figln vor allem ein Einheimischensport – oder vielmehr eine "Gaudi" in Bärs Jargon.
Michael Bär hat seine Skilehrer Franzi und Daniel engagiert, um der Deutschen diese "Gaudi" beizubringen. "Eine luschdige Sache" sei das Figln, betonen die beiden immer wieder, während wir in gut 20 Minuten vom Stadtzentrum aus via Standseilbahn und Gondel auf 1900 Meter fahren. Die Nordkette ist der Hausberg der 120000 Innsbrucker, ihr von der Sonne beschienener Südhang biete optimale Figl-Bedingungen, habe ich gelesen. Man bereitet sich ja vor. Und hier, in der Station Seegrube, kann man die circa 60 Zentimeter langen Figln aus Leichtmetallblech ausleihen – und die festen Bergschuhe, an denen sie befestigt werden, gleich dazu.
Viel erklären oder gar trocken üben könne man vorher nicht, meint Franzi. Der größte Unterschied zum Skifahren ist, dass man in Rückenlage fährt, sich also nach hinten lehnt und in aufrechter Haltung und geradeaus Richtung Tal gleitet. Außerdem nimmt man gern immer wieder die gleiche Spur, so dass sich im angetauten Schnee Rinnen bilden. Liegt der Schnee hoch, fährt man irgendwann durch einen hüfthohen Kanal.
Bei meinem Figl-Debüt liegt leider nicht mehr allzu viel Weißes herum. Ich stehe ohne Stöcke oben am Hang – und erst mal geht nichts. Die Figln fahren nicht von selbst, und ich muss mir einen ziemlichen Ruck geben. (Mir gehen die 136 Kilometer pro Stunde durch den Kopf, die der österreichische Skiverband auf seiner Homepage als FiglRekord vermeldet.) Langsam schiebe ich mich über die Kante, dann geht es plötzlich furchtbar schnell gerade aus, in Panik lehne ich mich zurück, bremse damit abrupt ab. Und habe so das Grundprinzip schon heraus: Gewicht auf die Fersen ist gleich Bremse. Je weiter man sich nach vorn lehnt, umso unkontrollierter und schneller wird es.
Fahrt um Fahrt geht es besser, nach und nach entspannt sich mein verkrampfter Körper. Am Ende macht es mir tatsächlich Spaß, wie auf Schienen durch den weißen Matsch zu gleiten. Und das, obwohl wirklich keine idealen Bedingungen herrschen: Nicht nur der Schnee fehlt, auch die Aussicht – sonst ein wirklich großartiger Panoramablick auf Innsbruck – ist durch Nebel versaut. Außerdem sei man mit drei Leuten zu wenig, sagen meine Lehrer. Denn man bilde gerne Menschenketten beim Figln.
Weil Franzi und Daniel im Nebenberuf Akrobaten sind, machen sie mir Kunststücke vor: huckepack figln, über den anderen drüberspringen beim Figln, rückwärts figln, auf einem Bein figln ... "Eine luschdige Sache" ist das Figln in der Tat, und wer sich ohnehin die Habsburgerstadt mit Hofburg, Goldenem Dachl und Sprungschanze ansehen möchte, kann das im April mit ein paar Stunden auf der Nordkette kombinieren. Sollte jemand beim Figln ein ungeahntes Talent entdecken, kann er es sogar zur Meisterschaft bringen: Es gibt offizielle Firngleiter-Wettkämpfe.
So weit werde ich es wohl nicht bringen, obwohl Franzi und Daniel – natürlich – betonen, dass ich ein Naturtalent bin. Beim Speck- und Spinatknödelessen auf der Station Seegrube erzählen sie mir dann, was man auf der Nordkette und in Innsbruck das ganze Jahr über noch so alles machen kann: Skitouren gehen, paragliden, klettern, biken, bungeesurfen auf dem Inn. Alles sogenannte Trendsportarten. Dagegen bin ich zwar resistent, aber manchmal lohnt es sich doch ...
Figln in Tirol
Kurse
Die Figl-Saison beginnt am 1. April. Die Skischule Innsbruck bietet zweistündige Einsteigerkurse im Figln an. Der Kurs ist für zwei bis sechs Personen buchbar und kostet insgesamt 95 Euro. Anmeldung bei der Skischule Innsbruck: 0043/512214466; www.skischule-innsbruck.com
Für die Nordkette gibt es eine "Nordkette Figl for Fun Card" für 29 Euro. Darin enthalten sind Leih-Figl im Sportshop auf der Station Seegrube. Infos zu Innsbruck: www.innsbruck.info.
Geschichte des Figlns
Als Geburtsstunde des Firngleitens gelten die 30er Jahre, als Erfinder der Grazer Karl Taul sowie der Innsbrucker Emo Henrich. Letzterer hat auch ein Patent dafür angemeldet. 1972 fand die erste Österreichische Firngleiter-Meisterschaft in Osttirol statt, seit 1995 ist Firngleiten vom Internationalen Skiverband Fis als Wintersport anerkannt. Im gleichen Jahr gab es die ersten offiziellen FirngleiterEuropameisterschaften in Italien.
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