Glück
Große Gefühle wie frisch aus der Werbung
Tim Schleider, veröffentlicht am 23.02.2012
Filmbeschreibung
Wer Ferdinand von Schirachs Buchbestseller "Verbrechen" gelesen hat, der kennt sein Strickmuster: Der Rechtsanwalt erzählt in kurzen Berichten von allerlei monströsen Straftaten und versucht, all diese Schrecklichkeiten durch den Blick auf die Psyche der Täter und die zum Teil absurden Zufälle des Lebens zumindest nachvollziehbar zu machen. Über 200.000 Käufer hat das Buch gefunden. Das schreit natürlich nach Verfilmung. Wenn nicht so unklar wäre, was man daran verfilmen will. Die Straftaten? Ihre Aufklärung? Die Prozesse? Und das Ganze als Episodenmontage?
Doris Dörrie hat sich für einen anderen Weg entschieden. Sie greift einen Fallheraus – eine bizarre Leichenschändung – und erzählt mit sehr viel Anlauf deren Vorgeschichte. Denn vor dem Abgrund der Straftat sieht sie das Glück – ein Glück, das sich zwei Außenseiter unserer Gesellschaft erkämpft haben und für dessen Erhalt sie jedes Mittel einzusetzen bereit sind.
Irina ist mit Mühe und Not dem Bürgerkrieg auf dem Balkan entkommen und lebt nun als Illegale in Berlin. Dort lernt sie den Straßenjungen Kalle kennen. Beide bauen sich ein Nest in einem Mietshaus; er verdienst sein Geld als Prospektbote, sie das ihrige verkleidet mit blonder Perücke und Stiefeletten als Prostituierte. Das ist zweifellos immer noch Kampf, aber er wird ausgeglichen von Nähe und Zuneigung, von wachsender Wärme und unbedingtem Vertrauen zueinander in einer ansonsten feindlichen Umwelt. Eben von Glück.
Mit der Frische und Ausstrahlung der beiden Hauptdarsteller Alba Rohrwacher und Vinzenz Kiefer gelingt es Dörrie, den Zuschauer in diese Geschichte hineinzuziehen, auch wenn das Laborhafte der Situation immer wieder zum Vorschein tritt und die Regisseurin nicht davon lassen kann, ihre Szenen ständig wie auf dem Tableau und mit Zeigefinger so präsentieren. Bei allem demonstrativem Realismus sehen Irinia und Kalle im Übrigen doch selbst als Hure und Straßenjunge noch immer so lecker aus wie in einer H & M-Werbung.
Dörries Film scheitert letztlich an der völlig misslungenen Dramaturgie. Je länger das Glück andauert, desto ungeduldiger wartet der Zuschauer auf den fest zugesagten und plötzlich hereinbrechenden Schrecken. Und als der dann endlich kommt, muss die romantische Beziehungsgeschichte gleich zu einem Krimi umgepolt werden, in dem Matthias Brandt als Strafverteidiger und Maren Kroymann als Staatsanwältin zwei bis drei völlig unbeholfene Kurzauftritte nebst paragrafenschwangeren Plädoyers abzuliefern haben. Was von diesem Film in Erinnerung bleibt, ist schlussendlich weder das Glück noch das Urteil. Sondern ein paar für Doris Dörrie ungewöhnlich drastische Szenen, in denen man beim Zerteilen einer Leiche mit dem elektrischen Brotmesser zusehen darf.
Doris Dörrie hat sich für einen anderen Weg entschieden. Sie greift einen Fallheraus – eine bizarre Leichenschändung – und erzählt mit sehr viel Anlauf deren Vorgeschichte. Denn vor dem Abgrund der Straftat sieht sie das Glück – ein Glück, das sich zwei Außenseiter unserer Gesellschaft erkämpft haben und für dessen Erhalt sie jedes Mittel einzusetzen bereit sind.
Irina ist mit Mühe und Not dem Bürgerkrieg auf dem Balkan entkommen und lebt nun als Illegale in Berlin. Dort lernt sie den Straßenjungen Kalle kennen. Beide bauen sich ein Nest in einem Mietshaus; er verdienst sein Geld als Prospektbote, sie das ihrige verkleidet mit blonder Perücke und Stiefeletten als Prostituierte. Das ist zweifellos immer noch Kampf, aber er wird ausgeglichen von Nähe und Zuneigung, von wachsender Wärme und unbedingtem Vertrauen zueinander in einer ansonsten feindlichen Umwelt. Eben von Glück.
Mit der Frische und Ausstrahlung der beiden Hauptdarsteller Alba Rohrwacher und Vinzenz Kiefer gelingt es Dörrie, den Zuschauer in diese Geschichte hineinzuziehen, auch wenn das Laborhafte der Situation immer wieder zum Vorschein tritt und die Regisseurin nicht davon lassen kann, ihre Szenen ständig wie auf dem Tableau und mit Zeigefinger so präsentieren. Bei allem demonstrativem Realismus sehen Irinia und Kalle im Übrigen doch selbst als Hure und Straßenjunge noch immer so lecker aus wie in einer H & M-Werbung.
Dörries Film scheitert letztlich an der völlig misslungenen Dramaturgie. Je länger das Glück andauert, desto ungeduldiger wartet der Zuschauer auf den fest zugesagten und plötzlich hereinbrechenden Schrecken. Und als der dann endlich kommt, muss die romantische Beziehungsgeschichte gleich zu einem Krimi umgepolt werden, in dem Matthias Brandt als Strafverteidiger und Maren Kroymann als Staatsanwältin zwei bis drei völlig unbeholfene Kurzauftritte nebst paragrafenschwangeren Plädoyers abzuliefern haben. Was von diesem Film in Erinnerung bleibt, ist schlussendlich weder das Glück noch das Urteil. Sondern ein paar für Doris Dörrie ungewöhnlich drastische Szenen, in denen man beim Zerteilen einer Leiche mit dem elektrischen Brotmesser zusehen darf.
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