Nick Vujicic im Interview "Wenn kein Wunder passiert, sei selbst eins!"

Marleen Kort/ Tobias Speidel, veröffentlicht am 02.04.2011
 
Nick, du liebst Sport und spielst zum Beispiel Golf und Fußball, gehst Surfen oder Tauchen. Wie spielst du Golf, ganz ohne Arme und Beine?
Ich brauche nur den Putter-Schläger, den nehme ich zwischen mein Kinn und meine Schulter. Ich sitze auf dem Rasen und spiele den Ball herein. Es macht mir sehr viel Spaß, dabei kann ich entspannen. Meine Eltern haben mir immer gesagt: Du weißt nicht, was du alles erreichen kannst, wenn du es nicht probierst. Darum habe ich immer versucht, so viel wie möglich auszuprobieren.

Abgesehen vom Sport: Was machst du sonst noch gern?
Meine Leidenschaft ist das Reden, ganz klar. Deswegen reise ich so viel, um meine Geschichte zu erzählen. Ich möchte andere inspirieren, nie den Glauben an Gott aufzugeben, und ihnen sagen, dass Gott sie genau so liebt, wie sie sind. Und wenn ich mal zu Hause in Kalifornien bin, dann schaue ich gern Filme und höre Musik.

Heute hast du viele Interviewtermine und morgen fliegst du weiter nach Slowenien. Fühlst du dich unter Druck gesetzt, den Erwartungen deines Publikums gerecht zu werden, immer fröhlich, witzig und ermutigend deine Lebensgeschichte zu erzählen?
In erster Linie erachte ich das alles als Segen und auch als eine Verantwortung, die Gott mir gegeben hat. Aber es ist anstrengend. Seit sechs Jahren bin ich als Motivationsredner unterwegs. Letztes Jahr waren wir in rund 20 Ländern und sind 120 Mal geflogen. Viele Menschen erkennen mich auf dem Flughafen. Ich kann nicht bloß einen Hut und eine Sonnenbrille aufsetzen, die Leute erkennen mich so oder so. Oft machen wir dann Fotos, umarmen uns. Dieser Trubel strengt natürlich an. Aber gleichzeitig macht es mir Mut, wenn ich sehe, wie Menschen von mir berührt werden. Ich empfinde es als ein Privileg und als Segen, die Frohe Botschaft von Jesus Christus zu verkünden.

In deinem Buch „Mein Leben ohne Limits“ schreibst du: „Wenn kein Wunder passiert, sei selbst eins!“ Wie lebst du dieses Motto?
Manchmal hoffen wir, dass ein Wunder passiert. Ich betete für Arme und Beine. Ich wurde so geboren, ohne medizinischen Grund, und ich war zornig auf Gott, weil ich von ihm keinerlei Antwort bekam. Es dauerte viele Jahre, bis ich erkannte: Wenn Gott die Umstände nicht ändert, dann verändert er dein Herz. Er hat immer einen Plan. Gottes Gnade genügt. Er ist immer bei dir und wird dich nie vergessen.
Als ich vor etwa fünf Jahren in Kalifornien war, traf ich einen Jungen ohne Arme und Beine, genau wie ich. Seine Mutter kam weinend auf mich zu und sagte: „Nick, du bist ein Wunder. Wir haben für ein Zeichen gebetet und jetzt weiß ich, dass Gott meinen Sohn nicht vergessen hat.“ Das war echt super. Ich bin überzeugt, dass Gott hat uns geschaffen hat, damit wir uns gegenseitig Mut machen.

Viele Menschen fragen sich, warum Gott Leid in der Welt zulässt. Das war sicherlich auch für dich eine zentrale Frage. Welche Antwort hast du für dich gefunden?
Die Antwort steht auf den ersten Seiten in der Bibel, im Buch Genesis. Da waren Adam, Eva, Gott und Satan im Garten Eden. Es gab keine Krankheit, die Erde war perfekt, alles war gut. Doch dann kam der Sündenfall und die Erde war verflucht. Da sagte Gott: Okay, ich gebe den Menschen eine begrenzte Lebenszeit um sich auf die Ewigkeit vorzubereiten. Ich möchte, dass die Menschen selbst entscheiden, mich zu lieben. Er hätte uns als Roboter erschaffen können, aber er wollte uns Menschen die Entscheidungsfreiheit geben, ihn zu lieben oder nicht. Wir haben also eine Wahl in unserem begrenzten Leben: Entweder unser eigenes Ding zu machen oder auf Gott zu hören; entweder zu sagen, dass man gut genug ist für den Himmel, oder zu erkennen, dass man nie perfekt sein wird, und an die Vergebung der Sünden zu glauben. Ich kannte diese Geschichte schon als Kind, aber ich dachte: Gott, du weißt, wie ich mich fühle. Warum bin ich so geboren?
Das ist die Antwort: Gott bestraft uns nicht. Es ist nicht Gott, der uns durch Katastrophen sterben lässt. So ist eben das Leben, nachdem die Sünde in die Welt kam. Aber Gott kann alles Schlechte zum Positiven verändern.

Im Alter von nur zehn Jahren wolltest du dir das Leben nehmen. Heute, 20 Jahre später, reist du um die Welt und machst anderen Menschen Mut. Wie nahm dein Leben eine so drastische Wende?
Als ich 13 Jahre alt war, kam ein blinder Redner an meine Schule und ich merkte, wie er jeden von uns beeindruckte. Ich dachte damals: Was für ein cooler Job! Rumreisen, Reden, anderen Hoffnung bringen. Irgendwann wurde ich dazu eingeladen, vor einer kleinen Gebetsgruppe zu sprechen. Ich dachte: Ich habe den Leuten doch nichts zu geben! Nach drei Monaten sagte ich schließlich zu und sie waren berührt. Eine Einladung folgte der nächsten, bis ich einmal vor 300 Teenagern sprechen sollte. Ich war sehr nervös, meine Hände schwitzten und meine Knie zitterten. Ein Mädchen weinte, kam nach vorne und umarmte mich. Sie sagte: „Danke. Mir hat noch nie jemand gesagt, dass ich so geliebt werde, wie ich bin.“ Da war mir klar, dass die Welt diese Nachricht hören soll und dass Gott mich als Redner erschuf.

Das Thema des heutigen JesusHouse-Abends ist „Hoffnung“. Hoffnung spielt in deinem Leben eine wichtige Rolle. Wie gehst du aber mit Momenten der Verzweiflung, mit Mutlosigkeit oder Frust um?
Ich gehe in meinem Leben durch Höhen und Tiefen. Ich bin kein Superheld. Nick weint immer noch, Nick hat seine Momente der Angst. Es gibt Zeiten, in denen Gott sich Zeit lässt mit meinen Gebeten, doch im Prinzip ist sein Timing perfekt. Es ist eine Frage der Geduld und des Vertrauens: Wir alle haben Wünsche und es ist nichts Falsches daran, zu beten. Aber Gott zu vertrauen ist die größte Zufriedenheit, die man haben kann. Wenn man Gott sagt: Das ist mein Herzenswunsch, aber wenn es nicht dein Wille ist oder wenn es heute noch nicht passiert – ich vertraue dir. Deswegen habe ich ein paar Schuhe in meinem Schrank stehen, für den Fall, dass ich eines Tages doch mal Füße bekomme. Aber auch wenn Gott mir diesen Wunsch nie erfüllt, hat er einen großartigen Plan für mein Leben. Die Hoffnung ist in Gott. Gott verändert sich nie. Seine Liebe wird niemals aufhören. Aufgrund seiner Gnade und Liebe weiß ich heute, dass ich keine Arme und Beine brauche. Was ich brauche, ist Frieden, Vergebung und seine Freude. Und das können mir Arme und Beine nicht geben.

Wann und wie hast du deinen starken Glauben an Gott denn entwickelt?
Ich wuchs in einer christlichen Gemeinde auf. Ich wusste, dass ich ein Sünder war und dass ich Vergebung nötig hatte. Ich wusste, dass Jesus allein den Tod besiegen kann. Jesus ist der mächtigste Mensch, von dem ich je gehört habe! Ich wusste, dass er mich liebte, weil es in der Bibel stand, aber viele Jahre lang fühlte ich die Liebe Gottes nicht. Ich konnte nicht erkennen, dass Gott einen Plan für mich hatte und mir Hoffnung geben konnte.
Im Alter von acht bis 12 Jahren hatte ich Depressionen und mit zehn versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Ich hatte einfach den Eindruck, dass es für mich keinen Sinn im Leben gab. Aber als ich in der Bibel das neunte Kapitel des Johannesevangeliums las, spürte ich tiefen Frieden und Vertrauen in Gott. Und als ich 15 Jahre alt war, las ich das Buch des blinden Redners. Ich sagte mir: Gott, wenn du einen Plan für Blinde hast, dann hast du auch einen Plan für mich.

Welche Träume und Ziele hast du für deine Zukunft?
Mein größter Wunsch ist, dass alle Menschen dazu ermutigt werden, sich Gott anzunähern und eine Beziehung mit ihm einzugehen. Ich hoffe, dass meine Geschichte andere dazu inspiriert, nicht aufzugeben. Ich wünsche mir, dass ich noch mehr Menschen erreiche, aber weniger unterwegs bin. Eines Tages werde ich heiraten, Kinder haben und mit ihnen ein großartiges Leben führen. Aber Priorität ist und bleibt meine Beziehung zu Gott, an zweiter Stelle wird meine Familie stehen und drittens das Predigen. Das sind meine Prioritäten und das sollen sie auch bleiben.

Vielen Dank für das Interview!


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