Leonberg
Glückliche Kinder toben im kalten Wald
Ein selbstbemalter Bauwagen tief im Wald. Das ist der einzige Raum des Waldkindergartens Leonberg. Für 20 Kinder, zwei Erzieherinnen und eine Praktikantin ist das zu wenig Platz, um dauernd vor der Kälte nach drinnen zu flüchten. Auch bei zwölf Grad minus heißt die Devise also: Draußen spielt die Musik.
Pascale Yazici stapft um 8.30 Uhr mit ihrer fünfjährigen Tochter Julide und ihrem dreijährigen Sohn Emile in den verschneiten Wald. Emile wird in ein paar Wochen im Waldkindergarten anfangen und ist heute schon mal zum eingewöhnen dabei. Seine große Schwester ist bereits ein alter Hase und schon seit zwei Jahren dabei.
Zusammen mit ihren Freunden schnappt sie sich sofort einen Porutscher – einen kleinen Plastikschlitten. Gemeinsam schlittern sie auf der dünnen Schneedecke den Hügel vor dem grünen Bauwagen hinunter. Trotz zwölf Grad unter null scheint keines der Kinder zu frösteln. „Bewegung ist der Schlüssel“, sagt Pascale Yazici. Sie macht sich auch bei extremer Kälte keine Sorgen, dass es ihrem Nachwuchs im Waldkindergarten nicht gut gehen könnten. „Als es vor ein paar Tagen minus 17 Grad hatte, ist man auf einen normalen Kindergraten ausgewichen und war mit den Kindern den ganzen Vormittag drinnen“, erzählt die Mutter. Das Ergebnis: „Julide und ihre Freunde haben protestiert und wollten trotz der Kälte lieber draußen sein.“ Den Waldkindergarten gibt es mittlerweile seit über zehn Jahren. Entstanden ist die Einrichtung aus einer Elterninitiative.
Ein paar naturverbundene Väter und Mütter haben ihre Sprösslinge damals auf einen Bollerwagen geladen und sind drei mal die Woche in den Wald marschiert. Daraus hat sich dann der Kindergarten entwickelt. Die Vorteile liegen für Pascale Yazici auf der Hand. „Die Kinder haben viel Bewegung und lernen die Natur kennen“, sagt sie, „und sie können ihre Kreativität ausleben.“ Denn fertiges Spielzeug gibt es nicht. Die Kinder nutzen, was sie finden und basteln sich ihre eigenen Spielsachen.
Rund um den Bauwagen haben die Erzieherinnen mit den Kindern gewerkelt. „An einem Holztisch spielen wir Kaufladen. Bezahlt wird bei uns mit Bucheckern“, erklärt Antje Jüttner, die Leiterin des Kindergartens. Ein paar Meter weiter haben die Kleinen aus Ästen einen Unterschlupf gebaut. „Das ist unser Schloss“, sagt die Erzieherin stolz.
„Wenn es sehr kalt ist, verbringen wir allerdings nur den halben Vormittag draußen“ erklärt sie. Zuerst geht eine Gruppe auf Expedition. Die anderen bleiben im Bauwagen und basteln. „Später gehen die dann raus und wir machen mit den Rodlern drinnen Musik.“
Speziell Omas und Opas sehen den Waldkindergarten oft etwas skeptisch. „Für viele Großeltern ist das hier ein Rückschritt, weil bei uns alles recht rustikal zugeht“, sagt die Leiterin. „Als Toilette nutzen wir zum Beispiel die Pieselbäume.“ Die Stämme an denen die Kinder ihr Geschäftchen machen, sind gekennzeichnet, damit dort nicht gespielt wird. „Wir Erzieherinnen haben unser eigenes abgestecktes Plätzchen im Wald“, sagt Jüttner und lacht.
Pascale Yazici, die Mutter von Julide und Emile, ist Pieselbäumen und nörgelnden Großeltern zum Trotz vom Waldkindergarten begeistert. „Wenn ich mit meinen Kindern spazieren gehe, erkennen die was ein Ahorn und was eine Kastanie ist“, sagt sie stolz, „und wenn im Wald Müll herumliegt, sammeln den die Kleinen ganz selbstverständlich auf.“
Mit all zu vielen Erkältungen haben die Erzieherinnen im Waldkindergarten nicht zu kämpfen – jedenfalls nicht bei den Kindern. „Die Kinderärzte sind von unseren Kleinen immer begeistert“, berichtet Antje Jüttner, „immer draußen sein, das härtet ab.“ Während die Kinder immer in Bewegung sind, stehen die Erzieherinnen oft nur dabei und beobachten. „Weil wir uns viel weniger Bewegen, frieren wir deutlich schneller“, sagt sie und zieht den Reißverschluss ihrer Winterjacke zu.
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