Jane Eyre

Die Wildheit der Herzen

Rupert Koppold, veröffentlicht am 01.12.2011
Filmbeschreibung
Schwarze Leinwand, schwere Streichertöne, düsteres Rumoren. Und in dünnen Buchstaben, so als wären sie mühsam in die Dunkelheit geschrieben, der Name der Heldin, der auch Titel dieses Films ist: Jane Eyre. Dicke Holzläden werden nun aufgestoßen, frostig-blasses Licht blinzelt herein. Die etwa zwanzigjährige Jane (Mia Wasikowska) flieht aus dunkelgrauem Gemäuer, stürzt sich ebenso entschlossen wie verzweifelt hinaus in den Winter, hastet im langen Kleid durch karge Moor- und Heidelandschaft, kämpft sich in der Dämmerung durch Wind und Wetter, sieht in der Nacht schließlich ein Licht, das vom Ende der Welt her zu leuchten scheint, klopft an eine Tür, murmelt noch "Ich will sterben" – und bricht zusammen.

In einem Pfarrhaus hat Jane Zuflucht gefunden, orangewarm flackert Kaminfeuer in der Stube, freundlich-besorgte Gesichter schauen sie an. In einer Rückblende aber wird sie als Waisenmädchen wieder in ein Schloss gesetzt, ungeliebt von ihrer Tante, der Hausherrin, tyrannisiert von ihrem Cousin, eingesperrt in ein Spukzimmer, schließlich abgeschoben in ein Internat, das sich in kurzen, prägnanten Szenen als ein Hort der Demütigungen, der Bigotterie und des Rohrstock-Sadismus herausstellt. Für kurze Zeit findet Jane dort eine Freundin, die bald todkrank daniederliegt und trotzdem Trostworte findet. "Es gibt eine andere Welt da draußen", sagt sie. Und auch noch: "Du wirst das Glück finden!"

Willkommen im Reich der Charlotte Brontë! Eigentlich wird die Leinwand, was englische Heldinnen des 19. Jahrhunderts angeht, schon lange von Jane-Austen-Verfilmungen dominiert, von wohltemperierten Geschichten wie "Stolz und Vorurteil", "Verstand und Gefühl" oder "Sinn und Sinnlichkeit", die in kultivierten Herrenhäusern und domestizierter Natur von vernünftigen Verbindungen erzählen. Sicher, diese Geschichten erzählen auch von Gefühlen, aber diese finden nach einigen Irrungen und Wirrungen immer ein klug gewähltes und angemessenes Ziel. Hie und da aber wird Jane Austens aufgeklärt-gesittete Welt im Kino verdrängt von der düsteren Romantik der Brontë-Schwestern, von Emilys "Stürmischen Höhen" oder eben von Charlottes "Jane Eyre". Da ist die Leidenschaft mit dem Wahnsinn verwandt, da schlägt das Schicksal härter zu, da wird also heftiger gelitten, geliebt und gehasst, wüten Feuer in dunklen Gemächern, brausen Orkane über Berg und Tal.

Wie aus der Nacht herausgeholt und mit einer Musik versehen, die manchmal wie ein Requiem klingt, so sehen die Bilder von Schloss Thornfield aus, in dem Jane nun als Gouvernante das Mündel des abweisenden Hausherrn Rochester (Michael Fassbender) erziehen soll. Was hat es mit den abgeschlossenen und verbotenen Räumen auf sich, woher kommen die seltsamen Geräusche, die durch die rohen Mauern dringen, was für schreckliche Geheimnisse wollen sich hier aus der Vergangenheit in die Gegenwart drängen? Der Regisseur Cary Fukunaga ("Sin Nombre") hat die Romanvorlage verschlankt, die Chronologie aufgelöst, einige Charaktere anders gewichtet. Aber den Geist der Vorlage und deren Atmosphäre, die sich dem Idyllischen immer verweigert, hat er wunderbar übersetzt.

Und Fukunaga hat für seine verdichtete Adaption auch hervorragende Schauspieler gefunden: Jamie Bell etwa als hölzern-steifer Pfarrer, der Jane nach Indien auf eine Missionsstation mitnehmen will; Judi Dench als gütige Thornfield-Haushälterin, die viel weiß, aber wenig preisgibt; Michael Fassbender als verbitterter, im Unglück eingeschlossener Rochester, der seine neue Angestellte sarkastisch fragt: "Was ist Ihre Leidensgeschichte?" Und Mia Wasikowska als streng gescheitelte, nach außen sehr zurückhaltend wirkende Jane, in der jedoch ein innerer Aufruhr tobt, eine fast selbstzerstörerische Unbedingtheit des Gefühls. Sie hat sich ja verliebt in ihren Arbeitgeber! Und auch Rochester erwacht in ihrer Gegenwart langsam aus seiner Starre, nachdem es ihn schon bei der ersten Begegnung im Wald buchstäblich aus dem Sattel gehauen hat.

Die Wildheit der Herzen kollidiert hier mit dem Verstand, vor allem Rochester will einfach vergessen, was da mal war. So kommt es vor dem Traualtar zur Katastrophe, zu einem ungeheuerlichen sozialen Fauxpas, der nun wiederum in der Jane-Austen-Welt kaum gutzumachen wäre. Bei Charlotte Brontë aber, jedenfalls in der Interpretation von Cary Fukunaga, gehen am Ende zwei vom Leben schwer Versehrte aufeinander zu. Eigentlich ist alles vorbei, das Glück hat sich als zu zerbrechlich erwiesen. Aber vielleicht ist noch etwas zu kitten? "Ein Traum", sagt er in diesem Film, der so intensiv mit seinen Protagonisten mitfiebert. "Dann wach auf!", befiehlt sie.
 
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