Jonathan Franzen
Die 27ste Stadt
Kolja Mensing, Stuttgarter Zeitung vom 07.10.2003, veröffentlicht am 22.11.2004
Foto: Verlag
Jonathan Franzens "Korrekturen" haben sich in den letzten zwei Jahren allein in den USA mehr als eine Million Mal verkauft. Franzen hat unzählige Interviews und einen Marathon von Lesereisen absolviert, und als er kürzlich nach Berlin kam, musste er sogar die Premiere seines (beinahe) neuen Romans "Die 27ste Stadt" pünktlich beenden, um anschließend mit Maybrit Illner über die Folgen des 11. September zu talken.
Die Zeiten, in denen Franzen aus Prinzip nicht in populären Fernsehsendungen aufgetreten ist, sind also vorbei. Ganz eins mit seinem Starruhm ist Franzen, der einmal die Einsamkeit als Voraussetzung schriftstellerischer Arbeit beschrieben hat, allerdings nicht. In Berlin erkundigte sich ein Zuhörer, ob der Erfolg nicht seine weitere Arbeit gefährde: "Ich befürchte", antwortete er verlegen, "dass ich mir selbst darüber noch nicht im Klaren bin." Nun hat er in den USA bereits zwei erfolglose Romane veröffentlicht. Bevor er sich also an den Nachfolger zu den "Korrekturen" macht, kann er jetzt auf die Reaktionen zur deutschen Übersetzung seines im Original bereits vor 15 Jahren erschienenen Debütromans warten.
"Die 27ste Stadt" spielt 1984, und es ist merkwürdig, wie unschuldig das Amerika Ronald Reagans aus heutiger Sicht wirkt. Afghanistan ist nur "ein Feld beim Brettspiel Risiko". Auch wenn in St. Louis, dem Ort der Handlung, das eine oder andere Unternehmen von Rüstungsaufträgen profitiert, so wird das eigentliche Geld doch in der Immobilienbranche gemacht: "Gewerbefläche, Wohnfläche, Parkplatzfläche, entworfen nicht von Meisterarchitekten, sondern von Finanzjongleuren". Mitten in diese hoffnungsvolle Stimmung platzt Jammu, eine Inderin, die das Amt des Polizeichefs von St. Louis übernimmt. Auch sie beteiligt sich am neoliberalen Aufbruch, allerdings unter den Regeln der Dritten Welt. Um einen groß angelegten Immobilienschwindel vorzubereiten, besticht sie Politiker und installiert Wanzen in den Wohnzimmern und Büros der städtischen Elite - und schreckt dabei auch nicht vor kleineren Bombenanschlägen zurück.
Heute klingt das angesichts von Ground Zero geradezu prophetisch. Man darf dabei nicht vergessen, dass der spielerische Umgang mit terroristischen Bedrohungsszenarien in den Achtzigern eine literarische Modeerscheinung war. So spürt man in Franzens Debüt auch den Einfluss seiner Vorbilder Thomas Pynchon und Don DeLillo. "Die 27ste Stadt" ist jedoch bestimmt keine postmoderner Fingerübung, sondern ein raffiniert konstruierter Roman, der sich stilsicher entlang der Grenze zur politischen Satire bewegt.
Der Zerfall der Kleinfamilie, den Franzen später so böse in den "Korrekturen" beschrieben hat, taucht am Rande auf, aber das eigentliche und für ein Debüt gar nicht kleine Thema ist der Verfall der korrupten und gelähmten amerikanischen Gesellschaft: "Sie begriffen nicht", schreibt Franzen an einer Stelle über die politischen Kommentatoren, die zusehen müssen, wie eine indische Polizeichefin eine ganze Großstadt manipuliert, "dass Amerika dem Zeitalter des Handelns allmählich entwuchs". - Heute muss man angesichts des kriegerischen Aktionismus der Bush-Regierung wohl sagen, dass Franzen sich in diesem Punkt tragisch geirrt hat, aber das macht "Die 27ste Stadt" nicht weniger lesenswert. Und wahrscheinlich schreibt er ja noch einen Roman ...
Die Zeiten, in denen Franzen aus Prinzip nicht in populären Fernsehsendungen aufgetreten ist, sind also vorbei. Ganz eins mit seinem Starruhm ist Franzen, der einmal die Einsamkeit als Voraussetzung schriftstellerischer Arbeit beschrieben hat, allerdings nicht. In Berlin erkundigte sich ein Zuhörer, ob der Erfolg nicht seine weitere Arbeit gefährde: "Ich befürchte", antwortete er verlegen, "dass ich mir selbst darüber noch nicht im Klaren bin." Nun hat er in den USA bereits zwei erfolglose Romane veröffentlicht. Bevor er sich also an den Nachfolger zu den "Korrekturen" macht, kann er jetzt auf die Reaktionen zur deutschen Übersetzung seines im Original bereits vor 15 Jahren erschienenen Debütromans warten.
"Die 27ste Stadt" spielt 1984, und es ist merkwürdig, wie unschuldig das Amerika Ronald Reagans aus heutiger Sicht wirkt. Afghanistan ist nur "ein Feld beim Brettspiel Risiko". Auch wenn in St. Louis, dem Ort der Handlung, das eine oder andere Unternehmen von Rüstungsaufträgen profitiert, so wird das eigentliche Geld doch in der Immobilienbranche gemacht: "Gewerbefläche, Wohnfläche, Parkplatzfläche, entworfen nicht von Meisterarchitekten, sondern von Finanzjongleuren". Mitten in diese hoffnungsvolle Stimmung platzt Jammu, eine Inderin, die das Amt des Polizeichefs von St. Louis übernimmt. Auch sie beteiligt sich am neoliberalen Aufbruch, allerdings unter den Regeln der Dritten Welt. Um einen groß angelegten Immobilienschwindel vorzubereiten, besticht sie Politiker und installiert Wanzen in den Wohnzimmern und Büros der städtischen Elite - und schreckt dabei auch nicht vor kleineren Bombenanschlägen zurück.
Heute klingt das angesichts von Ground Zero geradezu prophetisch. Man darf dabei nicht vergessen, dass der spielerische Umgang mit terroristischen Bedrohungsszenarien in den Achtzigern eine literarische Modeerscheinung war. So spürt man in Franzens Debüt auch den Einfluss seiner Vorbilder Thomas Pynchon und Don DeLillo. "Die 27ste Stadt" ist jedoch bestimmt keine postmoderner Fingerübung, sondern ein raffiniert konstruierter Roman, der sich stilsicher entlang der Grenze zur politischen Satire bewegt.
Der Zerfall der Kleinfamilie, den Franzen später so böse in den "Korrekturen" beschrieben hat, taucht am Rande auf, aber das eigentliche und für ein Debüt gar nicht kleine Thema ist der Verfall der korrupten und gelähmten amerikanischen Gesellschaft: "Sie begriffen nicht", schreibt Franzen an einer Stelle über die politischen Kommentatoren, die zusehen müssen, wie eine indische Polizeichefin eine ganze Großstadt manipuliert, "dass Amerika dem Zeitalter des Handelns allmählich entwuchs". - Heute muss man angesichts des kriegerischen Aktionismus der Bush-Regierung wohl sagen, dass Franzen sich in diesem Punkt tragisch geirrt hat, aber das macht "Die 27ste Stadt" nicht weniger lesenswert. Und wahrscheinlich schreibt er ja noch einen Roman ...
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