Faust
Für einen Aufbruch ist es viel zu spät
Rupert Koppold, veröffentlicht am 19.01.2012
Filmbeschreibung
Vom Himmel hoch, da kommt er her, dieser "Faust"-Film von Alexandr Sokurov. Er hängt sich einen gerahmten Spiegel vor die Wolken und taucht dann, bevor man noch über dessen Funktion nachdenken kann, hinunter auf ein wie von Albrecht Altdorfer gemaltes Panorama, auf Meer und Berge, auf Mauern und Türme einer mittelalterlichen Stadt. Ganz ähnlich hat sich schon Friedrich Wilhelm Murnau 1926 dem Ort seines "Faust"-Films angenähert, der von Sokurov häufig zitiert wird. Einen solch schockierend-krassen Schnitt wie ihn nun aber der russische Regisseur vollführt, hätte Murnau sich damals nicht leisten dürfen. Plötzlich füllt ein Penis das Bild! Er gehört zu einer Leiche, in deren Gedärm Faust (Johannes Zeiler) und sein Assistent Wagner (Georg Friedrich) herumwühlen und der sie das Herz herausschneiden. Wo denn nun die Seele sei, will Wagner wissen. "Da ist nur Müll", konstatiert Faust und fragt resigniert: "Das Leben, wo versteckt es sich?"
Der metaphysische Überbau fängt hier schnell zu bröckeln an, in den Himmel jedenfalls wird dieses Drama nicht zurückführen. Also vorwärts in die Aufklärung? Aber dieser Faust, so unerschrocken er sich auch unter Bauchdecken umschaut, drängt nicht mehr richtig vorwärts, brennt nicht mehr bedingungslos für den Fortschritt, hat zu lange vergeblich nach etwas gesucht und ist nun ganz und gar ausgelaugt. "Wenn ich nur wüsste, dass das, was ich mache, einen Sinn hat", sagt er. Ein Zauderer und Zweifler, der zwar die Methoden seines Arzt-Vaters skeptisch beäugt – dieser wie eine Streckbank der Inquisition aussehende Behandlungstisch! –, der aber nicht weiß, wie er aus diesen dunklen Zeiten herausfinden kann. Fast wie einen Somnambulen lässt Sokurov seinen Faust durch eine Szenerie taumeln, die trotz realistischer Details wie ein albtraumhaftes Totenreich wirkt.
Dieses seltsame Dämmerlicht, dieser schimmelgrüne Schleier, diese verzerrte Optik: Sokurov holt sich nicht nur die Bilder und das körperbetonte Spiel der Darsteller, sondern auch die ausweglose Atmosphäre des expressionistischen Stummfilms in sein Werk. Wenn hier mal die Sonne scheint, dann scheint sie auf eine Beerdigung. Zum Beispiel auf die von Gretchens Bruder, den Faust in Auerbachs Keller getötet hat. Mephisto hat seinen Teil dazu beigetragen, wobei er hier Mauritius (Anton Adasinskiy) heißt und als Wucherer auftritt, eine groteske Erscheinung mit hagerem Gesicht und sich nach unten weitendem Körper. Wenn er sich im Badehaus nackt unter die Wäscherinnen mischt, sieht man vorne keinen Schwanz, dafür hinten ein Schwänzchen. Dieser Mauritius und sein Schuldner Faust gehen oft nebeneinander her und sprechen dabei, aber sie reagieren nicht wirklich aufeinander, führen eher Monologe denn einen Dialog.
Während andere russische Regisseure wie Nikita Michalkov ("Der Barbier von Sibirien") immer noch nationalistischen Großmachtsfantasien nachhängen oder sich wie Timur Bekmambetov ("Wächter der Nacht") für Hollywood bewerben, führt Alexandr Sokurov unbeirrt das Kunstkino von Tarkowski und Co. weiter. Er inszeniert seinen "Faust" vor allem visuell und manchmal in die düstere Romantik eines E.T.A. Hoffmann hinein, den Goethe nicht ausstehen konnte. Es dauert gut anderthalb Stunden, bis endlich der Pakt unterschrieben ist. Wobei es Faust dabei nur um eine Nacht mit Gretchen (Isolde Dychauk) geht, das Höhere interessiert ihn nur als orthografisches Problem. "Seele mit zwei e!"", sagt er, und verbessert Mauritius‘ Vorlage entsprechend. So richtig voran kommt die Geschichte trotzdem nicht, sie scheint sich sowieso nicht linear, sondern kreisförmig in der Zeit zu bewegen. Wenn aber Faust und Gretchen sich lange und wortlos ansehen, wenn ihre Großaufnahmen in unwirklich hellgelbem Licht aufleuchten, wenn sie auf diese Weise als Liebende der ganzen Welt entrückt sind, dann hält dieser Film für einen grandiosen Moment ganz still: Zum Gefühl wird hier die Zeit!
Dieses Kino ist dennoch unendlich weit entfernt vom kommerziellen Mainstream, es kommt dem Zuschauer keinen Zentimeter entgegen. Und doch und gerade deshalb ist dieser beinahe fatalistische (darf man sagen: dieser russifizierte?) "Faust"" ein Ereignis. "Verweile doch, das ist nicht schön!", sagt Mauritius am Ende zu seinem Begleiter, der sich aber allein in einer karg-schroffen Landschaft der Steine, Gletscher und Geysire davonmacht. Dieser Faust kommt weder in den Himmel noch in die Hölle, er geht ins ewige Eis.
Der metaphysische Überbau fängt hier schnell zu bröckeln an, in den Himmel jedenfalls wird dieses Drama nicht zurückführen. Also vorwärts in die Aufklärung? Aber dieser Faust, so unerschrocken er sich auch unter Bauchdecken umschaut, drängt nicht mehr richtig vorwärts, brennt nicht mehr bedingungslos für den Fortschritt, hat zu lange vergeblich nach etwas gesucht und ist nun ganz und gar ausgelaugt. "Wenn ich nur wüsste, dass das, was ich mache, einen Sinn hat", sagt er. Ein Zauderer und Zweifler, der zwar die Methoden seines Arzt-Vaters skeptisch beäugt – dieser wie eine Streckbank der Inquisition aussehende Behandlungstisch! –, der aber nicht weiß, wie er aus diesen dunklen Zeiten herausfinden kann. Fast wie einen Somnambulen lässt Sokurov seinen Faust durch eine Szenerie taumeln, die trotz realistischer Details wie ein albtraumhaftes Totenreich wirkt.
Dieses seltsame Dämmerlicht, dieser schimmelgrüne Schleier, diese verzerrte Optik: Sokurov holt sich nicht nur die Bilder und das körperbetonte Spiel der Darsteller, sondern auch die ausweglose Atmosphäre des expressionistischen Stummfilms in sein Werk. Wenn hier mal die Sonne scheint, dann scheint sie auf eine Beerdigung. Zum Beispiel auf die von Gretchens Bruder, den Faust in Auerbachs Keller getötet hat. Mephisto hat seinen Teil dazu beigetragen, wobei er hier Mauritius (Anton Adasinskiy) heißt und als Wucherer auftritt, eine groteske Erscheinung mit hagerem Gesicht und sich nach unten weitendem Körper. Wenn er sich im Badehaus nackt unter die Wäscherinnen mischt, sieht man vorne keinen Schwanz, dafür hinten ein Schwänzchen. Dieser Mauritius und sein Schuldner Faust gehen oft nebeneinander her und sprechen dabei, aber sie reagieren nicht wirklich aufeinander, führen eher Monologe denn einen Dialog.
Während andere russische Regisseure wie Nikita Michalkov ("Der Barbier von Sibirien") immer noch nationalistischen Großmachtsfantasien nachhängen oder sich wie Timur Bekmambetov ("Wächter der Nacht") für Hollywood bewerben, führt Alexandr Sokurov unbeirrt das Kunstkino von Tarkowski und Co. weiter. Er inszeniert seinen "Faust" vor allem visuell und manchmal in die düstere Romantik eines E.T.A. Hoffmann hinein, den Goethe nicht ausstehen konnte. Es dauert gut anderthalb Stunden, bis endlich der Pakt unterschrieben ist. Wobei es Faust dabei nur um eine Nacht mit Gretchen (Isolde Dychauk) geht, das Höhere interessiert ihn nur als orthografisches Problem. "Seele mit zwei e!"", sagt er, und verbessert Mauritius‘ Vorlage entsprechend. So richtig voran kommt die Geschichte trotzdem nicht, sie scheint sich sowieso nicht linear, sondern kreisförmig in der Zeit zu bewegen. Wenn aber Faust und Gretchen sich lange und wortlos ansehen, wenn ihre Großaufnahmen in unwirklich hellgelbem Licht aufleuchten, wenn sie auf diese Weise als Liebende der ganzen Welt entrückt sind, dann hält dieser Film für einen grandiosen Moment ganz still: Zum Gefühl wird hier die Zeit!
Dieses Kino ist dennoch unendlich weit entfernt vom kommerziellen Mainstream, es kommt dem Zuschauer keinen Zentimeter entgegen. Und doch und gerade deshalb ist dieser beinahe fatalistische (darf man sagen: dieser russifizierte?) "Faust"" ein Ereignis. "Verweile doch, das ist nicht schön!", sagt Mauritius am Ende zu seinem Begleiter, der sich aber allein in einer karg-schroffen Landschaft der Steine, Gletscher und Geysire davonmacht. Dieser Faust kommt weder in den Himmel noch in die Hölle, er geht ins ewige Eis.
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