Coffee and Cigarettes

No Smoking, please!

Ulrich Kriest, veröffentlicht am 19.08.2004
Filmbeschreibung
Früher lösten Privatdetektive die unübersichtlichsten Fälle mit einer Kippe im Mundwinkel. Unvergessen die Nikotinschwaden, die durch Kettenraucherfilme wie "Casablanca" waberten. Von Dean Martin gar nicht zu reden! Im Western "Johnny Guitar - Wenn Frauen hassen" brachte Sterling Hayden die Sache dann auf den Punkt: "Was braucht ein Mann wirklich? Bloß eine Zigarette und eine Tasse Kaffee." Dass Sterling Hayden naiv war, davon erzählte bereits "Johnny Guitar", aber für Jim Jarmusch lieferte er die ideale Vorlage für ein langjähriges Kurzfilmprojekt, das als eine Art von visuellem Konzeptalbum in die Kinos kommt.

Augenzwinkernd ist "Coffee and Cigarettes" zudem eine Liebeserklärung an einen aus der Mode geratenen Lebensstil jenseits von Diäten und Fitnessstudios. Jarmusch lässt seinen Figuren die sprichwörtliche "Zeit für eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh’n" (Reinhard Mey) und erinnert an Zeiten, als es noch männlichkeitsstiftende Zigarettenwerbung in Rauch- und Verzehrkinos gab. Zwei, drei Figuren, viele Tassen Kaffee, eine Schachtel Zigaretten und sehr wenige, präzise Kamerabewegungen - Jim Jarmuschs Grundregeln für "Coffee and Cigarettes" scheinen spartanisch, entwickeln aber durch Popstar- und Schauspielerprominenz einen enormen Reichtum.

Die Ausgangsidee ist genial einfach: Prominente und ihre Images einander im Gespräch aussetzen. Natürlich geht es in "Coffee and Cigarettes" nur am Rande um den Konsum legaler Drogen, sondern vor allem um das Situative dabei, um Kommunikation und Sprache, um Erwartungen und Enttäuschungen, um Neid, Eitelkeiten, Lebenslügen, allerlei Anekdotisches und nicht zuletzt um den Trost, der in der Musik geborgen ist.

Man kann das kommunikative Handeln mit Habermas positiv sehen, aber Jarmusch erzählt auch von den Zwängen des Reden-Müssens, ohne etwas sagen zu wollen, von den Widersprüchen, von Höflichkeit und Langeweile, von untergründigen Gemeinheiten und präzisen Beleidigungen. Es ist passend, wenn ein direkt von oben fotografierter Mosaiktisch wie ein Schachbrett aussieht, denn wie beim Schach überlegen sich die Gesprächspartner ihre jeweiligen Züge sehr genau. Kommunikation ist Kampf, Dialoge sind elegante Duelle.

Jim Jarmusch ist einst mit Filmen wie "Stranger than Paradise" oder "Down by Law" als ein Choreograf des oberflächlichen Parlando wie auch des viel sagenden Schweigens bekannt geworden. Wie anders wäre "Coffee and Cigarettes" wohl geworden, hätte Jarmusch seinen ursprünglichen Plan des alljährlichen Drehens einer Episode realisiert? Hätte er vom Kommen und Gehen der Popmoden erzählt? Davon bleiben nun Fragmente: Gerade die alten Episoden sind erstaunlich gealtert, erscheinen noch mehr als Abfallprodukte der jeweiligen Spielfilme, ausgestattet mit insiderhaftem Humor. Erinnert sich jemand an Joie und Cinqué Lee? Spike Lees Geschwister? Erinnert noch jemand die Bedeutung, die Spike Lee 1989 hatte, als deren Beitrag entstand? Als in "Cousins?", der herausragenden Episode des Films, Alfred Molina einen Anruf von "Spike" erhält, denkt der wunderbar blasierte Brite Steve Coogan sofort an Spike Lee. Dabei sind wir - und natürlich auch der zuverlässig trendbewusste Jim Jarmusch - doch längst bei Spike Jonze angelangt!

Es gibt in "Coffee and Cigarettes" viel Licht und viel Schatten, was dem Film aber gut bekommt, weil er so mehr als die geschmäcklerische Zeitgebundenheit von Jarmuschs Darstellervorlieben dokumentiert. So zeigt "Coffee and Cigarettes" einerseits Pop als funktionierendes Gedächtniskraftwerk, weist aber zugleich auch darüber hinaus. In den späten Episoden hat Jim Jarmusch der Zufälligkeit des Erzählens ihr Gewicht genommen, indem er Motive sorgfältiger verknüpft und Sinn stiftet.

Hier, und nicht in der eitlen, lässig-aufdringlichen Ausstellung des ach so prominenten Freundeskreises und seiner Machomanierismen, beweist Jarmusch seine Qualitäten. Man kann im Zeitraffer nachvollziehen, wie ein gefallsüchtiger Szene-Filmemacher zu einem präzisen Erzähler und Beobachter wurde. Passend dazu stammt der beste Song des Films von Gustav Mahler.
 
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