Metropolis (restaurierte Fassung 2010)

Mythos von Hirn, Herz und Hand

Rupert Koppold, veröffentlicht am 12.05.2011
Filmbeschreibung
Es war der aufwendigste Film seiner Zeit. Sechs Millionen Reichsmark verschlang die Ufa-Produktion, fast vierzigtausend Komparsen kamen zum Einsatz, 380 Stunden Negativfilm wurden verbraucht. Doch als Fritz Langs Science-Fiction-Geschichte "Metropolis" 1927 uraufgeführt wurde, war die Zuschauerresonanz enttäuschend, das Werk wurde deshalb stark gekürzt, die erste Fassung ging verloren. Dennoch haben sich die gewaltigen Bilder des Films in den Köpfen festgesetzt, über die Jahrzehnte hinweg wurde "Metropolis" zum Mythos, zu einem Werk, bei dem schließlich auf der ganzen Welt nach jedem fehlenden Filmmeter gefahndet wurde.

Schon in den achtziger Jahren hatte der Filmhistoriker Enno Patalas mit der Rekonstruktion begonnen, wiederaufgetauchte Teile restauriert und eingefügt und seine Arbeit 2001 dann vorgestellt. Der große Fund aber gelang erst 2008 in einem Archiv in Buenos Aires, in dem eine annähernd vollständige Kopie der Erstfassung lagerte. Die Patalas-Version konnte damit um 25 Minuten ergänzt werden, der nun fast komplette Film feierte vergangenes Jahr glanzvolle Premiere und kommt jetzt in die Kinos. Dass die "neuen" Teile deutliche Verschleißspuren aufweisen, kann der triumphalen Rückkehr von "Metropolis" nichts anhaben, im Gegenteil, sie tragen zur Aura bei, sie sind sichtbare Zeichen für Alter und Kostbarkeit eines Films, der zum deutschen Nationaldenkmal geworden ist.

Tatsächlich ist sofort zu spüren, dass Fritz Lang einen Meilenstein der Kinogeschichte gesetzt hat. Die düster-faszinierende Stadtutopie aus Wolkenkratzern, Straßenschluchten, Fluggeräten und Hochbahnen hat noch Jahrzehnte später Filme wie "Blade Runner" oder "Batman" inspiriert. Die Bild-Ton-Collagen, in denen eine Räder- und Turbinenwelt im Rhythmus furioser Musik dahinrast, können durchaus als Vorläufer späterer Videoclips gelten. Das Design des weiblichen Roboters wird immer wieder in der Kunst zitiert. Und wie es Fritz Lang überhaupt gelingt, die Dinge nicht nur ins, sondern auch aufs Bild zu bringen, das zeigt er etwa in jener Sequenz, in der sich aus dem Dampf einer explodierten Maschine ein menschenverschlingender Moloch herausschält.

Doch, doch, es ist fast alles wahr, was über die technisch-ästhetischen Leistungen von "Metropolis" gesagt wurde und wird. Trotzdem sollte man, bevor "Metropolis" endgültig zum Heiligtum geworden ist, mal wieder den Blick richten auf jene unheilvolle Ideologie, die diesen Film durchzieht und beherrscht. Thea von Harbou, die Drehbuchautorin und damalige Ehefrau des Regisseurs, greift in dieser Geschichte direkt in die sozialen Kämpfe der zwanziger Jahre ein. Sie entwirft zunächst ein Schreckbild des Kapitalismus, in dem der Industriemagnat Fredersen (Alfred Abel) auf seine Stadt herabsieht, deren Reichtum von einer willenlos scheinenden Arbeitermasse in unterirdischen Fabrikhallen herbeigeschuftet wird. Dann jedoch wird Fredersens Sohn (Gustav Fröhlich) zum messianischen Helden, der die Gegensätze zwischen Oben und Unten aufhebt. "Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein!", so formuliert die spätere Hitler-Anhängerin Thea von Harbou eine mythische Lösung für ein reales Problem.

Überhaupt zeigt sich die Moderne in "Metropolis", die vom Bauhaus über den Konstruktivismus bis hin zu Art Deco aufscheint, immer im visuellen Kampf mit dem Alten, mit einer gotischen Kathedrale etwa oder einer Lehmhütte wie aus dem Schtetl. Und was den Inhalt angeht: da brodelt so vieles an Altem mit, da verliert die Moderne vollends gegen biblisch-religiöse Assoziationen und eine ins Reaktionäre geschobene Romantik. Ein Nachtclub dient hier dazu, die Bohème der zwanziger Jahre zu denunzieren, und während eine tugendhafte Frau namens Maria (Brigitte Helm), die die Massen immer wieder beschwichtigt, wie eine Heilige verehrt wird, endet ihre zum Aufruhr anstachelnde Roboter-Doppelgängerin als lüsterne Hexe auf dem Scheiterhaufen. "Metropolis" ist eben auch ein Revolutions-Verhinderungs-Film, in dem die Musik von Gottfried Huppertz in den Szenen, in denen der böse Aufruhr droht, warnend die "Marseillaise" anspielt!

Es hilft alles nichts, der deutsche Kultfilm "Metropolis" ist ein sehr ambivalentes Werk voller falscher Heilserwartungen, präziser noch: "Metropolis" ist ein präfaschistischer Spuk, in dem am Ende nicht mehr der Großkapitalist Fredersen oder sein büttelhafter Vorarbeiter (Heinrich George) Schuld tragen am Elend der Massen, sondern im jüdischen Erfinder Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) ein Sündenbock gefunden wird. "Der Film gefiel mir nicht, ich hielt ihn für albern und dumm", hat ein berühmter Regisseur in den späten sechziger Jahren erklärt. Man könne doch keinen sozial engagierten Film machen, so fuhr er fort, "in dem es heißt, der Vermittler zwischen Hand und Hirn ist das Herz. Ich meine, das ist doch ein Märchen." Dieser Regisseur, der sich schon damals der unkritischen Glorifizierung von "Metropolis" widersetzte, hieß übrigens Fritz Lang.
 
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