Filmkritik Stuttgarter Zeitung
Felicia, Mein Engel
Ruprecht Skasa-Weiß, 2000, veröffentlicht am 12.09.2001
Worauf versteht er sich besser, der wunderbare Filmemacher Atom Egoyan: aufs Ausmalen ureigener dramatischer Fantasien oder auf die sensitive, kongeniale Verfilmung von Romanen, welche ihn faszinieren? Für sein "Süßes Jenseits", gedreht nach dem Roman von Russell Banks, erhielt der kanadische Regisseur 1997 den Großen Preis der Jury von Cannes und zahlreiche sonstige Preise. Danach wollte er eigentlich wieder in die private Kreations- und Erinnerungskammer spähen, fahndend nach neuen Schicksalsmustern, Fallstudien der Obsession und der menschlichen Abhängigkeit. Denn Egoyan ist ein Equilibrist des Psychodrams, ein Meister des wohlaustarierten Beziehungsspiels zwischen Böse und Gut, Schuldig und Schuldlos. In seinen Filmen wohnt das Teuflische - und trotzdem sind sie auf Erlösung angelegt. In gewissem, besser gesagt: in weitestem Sinn mag man in Atom Egoyan einen religiösen Filmemacher erkennen.
Und vielleicht war es ebendas ja auch, was ihn erneut zu einem Roman hat greifen lassen, zu "Felicia's Journey", einer Erzählung des irischen Schriftstellers William Trevor. Denn die Geschichte vom schwangeren Irenmädchen und seinem fürsorglich-gütigen Helfer (er ist es wirklich, er ist es scheinbar) kommt Egoyans stiller Leidenschaft sehr entgegen, die dunklen Zonen in des Menschen Seele aufzusuchen, um dort Empathie zu erregen, Erlösungssehnsucht, ja endlich sogar die Hoffnung auf Gnade.
Obenhin wirkt der Erzählstoff trivial, wie aus dem Horrorkompendium der verkaufsförderlich durchpsychologisierten Serienkiller-Literatur hervorgefingert. Wieder mal geht es um einen Biedermann mit dem Gefühlsschalter in Kippstellung, normal/pervers, mitfühlend/todbringend, um eine klassische Fassadenexistenz also, deren Abgründe auszuloten erhebliche Längen an Senkblei verlangt, hie anpendelnd gegen den Wahnsinn, dort gegen die blanke Banalität. Der freundliche Psychopath von nebenan und das Mädchen, das ihm ums Haar anheim fällt (eine Entdeckung: Elaine Cassidy).
Egoyans Film gibt sich "leise", verhalten, und doch erstrahlen seine düsteren Geheimnisse in geradezu mythischem Licht, sonderbar fromm: Töten, begriffen als Barmherzigkeitsgeschäft, ausgeübt von einem selbsternannten Cicerone der Unterwelt, einem Sendboten des nie zu erratenden Schicksals - Verbrechen als Wirkmacht einer geheimen divinatorischen Ordnung, deren Grausamkeit so unvorhersehbar bleiben muss wie ihre Gnade.
Ein Doppelporträt: das Mädchen aus Irland und der sanfteste Serienkiller der Welt (was Wunder, da ein Bob Hoskins ihn spielt!); und auch der szenische Hintergrund enthält, wenn man so will, ein Doppelportät, zweierlei Landschaft, bewusste Setzung des Kontraposts im Milieu - hie Birminghams backsteinerne, von Maschinenlärm zerdröhnte Industrierevier-Tristesse, dort Irlands wiesengrüne, von maulwurfschwarzen Häuslein durchsprenkelte Hügelidyllik.
Dort droben in Irland könnte es schön sein, auch für Felicia, dieses verhuschte, jettäugige Engelsgeschöpf, in welchem still die Sehnsucht erster Liebe flackert. Aber der Vater ihres ungeborenen Kinds hat sich sang- und klanglos hinüberverdungen nach England, eben nach Birmingham (nicht einmal die Adresse ist ihr bekannt), und dass ihr eigener Vater sie anschreit als Hure und als Verräterin der irisch-patriotischen Sache, macht ihr das Weggehen zuletzt ziemlich leicht.
So begibt sie sich auf die Suche nach dem verschollenen Freund, eine naive junge Frau in Nöten - das prädestinierte Opfer für Mr. Hilditch, den betulichen Großküchenchef, der sie am Straßenrand anspricht, sie mitnimmt, ihr bei der Suche hilft, immer mal wieder, wie's der Zufall so bringt, und ohne dass er erkennbar etwas bezweckte.
Oder doch? Hilditchs Haus ist ein Konservatorium knäbischer Tage, ein Kindheitsmuseum, worin er selbst als Bewohner, Kurator, Wärter lebt, hilfreich gegen einsame junge Mädchen, die er aufnimmt bei sich - und zu Tode bringt, falls er sie anders nicht an sich binden kann. Seine grausen Delikte freilich bleiben im Dunkeln, die Kamera zeigt sie nirgends, kaum kann man sie ahnen.
So elegant wie diskret durchschießt Egoyan die Geschichte mit Rückblendpartikeln, Erinnerungssplittern, welche ihm jede expositorische Plumpheit ersparen, und entwirft das Design eines Sounds (Musik: Mychael Danna, wie schon in "Exotica" und im "Süßen Jenseits"), so intensiv, als hörten wir da eine eigene Erzählstimme. Paul Sarossys Kamera gleitet schier schwerelos, wahrt Distanz, strebt in die Totale. Erst vor dem Auge des zu Tische sitzenden Mr. Hilditch rückt, was gewesen war, bedrängend heran. Im blauen Videogeflimmer eines Fernseh-Kochlehrgangs steigt seine Kindheit auf, die allzeit dominante Mutter, die ihn dressierte zum bravgescheitelten Assistenzbuben. Ist das Erinnerung, ist es Gegenwart?
Hilditch träumt beides ineins, würgend, so wie er als Kind gewürgt hat nach dem Kostpröbchen der Mutter. Seitdem hat er es mit streunenden Mädchen, ein Blaubart der sanftesten Sorte. Bob Hoskins spielt diesen inkarnierten Spießbürgerunhold beklemmend adrett - nie hat sich ein Rachekomplex besser getarnt. Nur die tumbe schwangere Felicia bringt seine zartbesaitete Gemütsmenschenseele aus dem Konzept. Die Kleine hatte gesucht - und wird selber gefunden, von ihm. Was wird er tun? Sie rührt ihn anders an als alle Mädchen zuvor, sein Rückzug ist ein vollkommener. Auf dem Dachboden hängt er sich in die Schlinge.
So umkreist dieser Film typische Egoyan-Themen, die Verlorenheit zweier Seelen, das Ineinanderdrängen von Liebe und Destruktion, Unheil und Heil, Genusssucht und Ekel, geboren aus dem Trauma eines kleinen dicken Jungen, der seiner Mutter, einer Fernsehköchin, als Komparse dienen musste und der nun Abend für Abend in seiner Küche nach ihren Videos kocht, ein Gefangener seiner Vergangenheit, ein großes, schreckliches Kind. Die Engelsgeduld, mit der dieses großgewordene Bübchen abwartet, bis Felicia ihm endlich anheim fällt (anheim im wahrsten Sinne des Worts), verleiht dem Film etwas fantastisch Doppelbödiges - als wollte sich in seiner Inszeniertheit eine neue, eigene Inszenierung auftun.
Das Ergebnis: brillant wie nur je, ohne Frage. Und doch reicht der Film "Felicias Reise" in seiner Faszinations- und Verstörungskraft an die früheren Filme des Atom Egoyan nicht ganz heran. Nicht sein Thema, sondern die Schauspieler machen den Thriller sehenswert - und seine Bilder.
Und vielleicht war es ebendas ja auch, was ihn erneut zu einem Roman hat greifen lassen, zu "Felicia's Journey", einer Erzählung des irischen Schriftstellers William Trevor. Denn die Geschichte vom schwangeren Irenmädchen und seinem fürsorglich-gütigen Helfer (er ist es wirklich, er ist es scheinbar) kommt Egoyans stiller Leidenschaft sehr entgegen, die dunklen Zonen in des Menschen Seele aufzusuchen, um dort Empathie zu erregen, Erlösungssehnsucht, ja endlich sogar die Hoffnung auf Gnade.
Obenhin wirkt der Erzählstoff trivial, wie aus dem Horrorkompendium der verkaufsförderlich durchpsychologisierten Serienkiller-Literatur hervorgefingert. Wieder mal geht es um einen Biedermann mit dem Gefühlsschalter in Kippstellung, normal/pervers, mitfühlend/todbringend, um eine klassische Fassadenexistenz also, deren Abgründe auszuloten erhebliche Längen an Senkblei verlangt, hie anpendelnd gegen den Wahnsinn, dort gegen die blanke Banalität. Der freundliche Psychopath von nebenan und das Mädchen, das ihm ums Haar anheim fällt (eine Entdeckung: Elaine Cassidy).
Egoyans Film gibt sich "leise", verhalten, und doch erstrahlen seine düsteren Geheimnisse in geradezu mythischem Licht, sonderbar fromm: Töten, begriffen als Barmherzigkeitsgeschäft, ausgeübt von einem selbsternannten Cicerone der Unterwelt, einem Sendboten des nie zu erratenden Schicksals - Verbrechen als Wirkmacht einer geheimen divinatorischen Ordnung, deren Grausamkeit so unvorhersehbar bleiben muss wie ihre Gnade.
Ein Doppelporträt: das Mädchen aus Irland und der sanfteste Serienkiller der Welt (was Wunder, da ein Bob Hoskins ihn spielt!); und auch der szenische Hintergrund enthält, wenn man so will, ein Doppelportät, zweierlei Landschaft, bewusste Setzung des Kontraposts im Milieu - hie Birminghams backsteinerne, von Maschinenlärm zerdröhnte Industrierevier-Tristesse, dort Irlands wiesengrüne, von maulwurfschwarzen Häuslein durchsprenkelte Hügelidyllik.
Dort droben in Irland könnte es schön sein, auch für Felicia, dieses verhuschte, jettäugige Engelsgeschöpf, in welchem still die Sehnsucht erster Liebe flackert. Aber der Vater ihres ungeborenen Kinds hat sich sang- und klanglos hinüberverdungen nach England, eben nach Birmingham (nicht einmal die Adresse ist ihr bekannt), und dass ihr eigener Vater sie anschreit als Hure und als Verräterin der irisch-patriotischen Sache, macht ihr das Weggehen zuletzt ziemlich leicht.
So begibt sie sich auf die Suche nach dem verschollenen Freund, eine naive junge Frau in Nöten - das prädestinierte Opfer für Mr. Hilditch, den betulichen Großküchenchef, der sie am Straßenrand anspricht, sie mitnimmt, ihr bei der Suche hilft, immer mal wieder, wie's der Zufall so bringt, und ohne dass er erkennbar etwas bezweckte.
Oder doch? Hilditchs Haus ist ein Konservatorium knäbischer Tage, ein Kindheitsmuseum, worin er selbst als Bewohner, Kurator, Wärter lebt, hilfreich gegen einsame junge Mädchen, die er aufnimmt bei sich - und zu Tode bringt, falls er sie anders nicht an sich binden kann. Seine grausen Delikte freilich bleiben im Dunkeln, die Kamera zeigt sie nirgends, kaum kann man sie ahnen.
So elegant wie diskret durchschießt Egoyan die Geschichte mit Rückblendpartikeln, Erinnerungssplittern, welche ihm jede expositorische Plumpheit ersparen, und entwirft das Design eines Sounds (Musik: Mychael Danna, wie schon in "Exotica" und im "Süßen Jenseits"), so intensiv, als hörten wir da eine eigene Erzählstimme. Paul Sarossys Kamera gleitet schier schwerelos, wahrt Distanz, strebt in die Totale. Erst vor dem Auge des zu Tische sitzenden Mr. Hilditch rückt, was gewesen war, bedrängend heran. Im blauen Videogeflimmer eines Fernseh-Kochlehrgangs steigt seine Kindheit auf, die allzeit dominante Mutter, die ihn dressierte zum bravgescheitelten Assistenzbuben. Ist das Erinnerung, ist es Gegenwart?
Hilditch träumt beides ineins, würgend, so wie er als Kind gewürgt hat nach dem Kostpröbchen der Mutter. Seitdem hat er es mit streunenden Mädchen, ein Blaubart der sanftesten Sorte. Bob Hoskins spielt diesen inkarnierten Spießbürgerunhold beklemmend adrett - nie hat sich ein Rachekomplex besser getarnt. Nur die tumbe schwangere Felicia bringt seine zartbesaitete Gemütsmenschenseele aus dem Konzept. Die Kleine hatte gesucht - und wird selber gefunden, von ihm. Was wird er tun? Sie rührt ihn anders an als alle Mädchen zuvor, sein Rückzug ist ein vollkommener. Auf dem Dachboden hängt er sich in die Schlinge.
So umkreist dieser Film typische Egoyan-Themen, die Verlorenheit zweier Seelen, das Ineinanderdrängen von Liebe und Destruktion, Unheil und Heil, Genusssucht und Ekel, geboren aus dem Trauma eines kleinen dicken Jungen, der seiner Mutter, einer Fernsehköchin, als Komparse dienen musste und der nun Abend für Abend in seiner Küche nach ihren Videos kocht, ein Gefangener seiner Vergangenheit, ein großes, schreckliches Kind. Die Engelsgeduld, mit der dieses großgewordene Bübchen abwartet, bis Felicia ihm endlich anheim fällt (anheim im wahrsten Sinne des Worts), verleiht dem Film etwas fantastisch Doppelbödiges - als wollte sich in seiner Inszeniertheit eine neue, eigene Inszenierung auftun.
Das Ergebnis: brillant wie nur je, ohne Frage. Und doch reicht der Film "Felicias Reise" in seiner Faszinations- und Verstörungskraft an die früheren Filme des Atom Egoyan nicht ganz heran. Nicht sein Thema, sondern die Schauspieler machen den Thriller sehenswert - und seine Bilder.
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