Filmkritik Stuttgarter Zeitung

O brother, where art thou?

Thomas Klingenmaier, 2000 , veröffentlicht am 08.10.2001

Extremes Fehlverhalten erfordert extreme Ausreden. Das wusste schon Odysseus. Der Kerl kam zehn Jahre zu spät von der Arbeit nach Hause und tischte seiner Gattin Penelope unglaubliche Schwänke auf. Er bemühte die katastrophale Verkehrslage sowie die Kriminalität und gab seine Bummelei als erzwungene Überstunden wegen innerbetrieblicher Abteilungskämpfe aus, also wegen des Zanks im Olymp. Da muss einer schon blind wie Homer sein, um diesen Aufschneider als Helden zu feiern.

Doch die Betrügereien des Odysseus sind nun zumindest den Brüdern Joel und Ethan Coen aufgefallen, diesen verlässlichen Lieferanten abgründiger Kinofreuden. Darum ist in ihrer Variante des homerschen Epos, angesiedelt im Mississippi der dreißiger Jahre, Odysseus ein entsprungener Sträfling, der nur deshalb clever wirkt, weil seine ebenfalls in Ketten dahinhumpelnden Kumpane so umnachtete Hinterwäldler sind: George Clooney, John Turturro und Tim Blake Nelson spielen das täppische Trio mit Hingabe.

Das ist kein Wunder. Auch wenn die Filme der Coen-Brüder, "The Hudsucker Proxy", "Fargo" und "The big Lebowski" etwa, hoch komisch ausgetüftelte Uhrwerke sind, so fegt doch die Liebe zu den Figuren stets allen Eindruck des Mechanischen hinweg. Im Coen-Kino werden Genrefiguren so behandelt, als führten sie, nachdem ihre klassischen Geschichten zu Ende erzählt wurden, in einem Paralleluniversum ein interessantes Eigenleben, von dem uns nun Nachricht zukommt. In "Oh Brother, where art thou?" spuken nicht nur leicht und luftig und keinesfalls in Eins-zu-eins-Entsprechung die Motive der Odyssee umher (der Kampf der Götter ist der Wahlkampf der Gouverneurskandidaten). Hier werden auch Sträflingsfilme zitiert, Outlaw-Balladen und Streunerkomödien - der Filmtitel bezieht sich auf "Sullivan's Travels" von 1941, eine Komödie von Preston Sturges, in der ein Regisseur in Lumpenverkleidung für ein "Oh Brother, where art thou" betiteltes Projekt recherchiert.

Obendrein wird viel gesungen im neuen Coen-Spaß, und das dient nicht dem banalen Zweck, eine verkäufliche Soundtrack-CD zusammenzubekommen. Es hat mit dem Anliegen dieses Films zu tun, ein anderes, irreales, aber fortlaufend in Bann schlagendes Amerika zu suchen. Das Coen-Mississippi, am Computer Bild für Bild farbgefiltert, ist ein romantisches, wenn auch kein heiles Ländchen der noch vorhandenen, aber rapide sich einengenden Freiräume einerseits, der latenten Tyrannei andererseits, ein Land der Wirtschaftskrise, in dem weiße Bankraub-Desperados zu Volkshelden und schwarze Bürger zu Opfern des Mobs werden. Hier herrscht nicht nur einDurcheinander von Traum und Wirklichkeit, hier herrscht auch ein Durcheinander von links und rechts, progressiv und reaktionär, authentisch und künstlich. Die Landleute leisten Widerstand gegen eine Moderne und beharren auf einer guten alten Zeit, die sie nicht erlebt, sondern nur als Produkt der Unterhaltungsindustrie kennen gelernt haben.

Wie das geht, sieht man an den drei Flüchtigen. Sie verkleiden sich als Musiker und krähen bei einem kleinen Radiosender einen Countrysong auf Schellack. Das Lied - das merken sie gar nicht - wird ein Hit bei den Rednecks und Hinterdeichlern. Und das Urwüchsige ist manchmal ein reines Kunstprodukt, transportiert aber doch Wahrheit und löst noch im Betrug etwas aus, das der wahren Selbstfindung dienen kann. Das ist der Coen-Kommentar dazu, dass ein vitaler Teil der US-Musik-und-Bewusstseins-Industrie in der wertkonservativen Ecke steht, aber fast anarchistische Botschaften von der Autonomie des Einzelnen verkündet.

"Oh Brother..." ist eine Operette voller Blues, Bluegrass, Hillbilly und Cowboyjodlern, in der historische Elemente liebevoll zum Archetypischen verwoben sind. Der Film liefert uns die Bilder zu den nostalgischen Gefühlen, die solche Musik auslöst, und zersetzt sie gleich wieder. Das ist nicht entwertend gemeint, es soll uns nur zeigen, dass Heimat und Geborgenheit Fiktionen sind, die in uns liegen und die wir dort auskosten müssen: Der Traum ist das bessere Leben. Stuttgarter Zeitung
 
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