In the Land of Blood and Honey

Liebe in Zeiten der Hölle

Tim Schleider, veröffentlicht am 23.02.2012
Filmbeschreibung
Über das anstehende Debüt der Filmregisseurin Angelina Jolie ist in den vergangenen Wochen so viel geschrieben und gesendet worden, dass wir ausnahmsweise und um der Klarheit willen mit einem Urteil beginnen: Ja, Angelina Jolie ist nicht nur als Fotomodel und als Schauspielerin begabt, sie kann auch einen abendfüllenden Spielfilm inszenieren und sie hat dabei einen politischen Anspruch, über dessen Inhalt man streiten mag, dessen Glaubwürdigkeit aber kaum in Abrede zu stellen ist. Die 36-jährige Amerikanerin mag mit ihrem Gatten Brad Pitt zu den Glamourglitzerpaaren der schönen reichen Welt gehören; aber sie verfolgt mit ihrem Film "In the Land of Blood and Honey" tatsächlich das unglamouröse Ziel, am Beispiel des Bürgerkrieges in Jugoslawien aufzuklären über die Schrecken von Völkerhass und Frauenunterdrückung – und zwar vorzugsweise jenes junge Kinopublikum, das Anfang der neunziger Jahre zu jung war, um die Geschehnisse intensiv registrieren und verarbeiten zu können.

Ajla ist eine muslimische Bosnierin, Danijel ein orthodoxer Serbe. Sie sind verliebt, sie flirten, sie tanzen innig in einem Club. So beginnt der über zweistündige Film, an originalen Schauplätzen gedreht und besetzt mit serbischen, kroatischen und bosnischen Schauspielern. Eine Explosion wird die innige Auftaktszene jäh beenden. Wer da welche Bombe gegen wen gezündet hat, lässt Jolie offen. Der Krach, das Feuer, die Schreie der Opfer dienen ihr in diesem Fall schlicht als Symbol: das friedliche multiethnische Zusammenleben ist beendet, der Krieg hat begonnen.

Gemeinsam mit einer Reihe anderer Muslima landet Ajla in einem Frauenlager der Serben, geführt ausgerechnet von Danijel, dessen Vater zu den führenden Generälen und Wortführern der serbischen Truppen zählt. Sogleich macht Jolie klar, dass die Frauen keineswegs nur gefangen sind, um den Serben so etwas wie den Kasernenhaushalt zu führen. Sie werden vom ersten Moment an mit Erniedrigung und Gewalt, vor allem mit willkürlichen Vergewaltigungen zu Menschen minderer Klasse, zu Tieren degradiert. Und die Frage, die sich aus dieser Konstellation ergibt, lautet: Wie weit ist der weiterhin liebende Danijel in der Lage, in dieser von ihm selbst bewirkten Hölle die Muslimin Ajla vor dem Allerschlimmsten zu bewahren? Und wie weit ist wiederum Ajla gewillt, trotz aller grauenhaften Umstände an ihrer Liebe zum Serbentäter Danijel festzuhalten?

Dieser Konflikt weiß den Zuschauer nun lange Zeit zu beschäftigen, zu bewegen und zu fesseln. Und er sieht dabei ein und nimmt ohne inneren Widerstand in Kauf, dass ihn die Regisseurin zum Augenzeugen drastischer Gewaltszenen macht, die aber nie zum Selbstzweck werden oder gar ins Voyeuristische abgleiten. Problematisch wird "In the Land of Blood and Honey" erst in dem Augenblick, da die Autorin Jolie aus dramaturgischen Gründen die innere Dynamik des Konfliktes zum Stillstand bringt, weil nämlich die Menschenrechtsaktivistin Jolie nicht wirklich die dramatische Geschichte eines Liebespaares in grauenhaften Kriegszeiten erzählen will – sondern das Schicksal des Liebespaares nur ein Mittel ist, um dem Zuschauer in größtmöglicher Vollständigkeit alle verbürgten Kriegsverbrechen vorführen zu können.

Die Säuberungen in den Städten, die Ermordung Intellektueller, die Scharfschützen auf den Bergen rund um Sarajevo, die Kriegsführung mit sogenannten menschlichen Schutzschilden, der Partisanenkrieg, das Zögern und Zaudern des Auslands, die Nutzlosigkeit der UN-Blauhelmsoldaten, schließlich die Intervention durch Luftangriffe der Nato – alles kommt vor, alles wird gezeigt, alles wird problematisiert. Und immer künstlicher und unglaubwürdiger wird die Konstruktion des multiethnischen Liebespaares, dessen Liebes- und Sexakte Jolie noch dazu in den sanften, weichen Farben eines ästhetischen Softpornos zeichnet. Was in diesem Zusammenhang aber weniger wie ein utopisches Gegenmodell zur krassen Wirklichkeit um sie herum wirkt, sondern einfach nur abgeschmackt und degoutant.

Je länger der Film dauert, desto mehr scheitert er an seinem Anspruch und wird allen edlen Motiven zum Trotz zum Verrat an der Sache. An den Talenten der Filmregisseurin Angelina Jolie ist nach diesem Film nicht länger zu zweifeln. Und dennoch hätte ihr wohl nur so etwas wie kluge Selbstbeschränkung beim Thema und bei den filmischen Mitteln zum gewünschten Ziel verhelfen können. So bleibt nach zwei Stunden voller Blut, Schreien und Tränen nur das mulmige Gefühle, dass sich Hollywood auch hier etwas anmaßt, was ihm ganz sicher nicht zusteht.
 
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