Der Junge mit dem Fahrrad
Engel in der Kälte
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 09.02.2012
Filmbeschreibung
Kinderglaube ist manchmal biegsam wie eine Haselrute. Der 12-jährige Cyril lebt in einem Heim, weil sein Vater sich nicht um ihn kümmern will. Aber das Vertrauen dieses Jungen zerbricht nicht. Cyril (Thomas Doret) legt sich die Dinge so zurecht, dass der Vater draußen ihm drinnen Kraft gibt. Der Mann ist ein Fluchtpunkt, ein Ziel der Wünsche, eine stets offene Option. Das alles erfahren wir in "Der Junge mit dem Fahrrad", als auch Cyril nicht mehr träumen kann. Der Vater hat sich abgesetzt, die alte Wohnung steht leer. Sogar Cyrils Fahrrad, das Symbol besserer Tage, hat der Vater verscherbelt.
Cyril rennt gegen Mauern und Verzweiflung an. Wir lernen ihn als verbissenen Ausbrecher kennen, als einen, der nicht fassen kann, was man ihm erzählt, und der darum selbst zur Wohnung will, als sei die Geschichte vom verschwundenen Vater gewiss nur eine Lüge mehr in einer verlogenen Welt. Man muss ihm die Wohnung aufschließen und die leeren Räume zeigen, damit er begreift.
Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, Jahrgang 1951 und 1954, sind als Regisseure und Produzenten alles andere als Sozialromantiker. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist ihr Werk eine einzige Wetterstation zur Beobachtung des sozialen Dauerfrosts. Bei ihnen bekommen kleine Leute keine helfende Hand gereicht, sondern Schläge ins Genick. Gegen die Strauchelnden wird getreten, und Gestürzte lässt man liegen und erfrieren. Das macht die Armen, die Benachteiligten und die Verstörten meist nicht solidarischer, sondern gemeiner, härter, verschlagener.
Mit Cyrils Ausbruch aus dem Heim ist alles beieinander, was die Dardennes für eine Menschenmühle bräuchten: sture Paragrafen, verständnislose Autoritäten, verschlossene Türen und ein Verzweifelnder mit schrumpfendem Überblick. Aber etwas ist hier anders: das Wegschauen der Umstehenden wird durchbrochen.
Mit der von Cécile De France gespielten Samantha tritt eine Engelsfigur in den Filmkosmos der Dardenne-Brüder. Die junge Frau, durch nichts verpflichtet, gibt Cyril eine Chance. Sie nimmt ihn an den Wochenenden zu sich und hilft ihm, den Vater zu suchen. Das ist noch immer keine schöne Welt, durch die Cyril sich bewegt, aber sie hat Sommerlicht und Musik.
Sie hat auch eine negative Gegenkraft, den Jungganoven Wes, der starken Einfluss auf Cyril ausübt. Was dazu führt, dass der streckenweise zuversichtlichste Film der Dardennes auch einer ihrer spannendsten wird. Dass die Dardennes das Gute im Menschen zeigen, heißt nicht unbedingt, dass sie auf dessen Sieg setzen.
Cyril rennt gegen Mauern und Verzweiflung an. Wir lernen ihn als verbissenen Ausbrecher kennen, als einen, der nicht fassen kann, was man ihm erzählt, und der darum selbst zur Wohnung will, als sei die Geschichte vom verschwundenen Vater gewiss nur eine Lüge mehr in einer verlogenen Welt. Man muss ihm die Wohnung aufschließen und die leeren Räume zeigen, damit er begreift.
Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, Jahrgang 1951 und 1954, sind als Regisseure und Produzenten alles andere als Sozialromantiker. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist ihr Werk eine einzige Wetterstation zur Beobachtung des sozialen Dauerfrosts. Bei ihnen bekommen kleine Leute keine helfende Hand gereicht, sondern Schläge ins Genick. Gegen die Strauchelnden wird getreten, und Gestürzte lässt man liegen und erfrieren. Das macht die Armen, die Benachteiligten und die Verstörten meist nicht solidarischer, sondern gemeiner, härter, verschlagener.
Mit Cyrils Ausbruch aus dem Heim ist alles beieinander, was die Dardennes für eine Menschenmühle bräuchten: sture Paragrafen, verständnislose Autoritäten, verschlossene Türen und ein Verzweifelnder mit schrumpfendem Überblick. Aber etwas ist hier anders: das Wegschauen der Umstehenden wird durchbrochen.
Mit der von Cécile De France gespielten Samantha tritt eine Engelsfigur in den Filmkosmos der Dardenne-Brüder. Die junge Frau, durch nichts verpflichtet, gibt Cyril eine Chance. Sie nimmt ihn an den Wochenenden zu sich und hilft ihm, den Vater zu suchen. Das ist noch immer keine schöne Welt, durch die Cyril sich bewegt, aber sie hat Sommerlicht und Musik.
Sie hat auch eine negative Gegenkraft, den Jungganoven Wes, der starken Einfluss auf Cyril ausübt. Was dazu führt, dass der streckenweise zuversichtlichste Film der Dardennes auch einer ihrer spannendsten wird. Dass die Dardennes das Gute im Menschen zeigen, heißt nicht unbedingt, dass sie auf dessen Sieg setzen.
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