J. Edgar

Der zwanghafte Retter der Freiheit

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 18.01.2012
Filmbeschreibung
Die letzte Chance Amerikas, der tapfere Retter der Freiheit, der unbeugsame Widersacher des organisierten Verbrechens, der unbestechliche Vereitler kommunistischer Wühlarbeit – so hat sich, der Mitbegründer und erste Direktor des FBI, stets gesehen und gern darstellen lassen. 37 Jahre lang, von 1935 bis zu seinem Tod im Amt am 2. Mai 1972, war er der mächtigste Polizist Amerikas und einer der einflussreichsten Männer der Bundesverwaltung, eine prominente und doch undurchschaubare Figur, Mitlenker des Staates, nie vom Volk gewählt, aber nach eigener Einschätz gänzlich unverzichtbar.

Porträtfilm "J. Edgar" zeigt uns den alten John Edgar Hoover, wie er in seiner Phase verdämmernder Macht seine Memoiren diktiert, wie er eine Folge junger FBI-Agenten in die Schreibmaschine tippen lässt, wie es zuging damals, als die USA angeblich am Rand des Untergangs standen und Hoover vom kleinen Rädchen in einer lachhaften Justizmaschine zum Schrecken der Schurken und zum Helden der braven Bürger wurde.

Zunächst inszeniert Eastwood die Rückblenden auch so, wie Hoover sich die Vergangenheit zurechtgelegt hat. Aber dann lässt er Fragen auftauchen, Widersprüche offenbar werden, Fiktionen platzen. Hoover, der Mann an vorderster Front, der an der Spitze eines Häufleins Agenten jene Bankräuber und Desperados dingfest macht, die sich vor den diversen Trüppchen Stadt- und Landespolizei längst nicht mehr fürchten? Dieser Hoover ist eine Propagandaerfindung, von Zeitungsschreibern, Comic- und Hörspielmachern sowie Hollywood und dem Fernsehen begierig aufgegriffen.

Eastwood zeigt den wahren Wirkungskreis von Hoover, das Büro in Washington und die Flure des Justizministeriums. Und er zeigt einige der hässlichen Seiten dieses vonfacettenreich, druckvoll, nie satirisch gespielten Mannes: Eitelkeit, Neid, Profilneurose und Rachsucht. Wenn er unter Druck von außen gerät, wenn er die Fiktion "Hoover macht das im Alleingang" nicht mehr aufrechterhalten kann, wenn der Name eines Agenten nach draußen schlüpft, der tatsächlich eine Verhaftung durchgeführt oder ein Feuergefecht überlebt hat, dann wird Hoover diesen Agenten schikanieren, aufs Abstellgleis schieben, aus dem FBI hinausekeln.

Der 81-jährige Eastwood hat sich längst zum Spezialisten für das Amerika von gestern und vorgestern entwickelt. Er schildert in klassischer Bildsprache die Atmosphäre und das Selbstverständnis anderer Zeiten und Milieus. Beinahe wird diese Abfolge strenger Porträts einer hierarchischen Welt, diese Studie einer Mischung aus Büropedanterie und Allmachtstrieb, ein Werbeclip für Recht und Ordnung, Sauberkeit und Krawattenpflicht. Bis das Kalte, Anmaßende, Erdrückende dieser Vision überhandnimmt und einem Hoovers Nische in Washington wie der Krankheitsherd einer doch auf Freiheit und Individualität pochenden Gesellschaft vorkommt.

Von Anfang an aber attackiert, entblößt, verhöhnt Eastwood einen Hoover nicht, eben jenen, der heutzutage fast reflexhaft als Kronzeuge gegen die Saubermannideologie ins Feld geführt wird, jenen Hoover, dessen eigene Sexualität so weit abwich von den Normen, die er im Lande zu erzwingen versuchte.

Hoover verfolgte nicht nur Gangster und vermeintlich Subversive, er ließ Politiker und Unternehmer bespitzeln, legte Akten über ihre Affären und Bettfreuden an, nutze sie zu allerlei Erpressungen und behandelte Schwule und Lesben als Verbrecher und Staatsfeinde.

Er selbst aber lebte vermutlich auch außerhalb des Büros mit seinem persönlichen Assistenten Clyde Tolson zusammen. Privat, behaupteten einige Zeugen nach Hoovers Ableben, habe der brutale Verfechter eines engen Anstands- und Zulässigkeitsbegriffs gerne Frauenkleider getragen. In den historischen Romanen von James Ellroy etwa taucht Hoover daher als Mischung aus Bestie und Witzfigur auf, als tollwütiger Heuchler in Strapsen.

Eastwood zeigt eine besondere Beziehung zwischen Hoover und Tolson (Armie Hammer), deren Rituale und Ausmaße er aber im Unklaren lässt. Das hat hier nichts mit Spannungserhöhung zu tun, das ist sichtlich Diskretion. Eastwood entwirft "J. Edgar" als Charakterdrama, als Geschichte eines Mannes, der sich lebenslang nicht vom Einfluss einer strengen Mutter (Judi Dench) lösen kann, der seine Schwierigkeiten mit anderen Menschen, mit Frauen, mit Spontaneität hinter der Maske der Macht verbergen möchte. Das ist bestechend inszeniert. Eastwood gelingt, was Oliver Stone in "Nixon" versucht hat – uns einen Watschenmann der Geschichte, einen, den man längst abgehakt hat, als Menschen neu erleben zu lassen.

Aber diese Methode birgt die Gefahr, das politische Wirken zu relativieren, umso mehr, als hier über weite Strecken Hoover selbst als Erzähler auftritt. Welche Auswirkungen Hoovers Treiben auf jene hatte, die in sein Fadenkreuz gerieten, die von seinen Agenten drangsaliert und nicht selten nach Verlust von Job und Reputation in den Selbstmord getrieben wurden, das wird hier kaum angedeutet.

Im Gegenteil, nur Hoovers Heldenmärchen von der Gangsterjagd werden andere Bilder gegenübergestellt. Hoovers Schilderung eines von Kommunisten und Anarchisten terrorisierten Amerika kurz vor dem Kollaps wird nicht widerlegt.

Terroristen erschießen von Dächern aus brave Kriegsveteranen, ganze Straßenzüge brennen, der nächste Bürgerkrieg scheint gerade auszubrechen – diese Szenen bringt Eastwood zur Wirkung, als wolle er behaupten, in solch einer Situation sei einer wie Hoover eben doch die letzte Rettung gewesen. Vielleicht kommt da in Eastwood der ideologische Dirty Harry durch.
 
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