Extrem laut und unglaublich nah

Geschichten von Trennung und Verlust

Tim Schleider, veröffentlicht am 16.02.2012
Filmbeschreibung
Es gibt eine schöne halbe Stunde in diesem Film, der sich viel Zeit lässt, insbesondere zum Schluss. In diesem Intermezzo jedenfalls lernt der neunjährige Oskar einen seltsamen alten Mann kennen, der kein Wort spricht, sich nur mit Mimik, Gesten und kleinen Zetteln verständigt und den er der Einfachheit halber "Mieter" nennt, weil er Untermieter bei Oskars Großmutter ist. Der Junge würde schon gern wissen, warum sein neuer Bekannter nicht spricht. Aber das ist aus dem nun im wahrsten Sinne des Wortes nichts herauszukriegen. Zumindest eignet sich der Alte gut als Gefährte auf langen Reisen quer durch New York. Denn Oskar muss unbedingt noch ein Rätsel lösen.

Max von Sydow spielt eindrucksvoll diese stumme Rolle in Stephen Daldrys Lite­raturverfilmung "Extrem laut und unglaublich nah", in der ansonsten sehr viel geredet wird, und zwar in erster Linie von Oskar, der vielerlei Lebens- und Alltagsängste zu bewältigen hat und pausenlos darüber spricht, als Erzähler aus dem Off und als Figur im Bild. So ist das bei ihm von klein auf, sein junges Leben ist gestört, und das ist alles noch schlimmer geworden, seitdem Oskars Vater am 11. September 2001 im World Trade Center ums Leben gekommen ist. Früher haben die beiden viele Rätsel- und Geländespiele quer durch den Central Park miteinander getrieben; der Beobachter muss dies als eine Art Förderprogramm des Vaters für seinen verhaltensauffälligen Sohn betrachten. Nun glaubt Oskar wie unter Zwang, der tote Vater habe ihm ein letztes Rätselspiel hinterlassen: In einer Vase war ein Schlüssel versteckt. Wo ist das passende Schloss?

Wie kann die Kunst Bilder für die Katastrophe, für den eigentlich alle Bilderkraft übersteigenden Schrecken finden? Der US-Autor Jonathan Safran Foer hat dies 2005 in seinem Roman "Extremely loud and incredibly close" auf zweierlei Art versucht. Zum einen fragt er, wie die Angehörigen der Opfer fertig werden können mit der jähen Trennung und der Erschütterung ihrer Existenz. Oskars Schloss-Suche ist die Frage, wie viel Verbindung wir halten können und sollen mit dem Verlorenen und wie viel schmerzhafte Trennung nötig ist. Zum anderen ist Foers Bild die Stadt New York selbst, dieser unamerikanischste aller amerikanischen Orte als ständig gefährdeter, aber doch kraftvoller Tiegel der vielen Kulturen und unzähligen Individuen.

Oskar muss nun in den Wochen nach dem 11. September ziemlich viele dieser Individuen fragen, ob sie etwas zur Lösung seiner Schlüsselfrage beitragen können; dafür hat er sich ein eigenes Erfassungssystem erdacht. Wie gesagt, zeitweise hat der kleine Oskar-Darsteller Thomas Horn dabei den großen alten Theater- und Leinwanddarsteller Max von Sydow an seiner Seite; dann ergeben sich eine Reihe bewegender kleiner Blicke, Gesten, Momente. Es ergeben sich auch sonst viele Momente, in denen der Zuschauer berührt wird von Begegnungen mit Figuren, die so wie Oskar selbst Geschichten von Trennung und Verlust zu bewältigen haben. Aber je länger man im Nachhinein über diesen Film nachdenkt, desto stärker wird das Gefühl, dass es der Regisseur bei seiner Arbeit womöglich aufgegeben hat, vorsichtige Antworten auf komplizierte Fragen zu suchen. Weil es doch einen viel einfacheren Weg gibt, nämlich, die Zuschauer in einen Zustand des Dauergerührtseins zu versetzen.

Wobei dies angesichts der Hauptfigur noch am schwersten fällt. Stephen Daldry, der 2000 bei "Billy Elliot" so viel Geschick bei der Führung eines kleinen Schauspielers zeigte, ist nun der Agilität des überaus professionell agierenden Kinderdarstellers Thomas Horn kaum gewachsen. Durch Horn bekommt die Figur des Oskar, die ja eigentlich etwas Zerbrechliches, Zerrissenes haben müsste, mit ihrem Dauergeplapper eher etwas Nervensägiges. Auch Tom Hanks und Sandra Bullock als Eltern wirken nie wie verletzbare Individuen, sondern wie Idealtypen, die uns mit vielen schon tausendfach gehörten Dialogphrasen aus unzähligen anderen Bedrohungs- und Katastrophenfilmen nur erneut die moralische Stärke der amerikanischen Kleinfamilie demonstrieren sollen.

Die stärksten Verbündeten des Regisseurs im Kampf um die großen Gefühle sind aber eine fast pausenlos klimpernde und dudelnde Filmmusik sowie der problematische Hang Daldrys, in der letzten Viertelstunde jeden auch noch so winzigen zuvor entwickelten Konflikt in eitel Harmonie und Sonnenschein aufgehen zu lassen.

So bleibt zum Schluss nicht nur der Eindruck einer letztlich missglückten Literaturverfilmung. Schlimmer: man hat als ein Zuschauer, dem manche Szene dieses Films durchaus naheging, hinterher das Gefühl, Opfer eines sehr gut durchdachten Kalküls geworden zu sein. Summa summarum: über den 11. September und unsere Erinnerung daran gibt es in "Extrem laut und unglaublich nah" fast nichts zu lernen. Über New York ein wenig mehr. Sehr viel aber sagt uns der Film über die Sucht des US-Großkinos nach Absolution mittels tränentreibender Massenbetroffenheit. Aber ob das wirklich hilft?
 
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