USA
Laufsteg der Eitelkeiten
Von Helge Sobik, veröffentlicht am 01.03.2011
Alle paar Minuten kommt sie auf ihren enorm hohen Stöckelschuhen aus dem Laden gestakst und kauft ihrem Chef Zeit: Für 15 Minuten stopft sie eine Vierteldollar-Münze in die Parkuhr am Rodeo Drive. Maximal eine Stunde kann sie für das zitronengelbe Rolls-Royce-Cabrio mit dem Nummerschild "BP 111" so erstehen. Dann muss sie wieder angestöckelt kommen und nachstopfen: selbst wenn gerade Tom Cruise oder Anthony Hopkins, Bill Clinton oder der saudische König im Laden sein sollten. Sie alle zählen zu den Kunden dieses Geschäftes am Rodeo Drive, das mit dem Slogan wirbt, der teuerste Herrenausstatter der Welt zu sein. Wer hineinwill, wer Geld ausgeben will – und sei er noch so vermögend –, braucht zuvor einen Termin: Der exzentrische persische Edel-Schneider Bijan Pakzad öffnet "by appointment only" – nur mit Terminabsprache – und verkauft nicht an jedermann. Er kann es sich leisten.
Das Geschäft brummt, auch ohne dass sich die Kunden im Edel-Laden an der vornehmsten Adresse von Beverly Hills gegenseitig auf die Füße treten. Und weil der gelbe Luxuswagen so gut zur Farbe des Ladens und noch besser zum Image passt, steht er direkt vor der Tür, auch wenn die Assistentin dadurch lästige Laufereien hat und der Spaß jeden Werktag gut zehn Dollar kostet. Nicht der Rede wert für die Anrainer der exklusivsten Einkaufsstraße in den USA, wo ein Geschäft in guter Lage leicht 100000 Dollar Monatsmiete kosten kann. Ohne Parkplatz.
Der Rodeo Drive im noblen Beverly Hills ist keine halbe Meile lang, aber jeder, der in der Modewelt einen großen Namen hat, ist hier vertreten. Man zahlt die höchsten Mieten Kaliforniens, verkauft teuerste Couture, Schmuck oder Uhren und zeigt Flagge: von Valentino bis Versace, von Dolce&Gabbana bis Armani, von Bulgari bis Cartier. Vor den Geschäften parken Jaguar, Bentley, gepanzerte Mercedes-Limousinen und Porsche der Kunden. Auf dem Asphalt rollen im Schritttempo die Leihwagen der Schaulustigen und die Ausflugsbusse der Touristen auf Rundtour durch Beverly Hills. Sie machen Prominenten-Safari und hoffen, einen der Leinwandstars in Zivil zu entdecken. Dabei könnten die meisten von denen unerkannt in der Busreihe vor ihnen sitzen. Hollywood-Helden sehen nur im Film und bei der kommenden Sonntag stattfindenden Oscar-Verleihung aus wie Stars. Am Rodeo Drive können sie ganz normal einkaufen gehen. Am ehesten fallen sie durch die Reaktionen der Verkäufer auf: bei Valentino zum Beispiel, wenn der Filialleiter alles stehen und liegen lässt, um sich um Julia Roberts zu kümmern, die durch die Ladentür geschwebt kommt– offenbar mit der festen Absicht, ein paar Tausend Dollar auszugeben.
So zuvorkommend wurde sie entlang dieser Straße nicht immer bedient. Im Film-Klassiker "Pretty Woman" flog sie der goldenen Kreditkarte zum Trotz kurzerhand aus einer Nobel-Boutique, weil sie nicht angemessen gekleidet war. Vielleicht auch, weil sie keine Spuren schönheitschirurgischer Handgreiflichkeiten aufwies und zu natürlich aussah.
Gleichwohl, der Rodeo Drive ist nicht überheblich, Schwellenangst nicht erforderlich: Zwar ist diese Straße mehr als jede andere ein Laufsteg, und die Geschäfte sind Bühnen, aber kein Laufsteg funktioniert ohne Publikum. Schaulust ist Teil der Inszenierung. Und auch wenn Couturier Bijan kaum jemanden in seinen Laden lässt, sind neugierige Blicke durchs Schaufenster durchaus erwünscht. Sie gehören zum Gesamtkonzept wie der gelbe Rolls-Royce, wie die nach Farben sortierten großen Schränke mit neuesten Entwürfen, die Berge frischer Schnittblumen, Dutzende gerahmte und auf Tischchen arrangierte Fotos berühmter Kunden. Und wie die Menschen, die sich wahlweise vor dem Luxuscabrio oder ein Stück weiter vor dem Straßenschild mit dem goldenen Schriftzug "Rodeo Drive" fotografieren lassen.
Wenn die Sonne morgens über die Flachdächer klettert, die Nachtwächter Feierabend machen, dann erwacht der vierspurige Rodeo Drive langsam. Vor dem Armani-Store mit seiner rauchglasverblendeten Fassade sind die letzten Straßenfeger unterwegs, vorm Edelkaufhaus Brooks Brothers an der Ecke Santa Monica Boulevard kehren sie noch schnell ein paar Pappbecher zusammen. Kurz vor neun kommt das Personal, erst gegen zehn tauchen die ersten Kunden auf und werden Parkplätze vor den Geschäften knapp. Bijans Rolls steht längst vor dem Laden. Irgendwann am Vormittag ruft Jennifer Lopez plötzlich "Let's get loud" quer über die Straße, und Ricky Martin antwortet irgendetwas von "Livin' la vida loca" – beide aus den lauten Autoradios Schritttempo fahrender Cabrios. Und aus einem Geländewagen springt einer mit Begleitschutz, der aussieht wie Kevin Costner. Über Mittag wird es wieder ruhiger: ein paar Touristen, keine Stars. Und am Nachmittag scheint sich plötzlich die Kundschaft zu tummeln – hier und auf der etwas preiswerteren Parallelstraße Beverly Drive.
"Begonnen hat das alles erst 1968", erzählt Tom Blumenthal, Inhaber eines Uhrengeschäfts am Rodeo Drive und Präsident des Anrainer-Komitees, in dem sich die Geschäftsleute zusammengeschlossen haben. "Bis dahin war das eine Straße wie jede andere in Beverly Hills. Ein paar Läden, Restaurants, ein Stück weiter nur noch Wohnhäuser, viel Grün. Aber als erst Gucci aufmachte, dann Louis Vuitton folgte und bald Bijan, wollte plötzlich jeder hier sein."
Die Mieten schossen fast über Nacht in den Himmel. Es war hip, hier einzukaufen. Wenn Tom, um die vierzig, im Hinterzimmer erzählt, blickt er immer mit einem Auge zum Monitor der Überwachungskamera. Einer wie er will wissen, was vorn im Laden los ist, wer kommt, wer geht und wann es gut für die Kasse ist, wenn auch der Chef zum Shake-hand erscheint. Zwei-, dreimal im Monat macht er sogar nachts auf – weil irgendein Prominenter gern in Ruhe einkaufen möchte.
Beverly Hills
Anreise
Flug mit Lufthansa (www.lufthansa.com) ab Frankfurt oder München nach Los Angeles ab rund 650 Euro inklusive innerdeutschem Zubringerflug.
Preise
Beverly Hills zählt zu den besten Vierteln im Großraum Los Angeles. Insofern ist das Preisniveau in Restaurants, Hotels, aber auch in Boutiquen höher als anderswo in der Stadt. Der Rodeo Drive ist so etwas wie das preisliche Epizentrum. Schon in den Parallelstraßen zahlt man die Adresse nicht mehr mit und kann weit günstiger einkaufen.
Das kostet der Rodeo Drive:
Tasse Kaffee 4 Euro
Salat im Restaurant 14 Euro
Designer-Markenjeans 130 Euro
Wetter
Im Februar ist es frühlingshaft warm, ohne schwül zu sein. Tagestemperaturen über 20 Grad. Abends und nachts wird es noch empfindlich kühl.
Unterkunft:
Doppelzimmer im "Pretty Woman"-Hotel Beverly Wilshire Four Seasons (www.fourseasons.com) direkt am Anfang des Rodeo Drive ab rund 300 Euro/Nacht, im eine halbe Meile entfernten Crown Plaza Beverly Hills ab 128 Euro bei Meier's Weltreisen (www.meiers-weltreisen.de).
Was Sie tun und lassen sollten
Auf keinen Fall in Shopping-Laune zum Rodeo Drive kommen. Lieber den Abstecher zum Schauen, Staunen und Kopfschütteln nutzen und in den Parallelstraßen einkaufen. Auf jeden Fall einen Drink auf der Terrasse des Beverly Wilshire Four Seasons bestellen. Es ist der Logenplatz beim "Filmstar-Watching" und liegt dem Anfang des Rodeo Drive direkt gegenüber.
Infos
Beverly Hills Visitors Bureau, www.beverlyhillsbehere.com und California Tourism, www.visitcalifornia.de.
Das Geschäft brummt, auch ohne dass sich die Kunden im Edel-Laden an der vornehmsten Adresse von Beverly Hills gegenseitig auf die Füße treten. Und weil der gelbe Luxuswagen so gut zur Farbe des Ladens und noch besser zum Image passt, steht er direkt vor der Tür, auch wenn die Assistentin dadurch lästige Laufereien hat und der Spaß jeden Werktag gut zehn Dollar kostet. Nicht der Rede wert für die Anrainer der exklusivsten Einkaufsstraße in den USA, wo ein Geschäft in guter Lage leicht 100000 Dollar Monatsmiete kosten kann. Ohne Parkplatz.
Der Rodeo Drive im noblen Beverly Hills ist keine halbe Meile lang, aber jeder, der in der Modewelt einen großen Namen hat, ist hier vertreten. Man zahlt die höchsten Mieten Kaliforniens, verkauft teuerste Couture, Schmuck oder Uhren und zeigt Flagge: von Valentino bis Versace, von Dolce&Gabbana bis Armani, von Bulgari bis Cartier. Vor den Geschäften parken Jaguar, Bentley, gepanzerte Mercedes-Limousinen und Porsche der Kunden. Auf dem Asphalt rollen im Schritttempo die Leihwagen der Schaulustigen und die Ausflugsbusse der Touristen auf Rundtour durch Beverly Hills. Sie machen Prominenten-Safari und hoffen, einen der Leinwandstars in Zivil zu entdecken. Dabei könnten die meisten von denen unerkannt in der Busreihe vor ihnen sitzen. Hollywood-Helden sehen nur im Film und bei der kommenden Sonntag stattfindenden Oscar-Verleihung aus wie Stars. Am Rodeo Drive können sie ganz normal einkaufen gehen. Am ehesten fallen sie durch die Reaktionen der Verkäufer auf: bei Valentino zum Beispiel, wenn der Filialleiter alles stehen und liegen lässt, um sich um Julia Roberts zu kümmern, die durch die Ladentür geschwebt kommt– offenbar mit der festen Absicht, ein paar Tausend Dollar auszugeben.
So zuvorkommend wurde sie entlang dieser Straße nicht immer bedient. Im Film-Klassiker "Pretty Woman" flog sie der goldenen Kreditkarte zum Trotz kurzerhand aus einer Nobel-Boutique, weil sie nicht angemessen gekleidet war. Vielleicht auch, weil sie keine Spuren schönheitschirurgischer Handgreiflichkeiten aufwies und zu natürlich aussah.
Gleichwohl, der Rodeo Drive ist nicht überheblich, Schwellenangst nicht erforderlich: Zwar ist diese Straße mehr als jede andere ein Laufsteg, und die Geschäfte sind Bühnen, aber kein Laufsteg funktioniert ohne Publikum. Schaulust ist Teil der Inszenierung. Und auch wenn Couturier Bijan kaum jemanden in seinen Laden lässt, sind neugierige Blicke durchs Schaufenster durchaus erwünscht. Sie gehören zum Gesamtkonzept wie der gelbe Rolls-Royce, wie die nach Farben sortierten großen Schränke mit neuesten Entwürfen, die Berge frischer Schnittblumen, Dutzende gerahmte und auf Tischchen arrangierte Fotos berühmter Kunden. Und wie die Menschen, die sich wahlweise vor dem Luxuscabrio oder ein Stück weiter vor dem Straßenschild mit dem goldenen Schriftzug "Rodeo Drive" fotografieren lassen.
Wenn die Sonne morgens über die Flachdächer klettert, die Nachtwächter Feierabend machen, dann erwacht der vierspurige Rodeo Drive langsam. Vor dem Armani-Store mit seiner rauchglasverblendeten Fassade sind die letzten Straßenfeger unterwegs, vorm Edelkaufhaus Brooks Brothers an der Ecke Santa Monica Boulevard kehren sie noch schnell ein paar Pappbecher zusammen. Kurz vor neun kommt das Personal, erst gegen zehn tauchen die ersten Kunden auf und werden Parkplätze vor den Geschäften knapp. Bijans Rolls steht längst vor dem Laden. Irgendwann am Vormittag ruft Jennifer Lopez plötzlich "Let's get loud" quer über die Straße, und Ricky Martin antwortet irgendetwas von "Livin' la vida loca" – beide aus den lauten Autoradios Schritttempo fahrender Cabrios. Und aus einem Geländewagen springt einer mit Begleitschutz, der aussieht wie Kevin Costner. Über Mittag wird es wieder ruhiger: ein paar Touristen, keine Stars. Und am Nachmittag scheint sich plötzlich die Kundschaft zu tummeln – hier und auf der etwas preiswerteren Parallelstraße Beverly Drive.
"Begonnen hat das alles erst 1968", erzählt Tom Blumenthal, Inhaber eines Uhrengeschäfts am Rodeo Drive und Präsident des Anrainer-Komitees, in dem sich die Geschäftsleute zusammengeschlossen haben. "Bis dahin war das eine Straße wie jede andere in Beverly Hills. Ein paar Läden, Restaurants, ein Stück weiter nur noch Wohnhäuser, viel Grün. Aber als erst Gucci aufmachte, dann Louis Vuitton folgte und bald Bijan, wollte plötzlich jeder hier sein."
Die Mieten schossen fast über Nacht in den Himmel. Es war hip, hier einzukaufen. Wenn Tom, um die vierzig, im Hinterzimmer erzählt, blickt er immer mit einem Auge zum Monitor der Überwachungskamera. Einer wie er will wissen, was vorn im Laden los ist, wer kommt, wer geht und wann es gut für die Kasse ist, wenn auch der Chef zum Shake-hand erscheint. Zwei-, dreimal im Monat macht er sogar nachts auf – weil irgendein Prominenter gern in Ruhe einkaufen möchte.
Beverly Hills
Anreise
Flug mit Lufthansa (www.lufthansa.com) ab Frankfurt oder München nach Los Angeles ab rund 650 Euro inklusive innerdeutschem Zubringerflug.
Preise
Beverly Hills zählt zu den besten Vierteln im Großraum Los Angeles. Insofern ist das Preisniveau in Restaurants, Hotels, aber auch in Boutiquen höher als anderswo in der Stadt. Der Rodeo Drive ist so etwas wie das preisliche Epizentrum. Schon in den Parallelstraßen zahlt man die Adresse nicht mehr mit und kann weit günstiger einkaufen.
Das kostet der Rodeo Drive:
Tasse Kaffee 4 Euro
Salat im Restaurant 14 Euro
Designer-Markenjeans 130 Euro
Wetter
Im Februar ist es frühlingshaft warm, ohne schwül zu sein. Tagestemperaturen über 20 Grad. Abends und nachts wird es noch empfindlich kühl.
Unterkunft:
Doppelzimmer im "Pretty Woman"-Hotel Beverly Wilshire Four Seasons (www.fourseasons.com) direkt am Anfang des Rodeo Drive ab rund 300 Euro/Nacht, im eine halbe Meile entfernten Crown Plaza Beverly Hills ab 128 Euro bei Meier's Weltreisen (www.meiers-weltreisen.de).
Was Sie tun und lassen sollten
Auf keinen Fall in Shopping-Laune zum Rodeo Drive kommen. Lieber den Abstecher zum Schauen, Staunen und Kopfschütteln nutzen und in den Parallelstraßen einkaufen. Auf jeden Fall einen Drink auf der Terrasse des Beverly Wilshire Four Seasons bestellen. Es ist der Logenplatz beim "Filmstar-Watching" und liegt dem Anfang des Rodeo Drive direkt gegenüber.
Infos
Beverly Hills Visitors Bureau, www.beverlyhillsbehere.com und California Tourism, www.visitcalifornia.de.
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