American Splendor

Wahrer als das echte Leben

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 28.10.2004
Filmbeschreibung
Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das - halt, auch das klappt nicht. Harvey Pekar, ein frustrierter Mann aus Cleveland, Ohio, der nie richtig Tritt gefasst hat im amerikanischen Traum von der individuellen Glückseroberung, verfällt eines Tages auf eine der ältesten Kummerlinderungsmethoden. Er probiert, ob das Erzählen des Lebens beim Bewältigen des Lebens hilft. Und weil Harvey Pekar gerne Comics liest, versucht er sich nicht an einem Roman, sondern an fortlaufenden Zeichnungen.

Aber Harvey Pekar ist Gottes größter Pechvogel, der an dem Tag, an dem es Hummersuppe regnen wird, garantiert mit der Gabel aus dem Haus gegangen sein wird. Er kann gar nicht zeichnen. Er malt zwar ein paar Kästchen aufs Papier. Aber die Strichmännchen, die in den weißen Rechtecken umherstehen, sehen aus, als ob ein Polizeizeichner auf dem Strichmännchenplaneten mit besonders gedächtnisarmen Zeugen hätte arbeiten müssen.

Trotzdem bildet diese Nacht den großen Wendepunkt im Leben des Antihelden von "American Splendor" und den Ursprung des Films selbst. Pekar, der in dieser pfiffigen, bärbeißigen, ihre beschädigten Menschen liebenden Komödie sehr ergreifend von Paul Giamatti gespielt wird, den gibt es wirklich. Und es gibt Comics über sein Leben. Denn in seiner Nacht des Erzählens zeigt Harvey zum ersten Mal jene zielgerichtete Verbissenheit, die dann doch wieder viel mit dem amerikanischen Traum zu tun hat. Er zeichnet, obwohl er es nicht kann.

Die Strichmännchen, die Harvey malt, geben vorderhand nur für ihn ein Bild des Lebens ab. Aber Harvey kennt seit Jugendtagen einen Mann, der zeichnen kann: den Gegenkulturstar Robert Crumb. Ihm zeigt er seine Geschichten, diese skizzierten Drehbücher für richtige Comics (oder Filme). Und Crumb erkennt das Potenzial dieser Storyboards, liest fasziniert Pekars tagebuchartige Darstellungen des ganz normalen Frusts und zeichnet die ersten Bilder dazu. Für eine Weile wird Pekar dann sogar Stammgast bei David Letterman - als kaputter Hofnarr.

Man kann "American Splendor", der vom Dokumentarfilmteam Sheri Springer Berman und Robert Pulcini inszeniert wurde, als Komödie über ein Leben am Rande sehen: dort, wo Misslaune rasch in chronische Depression abschmieren kann, Wunderlichkeit in soziale Verwahrlosung, kritischer Geist in Paranoia. Als Film über den schmalen Rand zwischen angepasster Lüge und destruktiver Verweigerung.

Pekar arbeitet den ganzen Tag im Kunstlicht eines Klinikkellers, wo er die schlechten Blutwerte, die hoffnungslosen Röntgenaufnahmen, die miesen Operationsverläufe anderer Menschen abheftet, als könnten Schlauere als er eines Tages das Schicksal auf Grund dieser Aktenlage irgendwann zur Herausgabe all des gestohlenen Lebens verklagen. "American Splendor" ist also nicht in Versuchung, die Verschrobenheit seiner Hauptfigur zur anarchischen Dauerparty umzulügen. Man kann diese Comicverfilmung aber auch als ironische Betrachtung der Arbeitsteiligkeit in der Kunst genießen.

Harvey Pekars Comics sind von großer Direktheit, das Wort "authentisch" kommt einem schnell über die Lippen. Aber wenn fremde Hände zeichnen, was ein anderer erlebt und dann niedergeschrieben hat, wird das Element der Erfindung und Stilisierung auch dem Naivsten klar.

Von hier aus kann man weiterfragen: Schreibt Pekar etwa nur auf, was er mit seiner Frau Joyce (Hope Davis) erlebt, oder führt er sein Leben nun unbewusst auf eine bestimmte Art, die ihm Stoff für seine Comicerzählungen garantiert? Die Spannung zwischen Wahrheit, Kunst und Künstlichkeit ist das große, auf allen Ebenen angegangene Thema von "American Splendor".

Weshalb die Bilder hier - anders etwa als die der ebenfalls sehr gelungenen Comicverfilmung "Ghost World" - nicht wie normale Filmbilder aussehen möchten. Sie wollen den Apparat ihrer Entstehung nicht vergessen, sondern bewusst machen. Immer wieder werden Comicelemente integriert, kleine Textbalken nennen uns Ort und Zeit, die Leinwand verwandelt sich in eine Zeichnung, oder Schauspieler stehen plötzlich in einem eingerahmten Filmbild, aus dem sie wie ein aus dem Fenster kletternder Einbrecher herausklettern können - in eine weitere Kunstwelt. So tauchen denn auch der echte Harvey Pekar und andere reale Vorbilder für Filmfiguren vor der Kamera auf. Aber diese echteren Menschen werden in eine Studiolandschaft platziert, die falscher - besser gesagt, gestellter - wirkt als die Filmkulisse zuvor. Das wäre alles kein Kunststück, käme es angestrengt avantgardistisch daher. Als ganz zugängliche Komödie aber ist es große Kunst. Mit anderen Worten: das muss man gesehen haben. Das ist jetzt die reine Wahrheit.
 
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