Was Sie schon immer über Heslach wissen wollten...

Artikel aus der S-Mitte vom 16.11.2011

Der Stadtplan von Stuttgart-Süd im Schatten römischer Platanen. So ist vor vier Jahren Ulf Stolterfohts 122 Seiten-Gedicht "Holzrauch über Heslach" in nur einem halben Jahr im Garten der Villa Massimo entstanden. Denn Stolterfoht, der Stipendiat an der Kulturakademie in Rom war, hatte seine ethnologischen Betrachtungen über den Stadtteil, in dem er aufgewachsen ist, bereits im Kopf. Jetzt wird das Mammutgedicht im Literaturhaus mit einer Ausstellung wiederbelebt, denn dort ist dem renommierten Experimentallyriker eine Ausstellung mit dem Titel "Handapparat Heslach" gewidmet. Beim wissenschaftlichen Arbeiten beinhaltet ein Handapparat die wichtigsten Hilfsmittel für den schnellen Zugriff und in der Ausstellung findet der Besucher alles, was er schon immer über Heslach in den 70er Jahren wissen wollte.

Aber Stolterfoht wäre nicht Stolterfoht, wenn er authentisches Wissen verbreiten würde. "Alles erfunden", sagt er. Pseudoautobiografisch sei der Band. So hat der 48-jährige die Sage erfunden, dass die Heslacher Kinder von Hunden aufgezogen wurden, weil ihre Eltern auf Wanderschaft gingen, um die Menschen mit Free Jazz zu unterhalten. Außerdem hat er den Bewohnern eine eigene Sprache angedichtet und das Gerücht in die Welt gesetzt, dass in den Jugendzimmern nicht der banale "Bravo"-Starschnitt von den Bee Gees hing, sondern einer von Helmut Heißenbüttel. Auch dieses gefälschte Relikt hängt jetzt im Literaturhaus. Der Wortkünstler Heißenbüttel lebte damals in Botnang und Stolterfoht verehrte ihn als Schüler des Karls-Gymnasiums. Als zwei Schülerzeitungsredakteure zum Heißenbüttel-Interview aufbrachen, ging er aus lauter Ehrfurcht nicht mit.

"Sie kamen dann mit einem skandalösen Text am Rande der Pornografie zurück", erzählt er. Und so steht jetzt auf der großen Zitate-Wand unter anderem eben jene Textpassage aus dem Gedicht, in der Stolterfoht diese Begebenheit schildert. Die betextete Wand bildet das Zentrum der Ausstellung. "Ich habe dafür Texte und Fragmente ausgewählt, zu denen es etwas anzumerken gibt", erklärt der Autor. Die Verweise unter seinen eigenen Texten sind somit Bestandteile des Handapparats.

In diesem gibt es tatsächlich auch Fotografien und Gegenstände aus den realen 70ern in Heslach zu sehen: Das Originalgeschirr aus dem Cafe Schurr, ein Gläschen, mit dem 1976 die Weinstube Heeb erstmals auf dem Weindorf vertreten war. Zwei Puppen aus dem Theater am Faden, das damals in einem Stück erklärte, wie aus Heslachern Blaustrümpfler wurden sowie eine Herrenleihbadehose aus dem Hallenbad. Und eine gefilzte Hommage an Aldo, den Airedale-Terrier, der den kleinen Ulf "aufgezogen" hat. Nach der Eröffnung am Freitag reist er wieder ab. Seit 20 Jahren lebt er in Berlin und lehrt für angehende Schriftsteller an der Leipziger Universität Lyrik.

Ausstellung Handapparat Heslach wird am Freitag, 16 Uhr, im Literaturhaus eröffnet.

Die Ausstellung läuft bis zum 29. Februar 2012.
 
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